Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Schwerer Stoff, leichtes Spiel: Bei „Candide“ gelingt den Cammerspielen der Spagat

Sommertheater Schwerer Stoff, leichtes Spiel: Bei „Candide“ gelingt den Cammerspielen der Spagat

Im Grundsatz stellen die Cammerspiele ihr Sommertheater-Publikum vor eine ähnliche Alternative wie Voltaire seine Protagonisten. Mittwochabend hatte Rico Dietzmeyers und Dorothea Wagners Inszenierung „Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“ im Hof der Galerie KUB ausverkaufte Premiere.

Herausforderung für Bein- und Gesichtsmuskulatur: Cunégonde (Anuschka Jokisch), Cacambo (Philipp Nerlich), Candide (Eric Schellenberger), Paquette (Lola Dockhorn), Pangloss (Christian Strobl), die Alte (Marie Wolff) und Heinrich (Karsten Zahn, von links) im temporeichen Sommertheater im Hof der Galerie KUB.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Im Grundsatz stellen die Cammerspiele ihr Sommertheater-Publikum vor eine ähnliche Alternative wie Voltaire seine Protagonisten. Man kann bei Rico Dietzmeyers und Dorothea Wagners Inszenierung „Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“, die Mittwochabend im Hof der Galerie KUB ausverkaufte Premiere hatte, einfach zwei Stunden lang wunderbaren Spaß haben: sich an Spielwitz, atemraubenden Dialogen, im besten Sinne eingängiger Musik und einer temporeichen Geschichte voller Intrigen erfreuen.

Oder man konzentriert sich auf die Denkmodelle, über die die Figuren pausenlos streiten. Die Autoren des Manuskripts, Dietzmeyer und Sina Neueder, mögen dem Voltaireschen Prinzip einer philosophischen Streitschrift treu bleiben – in der Handlung jedoch entfernen sie sich weit vom Original und bringen auch den Wettstreit der Ideologien auf einen aktuellen Stand. Dass dabei die sommerliche Leichtigkeit nicht verloren geht, ist eine kaum zu überschätzende dramaturgische Leistung.

Voltaires Novelle, Mitte des 18. Jahrhunderts unter Pseudonym erschienen und in Frankreich sofort verboten, ist im Wesentlichen eine Satire auf den Optimismus des Kollegen Leibniz aus der vorherigen Philosophen-Generation. Leibniz hatte postuliert, dass Gott für den Menschen nur die beste aller möglichen Welten kreiert haben kann. Diesem naiven Optimismus, den die handelnden Personen überwiegend teilen, setzen zunächst nur die Diener Cacambo und Paquette eine pessimistischere Lebenssicht entgegen.

Anders als Voltaire, der vor allem von der Odyssee berichtet, auf der der verstoßene Candide mit Cacambo um die Welt irrlichtert, richten die Cammerspiele ihr Hauptaugenmerk auf die Vorgeschichte der Verbannung und spinnen sie um so manche amüsante Intrige weiter. Nicht nur liebt Candide Cunégonde, auch lieben sich Cacambo und Paquette, deren Schürze wiederum der Philosoph Pangloss trickreich hinterherjagt, obwohl er eigentlich mit ihrer Chefin liiert ist. Wenn das kein Stoff für eine Sommerkomödie ist ...

„Hochwohlgebürsteter Pfosten“

Immer wieder hüpfelt Candide (Eric Schellenberger) hinreißend zum schwungvollen Live-Klavier auf die Bühne. „Mein Leben ist das pure Glück! Ich könnte den ganzen Tag nur tanzen!“, jauchzt er. Lothar Hansen steht unter seinem Künstlernamen LOT beim Erfolgs­indielabel Chimperator unter Vertrag, wurde 2015 zu Leipzigs Popmusiker des Jahres gekürt und ist derzeit parallel zum Sommertheater auf Festivaltour. Seine hübsch tänzelnde Theatermelodie mausert sich bald zur Hymne Saxonias, „einer Welt, so gut und rein – die beste aller möglichen wird sie auf ewig sein“, trällert das siebenköpfige Ensemble im Chor.

