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Schuld und Liebe - Am Montag erscheint Zeruya Shalevs neuer Roman „Für den Rest des Lebens“

Schuld und Liebe - Am Montag erscheint Zeruya Shalevs neuer Roman „Für den Rest des Lebens“

In ihrem neuen Roman „Für den Rest des Lebens“, der am Montag in die deutschen Buchläden kommt, erzählt die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev von familiären Kämpfen um Liebe, von Erwartungen und Enttäuschungen.

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Quelle: dpa

Leipzig. Zeruya Shalev ist eine Magierin. Sie erzählt von alltäglichen Dingen, von Begebenheiten, wie sie jeden Tag passieren. Doch hat sie sie mit ihren Worten berührt, verwandeln sie sich zu einer Komposition, in der alles perfekt zusammenklingt. Ihre sinnliche Sprache lockt in das Denken und Fühlen der Figuren, sie führt in Seelen-Landschaften, malt Traumbilder. Die klaren, wie aus sich selbst wachsenden Sätze ergeben einen großen Gesang über die Liebe, die die Menschen verändert und die die Menschen verändern. Es ist ein heißer Sommer in Jerusalem, jener Stadt, in der Shalev seit über 30 Jahren lebt, deren von der Politik geschlagenen Wunden sie auch zeigt.

Chemda Horovitz, fast 80, liegt im Sterben. In Wachträumen kehrt sie in die Jahre ihrer Kindheit und Jugend zurück, durchlebt noch einmal erlittene Demütigungen. Sie ist in einem Kibbutz aufgewachsen, streng erzogen vom Vater, emotional vernachlässigt von der meist abwesenden Mutter. Auch Chemda kann ihrer Tochter Dina nicht das geben, was eine Tochter von ihrer Mutter erhofft und verlangt. Ihren Sohn Avner hingegen hat sie mit ihrer Liebe zerquetscht und vertrieben. Während sie auf den Tod wartet, „auch zum Sterben braucht es ein gewisses Maß an Liebe“, müssen Dina und Avner, beide Mitte 40, an den Rändern von Verzweiflung und Verbitterung Entscheidungen treffen, die ihre Familien zu sprengen drohen.

Im Krankenhaus hat Avner, Ehemann und Vater zweier Söhne, ein Paar beobachtet, das eine Kraft der gegenseitigen Liebe ausstrahlt, wie er sie noch nie erfahren hat. Er macht sich auf die Suche nach diesem idealen Paar und findet dabei vor allem zu sich, zu seinen Ansprüchen an die Jahre, die ihm bleiben, den Rest des Lebens. „Der Alltag war schon fast unerträglich, aber zum Sterben braucht er eine andere Frau an seiner Seite, eine zartere und sensiblere, die, selbst wenn sie ihn nicht liebt, bereit ist, seine Liebe anzunehmen, und wenn sie sie nicht annehmen möchte, kann sie ihm doch die Liebe nicht wegnehmen ...“ Avner, der Rechtsanwalt wurde, weil sein Vater es so wollte, und der eine Frau geheiratet hat, weil er nach dem Tod des Vaters ihren Halt brauchte, springt aus dem Kreislauf von Missverständnissen und Demütigungen.

So wie er eine neue Frau braucht, will Dina ein neues Kind. Sie war mit Zwillingen schwanger, doch nur das Mädchen hat es ins Leben geschafft. Den Jungen  vermisst sie seit 15 Jahren schmerzlich. Die Geburt ihrer Tochter hatte ihr „eine kurze Erholungsphase von der Einsamkeit gegönnt“, 15 Jahre, die wie im Flug vergangen sind. Jetzt kommt Dina  in die Wechseljahre, ihre Ehe ist „wie der Mond, dessen Licht geliehen ist, angewiesen auf Kinder, Freunde, besondere Ereignisse.“ Sie möchte etwas geben, doch sie sieht keinen, der es haben will. Weil sie sich nach Liebe und Nähe sehnt, möchte sie einen Jungen adoptieren. Sie, die von ihrer Mutter nicht gewollt war, will ein Kind „in ihr Haus und in ihr Herz aufnehmen“,  das von seiner Mutter ebenfalls nicht gewollt war. Für ihre Familie ist das ein Spleen, eine Katastrophe, ein Grund zu sagen: Ohne uns. Doch Dina kann nicht anders: Will sie sich retten, muss sie ein Kind retten.

Als sie im Streit wieder zu Mutter Chemda zieht, trifft sie auf Avner, der ebenfalls sein Zuhause verlassen hat. Mit ihnen ist die schwächer werdende Chemda zu Gast in ihrem Leben, besucht sich selbst an den Stationen der Zeit. Sie fragt sich, „ob die Liebe, ebenso wie der Glaube, über die alltäglichen Dinge erhaben war oder ob es gerade diese Dinge waren, aus denen sie bestand.“ Sie weiß: „Im familiären Krieg wirst du nicht von dem bestraft, den du verletzt hast, sondern von dem, den du am meisten liebst, von dem, um dessentwillen du gesündigt hast.“

Sie alle finden einen Weg. Projizieren sie anfangs ihre Erinnerungen in die Kulissen der Gegenwart und hängen anderen ihre Wünsche an, so greifen sie schließlich nach dem losen Ende eines Knäuels und rollen den Faden auf, der sie wegführt von dem, was viele Jahre gut und richtig war. Was dennoch bleibt. „Die Liebe, die du erlebt hast, kann dir keiner nehmen“, sagt Dina ihrer Tochter, „sie gehört dir, sowohl die Liebe, die du gegeben hat, als auch die Liebe, die dir geschenkt wurde, sie bleibt in deinem Inneren, auf ihr wirst du früher oder später neue Lieben aufbauen“.

So erzählt Zeruya Shalev von der Fähigkeit aufzubewahren und zu erneuern.  Sie gibt ihren Figuren Kraft und Würde, gerade dann, wenn sie schwach sind. Es gibt Schuldige für Verwundungen an der Seele, es gibt Ekel, wo Zuneigung sein sollte, manchmal sind Ort und Zeit einfach falsch. Shalev arrangiert Zufälle, wie um zu beweisen, dass es sie nicht gibt. Ein märchenhaft anmutender Trost. Sie sucht nach Ursachen, etwa im Kibbutz, wo Kinder von den Eltern getrennt aufwachsen, wo Chemda nicht erfahren konnte, was eine Familie ist, wo sie Dina nicht lieben konnte. Und doch kann sie jetzt helfen, weil sie oft genug gehört hat, was mit einer Familie passiert, „die gemeinsam ums Lagerfeuer der Liebe sitzt und die ganze Zeit nur die Höhe der Flammen misst.“ Die Idee der Kibbutz-Bewegung, wonach jeder nach seinen Fähigkeiten gibt und nach seinen Bedürfnissen bekommt, lässt sich nicht einfach so auf Familienleben übertragen.

Vielleicht liegt das Glück im Gleichgewicht – zwischen Erinnerungen und Bedürfnissen. Menschen brauchen Freiheit, Leistung, Aufregung, Ruhe, Wünsche, Liebe, Nähe ... Jedoch nicht alle alles zu jeder Zeit und gleichermaßen. „Wir sehnen uns ausgerechnet nach dem, was uns hungrig macht, nicht nach dem, was uns sättigt.“

Am 17. März ist Zeruya Shalev um 16 Uhr in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag; 528 Seiten, 22,90 Euro

Janina Fleischer

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