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Schwerer Stoff, leichtes Spiel: Bei „Candide“ gelingt den Cammerspielen der Spagat

Sommertheater Schwerer Stoff, leichtes Spiel: Bei „Candide“ gelingt den Cammerspielen der Spagat

Im Grundsatz stellen die Cammerspiele ihr Sommertheater-Publikum vor eine ähnliche Alternative wie Voltaire seine Protagonisten. Mittwochabend hatte Rico Dietzmeyers und Dorothea Wagners Inszenierung „Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“ im Hof der Galerie KUB ausverkaufte Premiere.

Herausforderung für Bein- und Gesichtsmuskulatur: Cunégonde (Anuschka Jokisch), Cacambo (Philipp Nerlich), Candide (Eric Schellenberger), Paquette (Lola Dockhorn), Pangloss (Christian Strobl), die Alte (Marie Wolff) und Heinrich (Karsten Zahn, von links) im temporeichen Sommertheater im Hof der Galerie KUB.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Im Grundsatz stellen die Cammerspiele ihr Sommertheater-Publikum vor eine ähnliche Alternative wie Voltaire seine Protagonisten. Man kann bei Rico Dietzmeyers und Dorothea Wagners Inszenierung „Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“, die Mittwochabend im Hof der Galerie KUB ausverkaufte Premiere hatte, einfach zwei Stunden lang wunderbaren Spaß haben: sich an Spielwitz, atemraubenden Dialogen, im besten Sinne eingängiger Musik und einer temporeichen Geschichte voller Intrigen erfreuen.

Oder man konzentriert sich auf die Denkmodelle, über die die Figuren pausenlos streiten. Die Autoren des Manuskripts, Dietzmeyer und Sina Neueder, mögen dem Voltaireschen Prinzip einer philosophischen Streitschrift treu bleiben – in der Handlung jedoch entfernen sie sich weit vom Original und bringen auch den Wettstreit der Ideologien auf einen aktuellen Stand. Dass dabei die sommerliche Leichtigkeit nicht verloren geht, ist eine kaum zu überschätzende dramaturgische Leistung.

Voltaires Novelle, Mitte des 18. Jahrhunderts unter Pseudonym erschienen und in Frankreich sofort verboten, ist im Wesentlichen eine Satire auf den Optimismus des Kollegen Leibniz aus der vorherigen Philosophen-Generation. Leibniz hatte postuliert, dass Gott für den Menschen nur die beste aller möglichen Welten kreiert haben kann. Diesem naiven Optimismus, den die handelnden Personen überwiegend teilen, setzen zunächst nur die Diener Cacambo und Paquette eine pessimistischere Lebenssicht entgegen.

Anders als Voltaire, der vor allem von der Odyssee berichtet, auf der der verstoßene Candide mit Cacambo um die Welt irrlichtert, richten die Cammerspiele ihr Hauptaugenmerk auf die Vorgeschichte der Verbannung und spinnen sie um so manche amüsante Intrige weiter. Nicht nur liebt Candide Cunégonde, auch lieben sich Cacambo und Paquette, deren Schürze wiederum der Philosoph Pangloss trickreich hinterherjagt, obwohl er eigentlich mit ihrer Chefin liiert ist. Wenn das kein Stoff für eine Sommerkomödie ist ...

„Hochwohlgebürsteter Pfosten“

Immer wieder hüpfelt Candide (Eric Schellenberger) hinreißend zum schwungvollen Live-Klavier auf die Bühne. „Mein Leben ist das pure Glück! Ich könnte den ganzen Tag nur tanzen!“, jauchzt er. Lothar Hansen steht unter seinem Künstlernamen LOT beim Erfolgs­indielabel Chimperator unter Vertrag, wurde 2015 zu Leipzigs Popmusiker des Jahres gekürt und ist derzeit parallel zum Sommertheater auf Festivaltour. Seine hübsch tänzelnde Theatermelodie mausert sich bald zur Hymne Saxonias, „einer Welt, so gut und rein – die beste aller möglichen wird sie auf ewig sein“, trällert das siebenköpfige Ensemble im Chor.