Der im Original eher karge Vorspann zur Reise ist hier mit viel Liebe zum Detail reichhaltig ausgeschmückt. Als „hochwohlgebürsteter Pfosten“ wird der „beste aller möglichen Barone“ einmal verehrt, äh, den „hochwohlgeborenen Fürsten“, meint die Kammerzofe (Marie Wolff) selbstredend. Das Mienenspiel des schwer sächselnden Barons Heinrich (Karsten Zahn) ist in seiner geradezu pantomimischen Qualität von äußerst komischem Charme. Seine Schwester Cunégonde (Anuschka Jokisch) bewegt sich in ihrem Reifrock so umständlich roboterhaft und der Hauslehrer Pangloss (Christian Strobl) rudert so exaltiert mit Armen und Beinen, dass sie in Monty Pythons legendärem Ministerium für alberne Gänge fraglos sofort jedwede Förderung erhalten würden.

Cacambo (Philipp Nerlich) wiederum turnt und klettert während seiner Wortsalven so sportlich über die von Lisa-Maria Totzke gezimmerte Bühne (samt integriertem Baum), dass der Schweiß nur so läuft. „Hat man dich keinen Handstand gelehrt, wo du herkommst?“, empört sich Paquette (Lola Dockhorn) irgendwann in einem der etlichen beiläufigen Kalauer. Und natürlich streckt ihr Cacambo daraufhin zum Gruße die Füße entgegen. Der erst 19-jährigen Dockhorn genügt in einigen Szenen ihre Stimme, um in Sekundenbruchteilen von albern und keck auf ernst und ängstlich umzuschalten. Kein Wunder, dass sie 2013 als Nachwuchsdarstellerin für den Deutschen Schauspielerpreis nominiert war.

Dialektik der Aufklärung

Es ist aber kein Sommertheater-Selbstzweck, dass die Spieler in ihren aufwendigen Kostümen (von Henrike Katharina Fischer entworfen) so maßlos überdrehen. Vielmehr federt der Slapstick die philosophische Wucht dessen ab, das da auf der Bühne verhandelt wird. Zwar drängt sich die Parallele zum Hier und Jetzt selten so auf wie, als der König eines fremden Reiches den Pangloss für „schuldig an den Missständen in diesem Land“ erklärt und dessen naheliegendes Gegenargument, doch eben erst eingereist zu sein, lapidar wegwischt: „Das sagen sie alle.“ Doch unterschwellig ist das Stück stets eine Parabel auf die Gegenwart.

Die Theatermacher Dietzmeyer, Neu­eder und Wagner arbeiten nicht nur (wie Voltaire) die Naivität von Leibniz’ Optimismus heraus. Darüber hinaus legen sie die Ignoranz offen, die Voltaires Pessimismus innewohnt. Macht es wirklich glücklich, sich in Kenntnis der weltweiten Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten ins Private zurückzuziehen, wie es Candide und Co am Ende beschließen?

250 Jahre nach Voltaire eignet sich das „Neue Saxonia“, in der Gottes Gnaden auf „Investor-Herren“ übergegangen ist, trotz aller freudvoller kapitalistischer Floskeln auch nicht gerade, um darin glücklich zu werden. Jedenfalls nicht so, wie die Cammerspiele im Finale ihres in jeder Hinsicht beeindruckenden Sommertheaters diese vielleicht ja wirklich „letzte aller möglichen Welten“ skizzieren – deren Wurzeln in der Tat nicht zuletzt in Voltaires Aufklärung liegen.

„Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“, erneut Freitag/Samstag sowie 27. bis 30. Juli, 3. bis 6. und 12./13. August, jeweils 19.30 Uhr, im überdachten Innenhof der Galerie KUB (Kantstraße 18), 12/8 Euro, Reservierung: 0341 3067606; ab Januar in den Cammerspielen (Kochstraße 132)

Von Mathias Wöbking

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr