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Schriftstellerin Christa Wolf ist tot

Schriftstellerin Christa Wolf ist tot

Leipzig. Christa Wolf ist tot. Die Schriftstellerin starb am Donnerstag im Alter von 82 Jahren in Berlin. Das teilte der Suhrkamp Verlag mit, in dem ihre Werke zuletzt erschienen sind.

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Christa Wolf ist im Alter von 82 Jahren gestorben.

Quelle: dpa

Berlin. Mit Christa Wolf verstummt eine große Stimme der deutschen Literatur.

Es war im Herbst 1989, als auf dem Berliner Alexanderplatz eine halbe Million Menschen demonstrierten für Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Von einem grob gezimmerten Podium sprachen vor allem Künstler, Schauspieler und Schriftsteller, mit denen sich die Hoffnung verband auf eine reformierte DDR, auf die Freiheit des Denkens. Ihre Stimme hatte Gewicht.

Dafür stand auch Christa Wolf mit ihren Büchern wie mit ihrer Einmischung. Damit blieb sie sich treu. „Verblüfft beobachten wir die Wendigen“, sagte sie an jenem 4. November, „misstrauisch starren wir auf manche plötzlich ausgestreckte Hand, in manches vorher so starre Gesicht. (...) Wir fürchten, benutzt zu werden. Und wir fürchten, ein ehrlich gemeintes Angebot auszuschlagen.“ Jede revolutionäre Bewegung, sagte sie, befreit auch die Sprache.

Eine Befreiung, die ihr nicht alle zugestanden. Nicht was sie schrieb, geriet in den Fokus, sondern was sie nicht schrieb. Bis zum Mauerfall war Christa Wolf als gesamtdeutsche Autorin wahrgenommen, gefeiert worden, danach erst als DDR-Schriftstellerin verkapselt, die zwar kritisch, aber immer auch konform gewesen sei. Ihre dünne Täterakte als IM „Margarete“ sollte schwerer wiegen als 42 Akten-Bände über sie und ihren Mann, den Schriftsteller Gerhard Wolf.

Auch von dieser Irritation, 1958 die Staatssicherheit nicht sofort in die Wüste geschickt und überdies das Ganze vergessen zu haben, handelt ihr letzter Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ (2010). Nach der Erfahrung, dass der Blick in die Protokolle die Vergangenheit zersetzt und die Gegenwart gleich mit vergiftet, schleudert diese eine Akte sie „unvorbereitet in eine andere Kategorie Mensch“: „Deine Schrift in einem offenbar harmlosen Bericht über einen Kollegen, Berichte zweier Kontaktleute über drei oder vier ,Treffs’ und die Tatsache, daß sie dich unter einem Decknamen geführt hatten, machten diesen Faszikel zur ,Täterakte’.“ 1992 war das, und IM zwei Buchstaben, die den höchsten Grad von Schuld bezeichneten. Weglaufen nützte nichts. Sich stellen nützte auch nichts. Sie habe, schreibt sie, die Wahl zwischen zwei Unmöglichkeiten. Zerrissen wie ihr Land. Zur Klärung und Erleichterung führte sie Tagebücher und verarbeitete hier, nachzulesen in „Ein Tag im Jahr“, Alltagsdinge wie die Sorge um die Töchter und Niederlagen.

In ihren Werken greift Christa Wolf zurück auf griechische Mythen („Kassandra“) oder die Romantik („Kein Ort. Nirgends“), setzt sich im Sinne der Friedensbewegung („Störfall“) wie der Emanzipation („Medea: Stimmen“) mit Erbe und Gegenwart auseinander. Damit wurde sie über Deutschland hinaus wahrgenommen und immer wieder auch für den Literaturnobelpreis gehandelt. Als sie sich zuletzt mit dem eigenen Erinnern und Vergessen quält, ordnet sie auch hier Persönliches ein in gesellschaftspolitische Zusammenhänge, begegnet Anmaßungen der Deutungshoheit über ihre Vergangenheit schonungslos bis zur Selbstzerfleischung und wusste: „Jede Zeile, die ich jetzt noch schreibe, wird gegen mich verwendet werden.“

Video: Interview mit Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard Wolf

Tatsächlich wurde „Stadt der Engel“ – ein faszinierend vielschichtiges, in aller Zerrissenheit lebenskluges Buch – auch mit Befremden, gar Häme aufgenommen. Da klang manche Interview-Frage wie ein Vorwurf. Manch einer glaubte, ein Urteil über die literarische Kraft abgeben zu können, weil er eine Meinung zur DDR hat. Dagegen schreibt in einer Laudatio auf „Stadt der Engel“ der Schriftsteller Christoph Hein: „In den letzten zwanzig Jahren hatte Christa Wolf Irritationen, Angriffe, Kampagnen erlebt und durchstehen müssen wie wenige deutsche Autoren vor ihr. Die, die sie liebten und schätzten, waren um sie besorgt, fürchteten um sie, um ihre Gesundheit, um ihre Arbeitskraft.“

Sie wirkte manchmal müde in den vergangenen Jahren. Auch wenn sie viel gelacht hat bei ihrer letzten Leipziger Lesung im Haus des Buches. Da drängten sich im Oktober 2010 über 300 Menschen um die Autorin, deren Bücher zu den Biographien derer gehören, die ihr nah sein wollen. Gerade weil die Lektüre sich einem oberflächlichen Zugriff entzieht, Unterhaltung im bildungsbürgerlichen Sinn verspricht, zu klug, um nicht den Schmerz, das Zögern, Irrtümer zu beherbergen. Christa Wolf hat 1976 gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert und 1989 den Aufruf „Für unser Land“ unterzeichnet. Ihre moralische Instanz war aufgerichtet an Haltung, Bekenntnis und Hoffnung.

Wie kann man sich einer Schriftstellerin nähern, die sich manchmal selbst fremd war? Oder sich oft in der Fremde fühlte? Vielleicht wollen sich ihre Leser auch ihres eigenen Lebens vergewissern – einer gemeinsamen Geschichte und des verbindenden Interesses an Widersprüchen wie am Widersprechen.

Als er kurz nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima die Leipziger Buchmesse eröffnete, verzichtete Oberbürgermeister Burkhard Jung auf seine Rede und las stattdessen aus Christa Wolfs Buch „Störfall“, in dem sie den Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 verarbeitet. So holte er ihre Literatur dorthin, wo sie hingehört: in einen Raum, der mit der Zeit verschmilzt. Auch „Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“ oder „Kindheitsmuster“ – sie gehören zum Gedächtnis des Landes und möblieren die Gegenwart. Sie sind literarisches Zeugnis des 20. Jahrhunderts.

Janina Fleischer

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