Der im Original eher karge Vorspann zur Reise ist hier mit viel Liebe zum Detail reichhaltig ausgeschmückt. Als „hochwohlgebürsteter Pfosten“ wird der „beste aller möglichen Barone“ einmal verehrt, äh, den „hochwohlgeborenen Fürsten“, meint die Kammerzofe (Marie Wolff) selbstredend. Das Mienenspiel des schwer sächselnden Barons Heinrich (Karsten Zahn) ist in seiner geradezu pantomimischen Qualität von äußerst komischem Charme. Seine Schwester Cunégonde (Anuschka Jokisch) bewegt sich in ihrem Reifrock so umständlich roboterhaft und der Hauslehrer Pangloss (Christian Strobl) rudert so exaltiert mit Armen und Beinen, dass sie in Monty Pythons legendärem Ministerium für alberne Gänge fraglos sofort jedwede Förderung erhalten würden.

Cacambo (Philipp Nerlich) wiederum turnt und klettert während seiner Wortsalven so sportlich über die von Lisa-Maria Totzke gezimmerte Bühne (samt integriertem Baum), dass der Schweiß nur so läuft. „Hat man dich keinen Handstand gelehrt, wo du herkommst?“, empört sich Paquette (Lola Dockhorn) irgendwann in einem der etlichen beiläufigen Kalauer. Und natürlich streckt ihr Cacambo daraufhin zum Gruße die Füße entgegen. Der erst 19-jährigen Dockhorn genügt in einigen Szenen ihre Stimme, um in Sekundenbruchteilen von albern und keck auf ernst und ängstlich umzuschalten. Kein Wunder, dass sie 2013 als Nachwuchsdarstellerin für den Deutschen Schauspielerpreis nominiert war.

Dialektik der Aufklärung

Es ist aber kein Sommertheater-Selbstzweck, dass die Spieler in ihren aufwendigen Kostümen (von Henrike Katharina Fischer entworfen) so maßlos überdrehen. Vielmehr federt der Slapstick die philosophische Wucht dessen ab, das da auf der Bühne verhandelt wird. Zwar drängt sich die Parallele zum Hier und Jetzt selten so auf wie, als der König eines fremden Reiches den Pangloss für „schuldig an den Missständen in diesem Land“ erklärt und dessen naheliegendes Gegenargument, doch eben erst eingereist zu sein, lapidar wegwischt: „Das sagen sie alle.“ Doch unterschwellig ist das Stück stets eine Parabel auf die Gegenwart.

Die Theatermacher Dietzmeyer, Neu­eder und Wagner arbeiten nicht nur (wie Voltaire) die Naivität von Leibniz’ Optimismus heraus. Darüber hinaus legen sie die Ignoranz offen, die Voltaires Pessimismus innewohnt. Macht es wirklich glücklich, sich in Kenntnis der weltweiten Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten ins Private zurückzuziehen, wie es Candide und Co am Ende beschließen?

250 Jahre nach Voltaire eignet sich das „Neue Saxonia“, in der Gottes Gnaden auf „Investor-Herren“ übergegangen ist, trotz aller freudvoller kapitalistischer Floskeln auch nicht gerade, um darin glücklich zu werden. Jedenfalls nicht so, wie die Cammerspiele im Finale ihres in jeder Hinsicht beeindruckenden Sommertheaters diese vielleicht ja wirklich „letzte aller möglichen Welten“ skizzieren – deren Wurzeln in der Tat nicht zuletzt in Voltaires Aufklärung liegen.

„Candide oder Die letzte aller möglichen Welten“, erneut Freitag/Samstag sowie 27. bis 30. Juli, 3. bis 6. und 12./13. August, jeweils 19.30 Uhr, im überdachten Innenhof der Galerie KUB (Kantstraße 18), 12/8 Euro, Reservierung: 0341 3067606; ab Januar in den Cammerspielen (Kochstraße 132)

Von Mathias Wöbking

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