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Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff 88-jährig in Berlin gestorben

„Hier stirbt es sich bequemer“ Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff 88-jährig in Berlin gestorben

Schreiben war für Angelika Schrobsdorff immer auch eine Art Therapie, um fertig zu werden mit dem, was sie erlebt hast. Nun ist die Autorin im Alter von 88 Jahren in ihrer Heimatstadt Berlin gestorben

Angelika Schrobsdorff 2007.
 

Quelle: dpa

Leipzig.  „Hier stirbt es sich bequemer“, hatte Angelika Schrobsdorff 2006 mit dem ihr eigenen Sarkasmus gesagt, als sie aus Jerusalem nach Berlin-Grunewald zurückkehrte, an den Ort ihrer Kindheit. Hier war sie einst als Tochter des aus wohlhabender christlicher Unternehmerfamilie stammenden Erich Schrobsdorff und der Jüdin Else Kirschner aufgewachsen. Mit zwei älteren Halbgeschwistern erlebte sie noch Jahre des Wohlstands in einem intellektuellen Elternhaus – angefüllt mit Theater, Konzerten und Ferien im Sommerhaus.

Sie ist ein Backfisch, als ihr Bruder Peter Schwiefert das Haus verlässt und in die Welt geht, weil er als sogenannter Halbjude die antisemitische Hetze nicht mehr ertragen kann. Kurz vor dem Novemberpogrom 1938 („Kristallnacht“) flüchtet er nach Portugal. Immer verfolgt, ohne Visa und bald ohne Geld, schlägt er sich hungernd quer durch Europa und nimmt ab 1940 als Soldat in den Freien Französischen Streitkräften am Wüstenkrieg in Nordafrika teil: Syrien, Libyen, die Schlacht von Bir Hakeim „quer durch das Feuer der Herren vom Afrika-Korps“, schreibt er an die Mutter. Ein verschnürter Karton voller Briefe von einem jungen Mann, der studieren wollte, drei Sprachen beherrschte und nicht als Soldat geboren wurde. Er stirbt am 7. Januar 1945, zwei Tage nach seinem 27. Geburtstag, durch eine Granate im Elsass. Kurz vor seinem Tod schreibt er: „Und siehst Du Mutti, was man unseren Leuten angetan hat, all den anderen Juden, die kein Glück gehabt haben und nicht flüchten konnten – was man ihnen getan hat dort in den polnischen Lagern … Wie sie gequält, gemordet haben, systematisch ausgerottet, kalt vernichtet! Das verlangt eine so schreckliche Rache …“

2013 gab Angelika Schrobsdorff diese Briefe kommentiert heraus. „Der Vogel hat keine Flügel mehr“ ist der berührende Schlusspunkt einer berührenden Familiengeschichte und nun wohl auch der Schlusspunkt Schrobsdorffschen Schaffens. Damals war sie schon recht schwach, empfing zum Gespräch im Schlafzimmer ihrer Berliner Wohnung. Sie konnte immer noch messerscharf formulieren: „Meine Aufgabe war es, zu ergründen, was passiert ist mit den Juden, und warum es passierte. Das ist eine Geschichte, die ziemlich unwiderruflich ist, weil es sich da um die Elite gehandelt hat. Die weg war und weg ist, und man sieht es überall, da kommt nichts mehr. Da haben sich die Deutschen sehr ins eigene Fleisch geschnitten.“

1939 flieht die Mutter Else mit den Töchtern Angelika und Bettina aus Deutschland nach Bulgarien. Sie heiratet formal einen Bulgaren, um ausreisen zu können, Erich Schrobsdorff sorgt aber weiter für die Familie – so weit das möglich ist. In ihrem wohl wichtigsten Buch, der großen romanhaften Biographie „Du bist nicht so wie andere Mütter“ (1992), setzt die Schrobsdorff ihrer Mutter ein Denkmal und zeigt in einem Gesellschaftspanorama, wie die Nazizeit eine lebensfrohe Familie quasi über Nacht ins Unglück stürzt.

Bulgarien: „Es war ein schönes fruchtbares Agrarland, ein Bauernvolk von großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft – slawische Seelen …, Menschen mit Freude am Essen und Trinken, Singen und Tanzen …“ Im März 1943 stehen die Viehwaggons bereit, in denen die 48 000 in Bulgarien lebenden Juden in die Vernichtungslager deportiert werden sollen. Der stellvertretende Parlamentspräsident Dimitar Peschew (1894–1973), ein Konservativer, bringt in einer leidenschaftlichen Aktion den Zaren Boris III. dazu, die Aktion zu stoppen. Kein Jude wird von Bulgarien ausgeliefert. Angelika Schrobsdorff bekannte: „Ich bin diesem Land sehr dankbar!“ Über ihre Sicht auf Bulgarien und die Menschen dort hat sie in „Die Reise nach Sofia“ und „Grandhotel Bulgaria“ Zeugnis abgelegt, mit Augenzwinkern geschriebene Reiseerzählungen über Liebe, Freiheitssehnsüchte, Glück und Konsum in Ost und West, das Ende des Kommunismus, damit verbundene große Hoffnungen und herbe Enttäuschungen.

1947 kehrt Angelika Schrobsdorff an der Seite eines jungen Offiziers der US-Army aus Bulgarien nach Deutschland zurück. Mit dem Schreiben beginnt sie Ende der 50er, und mit „Die Herren“ (als Vorabdruck im „Stern“) gelingt ihr 1961 der Durchbruch. Das Buch, das wegen seiner Freizügigkeit für Aufsehen sorgt, wird in sieben Sprachen übersetzt und in Deutschland ein Bestseller. Sie hat in ihren Romanen und Erzählungen – es sind über ein Dutzend - immer auch über sich und Stationen ihres Lebens geschrieben.

Anfang der 70er lebt sie mit ihrem dritten Ehemann, dem Filmemacher Claude Lanzmann („Shoah“, 1985), in Paris, bevor sie 1983 nach Jerusalem übersiedelt. In „Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem…“ schreibt sie über das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Arabern. Eine „bittere Bestandsaufnahme über den Zerfall der israelischen Gesellschaft unter dem Druck der alltäglichen Gewalt“, schrieb der „Stern“. „Ich bin politisch geworden“, sagte die Schrobsdorff. Und, 2008, als sich die Finanzkrise schon zeigte: „Der große Wirtschaftskrach muss kommen. Und eigentlich begrüße ich das. Ich kann zwar nicht mehr als Klofrau gehen, dazu ekle ich mich zu sehr. Und als Putzfrau bin ich zu schwach. Aber ich begrüße das, denn die Welt braucht diese Strafe und ich hoffe, dass sich viele, viele aus den Fenstern stürzen ...“

Während eines Sommeraufenthalts in Heiligendamm hatte sie Zeit für Gespräche. Bei Rotwein und Zigaretten ging es um dies und das und die DDR. Schrobsdorff berichtete, wie sie mit Inge Heym, der Witwe des aus Chemnitz stammenden Schriftstellers Stefan Heym (1913–2001), das Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ im Kino gesehen hatte. Danach fragte die Heym, wie es ihr gefallen habe. „Ich weiß nicht, ich habe solche Angstzustände bekommen“, antwortete die Schrobsdorff. Inge Heym: „Was? Das war doch gequirlte Scheiße!“ Schrobsdorff: „Das empfand ich nicht so. Der nahtlose Übergang vom Faschismus in diese andere Periode, das hat mich schon sehr stark berührt und entsetzt. Und wenn es wirklich so war, mit dem Abhören und Anzeigen – die Deutschen zeigen ja sehr gern an! – dann war es kein Zuckerschlecken …“

Sie hat oft geschrieben, ihr ginge es um Gerechtigkeit – auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Warum ist es so schwer, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen? Schrobsdorff: „Gerechtigkeit ist eng mit Wahrheit verbunden. Da schrecken alle zurück, weil sie Dreck am Stecken haben. Und wo keine Wahrheit ist, da ist auch keine Gerechtigkeit …“

Das Schreiben war für sie auch immer eine Art Therapie, um mit dem fertigzuwerden, was sie erlebt hat. Aber schon vor Jahren sagte sie: „Die ist mir jetzt abhanden gekommen, diese Therapie. Ich wache auf bei Gesprächen wie diesen und versprühe noch einmal mein Gift. Aber im Grunde bin ich schon tot.“ Es ist noch einige Zeit ins Land gegangen und sie hat noch viele kluge Sätze gesagt. Am vergangenen Samstag war es soweit. Angelika Schrobsdorff, geboren am 24. Dezember 1927, ist in Berlin in einem Krankenhaus gestorben. In Ihrem Telefonbüchlein hatte sie verschiedene Nummern mit einem Stern versehen. Gestern rief ihre langjährige Betreuerin Suzana an und sagte leise: „Herr Emendörfer, Sie hatten einen Stern …“

Von Jan Emendörfer

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