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Schwimmbecken für Kultur: Das Leipziger Westbad wird zum Veranstaltungssaal

Schwimmbecken für Kultur: Das Leipziger Westbad wird zum Veranstaltungssaal

Eine Bar, ein paar Stehtische, die Decke hängt tief. Man kann sich bereits in den sonnigen Tagen vor der offiziellen Eröffnung vorstellen, dass hier im so genannten Salon nächtens bald die vielgepriesene "entspannte Clubatmosphäre" einzieht.

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Bis zuletzt wird im Westbad an der Deko für den "Electric Ballroom" am Freitag geschraubt: Hallenmanager Paul Simang, 39, auf der Galerie des Saals.

Quelle: Wolfgang Zeyen

"Wir stehen mitten im Schwimmbecken", sagt da überraschenderweise Paul Simang und rudert mit den Armen: Hinter der nächsten Tür, in einer Abstellkammer, führt der Boden steil nach oben. Der einstige Nichtschwimmerbereich stößt hier fast an die jetzige Decke. Sie wurde auf der Höhe eingezogen, an der bis vor 25 Jahren das Wasser plätscherte.

"Sogar ein paar Originalkacheln sind erhalten", frohlockt Simang. Der 39-Jährige hat ein Jahrzehnt lang das Kulturprogramm der Dresdner Scheune konzipiert. Seit November managt er das Leipziger Westbad, das am Freitag mit der italienischen Electroswing-Band Bomba Titinka und international renommierten DJs nach einem Vierteljahrhundert im Dornröschenschlaf und zweijähriger Sanierung als "Event-Location" wiedererwacht. Als "Festhalle", wie Simang das Ganze auch nennt. "Das Wort Event- Location mag ich eigentlich nicht."

1200 Quadratmeter Nutzfläche umfasst das Areal in drei Räumen, 800 davon im so genannten "Saal" - der einstigen Schwimmhalle, deren früheres Becken nun auf einer Ebene mit dem einstigen Beckenrand liegt. Für 1000 Menschen ist der Raum freigegeben, 600 finden bei einem Bankett darin Platz. Eine fahrbare Obermaschine an der zwölf Meter hohen und nur acht Zentimeter dicken Schalendecke, die mit 20 Tonnen belastbar ist, ermöglicht Lichtspiele und andere Effekte. Eine "Mischung aus Einmietungen, Veranstaltungs-Kooperationen bis hin zu Großkonzerten, aber auch Engagement im Stadtteil und Beiträge zur Kulturlandschaft von Leipzig", schwebt Simang vor. Bei Unternehmen auf der Suche nach einer Lokalität für Tagungen und Firmenfeiern stoße die Immobilie bereits auf reges Interesse. Mittelfristig wolle man die überregionale Bedeutung der Halle unterstreichen und sich im Leipziger Westen kulturell einbringen. "Aber jetzt geht es erst einmal darum, den Leipzigern das Haus wieder zu öffnen."

Gebaut wurde es zwischen 1928 und 1930 unter der Regie des Bauhaus-Architekten und damaligen Leipziger Stadtbaudirektors Hubert Ritter, der unter anderem auch das Neue Grassimuseum und den Kohlrabizirkus verantwortete. Von den 50ern bis in die 80er Jahre wurden im Westbad zahlreiche internationale Wettbewerbe ausgetragen. Und viele Leipziger lernten hier das Schwimmen. 1990 war die Badeanstalt jedoch einer der ersten traditionsreichen Orte, deren maroder Zustand mit dem Ende der DDR zur Schließung führte.

Seit 2003 ist im vorderen Teil des Gebäudes, erreichbar über den Lindenauer Markt, ein Gesundheitszentrum untergebracht, in dem das einstige kleine Westbad-Becken für Therapien und Kinderschwimmen Verwendung findet. Für das hintere Areal - über die Odermannstraße zugänglich - hat Tankred Lenz, 53-jähriger Bauingenieur und Eigentümer der Immobilie, von Anfang an eine "eine eher kulturelle Nutzung" vorgesehen, wie er sagt. "Weil das einfach gut in den Leipziger Westen passt." In der Tat ist das Westbad von Theatern und Konzertsälen umgeben: Musikalische Komödie, Theater der Jungen Welt, Lofft, Neues Schauspiel, Schaubühne Lindenfels, Felsenkeller, Tapetenwerk und nicht zuletzt die Baumwollspinnerei liegen in Fußnähe.

"Deutlich unter fünf Millionen Euro" hat Lenz in die Sanierung der "Multifunktionshalle" investiert, wie er sie nennt. Lenz war es auch, der Michael Fischer-Art beauftragte, seine charakteristischen Figuren an die Decke zu malen. "Er passt zu diesem Bauhaus-Denkmal", findet Lenz, der mit Fischer-Art mittlerweile befreundet ist. Der PR-geübte Künstler merkte schnell, dass es sich nun um "Leipzigs größtes Deckengemälde" handelt - mögen sich seine Fische und Paradiesvögel auch anders als etwa Sighard Gilles "Gesang vom Leben" im Gewandhaus oder Ben Willikens' "Leipziger Firmament" im Bildermuseum ebenso als Ansammlung vieler Einzelbilder interpretieren lassen.

Mit Fischer-Arts Bildern sind jedenfalls auch die Denkmalschützer einverstanden, deren Richtlinien die Sanierung maßgeblich bestimmt haben, bis hin zur gelben und blauen Wandfarbe in Treppenhaus und Saal. Wobei es ja den Charme des Gebäudes als Kulturort ausmacht, dass man ihm die Vergangenheit als Schwimmbad ansieht. Ein Eindruck, den Simang und Kollegen bei der Eröffnungsparty am Freitag noch verstärken wollen, indem sie etwa Sprungtürme und Schwimmer in historischen Bade­anzügen an die Wände projizieren.

An die Bauhaus-Tradition des Bads knüpft in gewissem Sinne die Sanierung mit Passivhaus-Komponenten an - wofür es in dieser Größenordnung keine Erfahrungswerte gab. Simang spricht von einer "echten Plusenergie-Veranstaltungshalle". Ein Zusammenspiel aus Solaranlage, Wärmepumpen, Eis-Pufferspeicher, Wärmerückgewinnung über die Lüftung, Umluftkühlgeräten und Umluftheizung soll in Spitzenzeiten sogar die Einspeisung von überschüssiger Energie ins Stromnetz ermöglichen. "Eine gigantische Entlastung der Betriebskosten", sagt Simang. Darüber hinaus sieht er in dem innovativen Konzept aber auch den "generationsübergreifenden Charakter" des Westbads versinnbildlicht: ein Bau mit Vergangenheit - und Zukunft.

Er ist längst nicht der einzige in der Stadt, der in jüngster Zeit wieder zum Leben erwacht. Nach Haus Leipzig, Felsenkeller, Stadtbad und Kongreßhalle bleibt allmählich nur das frühere Hotel Astoria, das auf unabsehbare Zeit am Hauptbahnhof vor sich hin dümpelt.

"Electric Ballroom" - Eröffnung des Westbads mit Bomba Titinka, DJ Grant Lazlo, DJ Farrapo - Freitag, 21 Uhr, Westbad (Odermannstraße 15), Vorverkauf 12 Euro. Am 31. Juli, 21 Uhr, gibt Anna Depenbusch dort ein Solo-Konzert am Klavier, Vorverkauf ab 27,40 Euro; www.westbad-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.06.2015
Mathias Wöbking

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