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Scorpions vor Leipziger Konzert: „Alles, was uns treibt, ist unsere eigene Leidenschaft“

Arena Scorpions vor Leipziger Konzert: „Alles, was uns treibt, ist unsere eigene Leidenschaft“

Wenn man auf die 70 zugeht, ist so eine Welttour durchaus strapaziös. Dennoch kehren die Scorpions unter anderem am 24. März in die Arena Leipzig zurück, aus der sie sich vor sechs Jahren eigentlich für immer verabschiedet haben. Warum sie sich das antun und wie sehr die Fans es ihnen danken – Eindrücke vom Scorpions-Konzert kürzlich in Prag.

Im Zeichen der Flying-V: Die Scorpions am 27. Februar 2016 in Prag.
 

Quelle: Mathias Wöbking

Leipzig.  Was so alles passiert, wenn Mütter aufräumen. Vor ungefähr zwei Jahren fand Ursula Schenker einen alten Zettel, und was genau drauf stand, da gehen die Meinungen auseinander. Ein Schuldschein ihres Sohns Rudolf, der beim Vater 8000 Mark für Instrumente und Verstärker auslieh? Ein selbstgemaltes Plakat für einen Auftritt seiner Schülerband? Fest steht das Jahr, aus dem das Stück Papier stammt: 1965. Und dass Deutschlands erfolgreichste Hardrocker, die Scorpions, auch irgendwie mit diesem Zettel erklären, warum sie in knapp drei Wochen doch noch einmal ihre Nummern durch die Arena Leipzig jagen.

Im Mai 2010 hatte sich die Hannoveraner Band eigentlich von ihren Fans hierzulande verabschiedet. „Nie wieder Leipzig“, stand in der LVZ-Konzertkritik. Man muss sich nun aber nicht länger über den „Rücktritt vom Rücktritt“ lustig machen, zumal die Gruppe das ja längst selbst tut. „Return To Forever“ haben die Scorpions ihr Album zum 50. Bandgeburtstag vergangenes Jahr mit viel Selbstironie genannt – Rückkehr zur Ewigkeit. „Wenn man einmal Blut geleckt hat, freut man sich, wenn’s doch noch einen Grund gibt weiterzumachen“, sagt Gitarrist Matthias Jabs und grinst. Er ist 60 und betont: „1965 war ich übrigens noch nicht dabei.“

Ohnehin beschwere man sich nur zu Hause regelmäßig, dass die Scorpions immer noch nicht weg seien. „Woanders sagen die eher: ,Oh, schön, dass ihr noch mal vorbeikommt’.“ Nach wie vor dürften die Scorpions Deutschlands größter musikalischer Exportschlager sein. Bei ihrer Wiederkehr nach Moskau pflanzten sie vergangenes Jahr eine Birke. Der Baum soll den Frieden symbolisieren. In Paris feierte man die Scorpions im November wenige Tage nach den Attentaten. Nachdem andere Shows aus Angst vor neuem Terror abgesagt worden waren, gaben sie das erste Großkonzert in der französischen Hauptstadt nach den Anschlägen. In China traten sie 2015 erstmals auf, vor 50 000 Zuschauern. Für den Sommer sind drei weitere Konzerte geplant.

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Kurz vor Beginn ihrer Deutschlandtour haben die Scorpions Ende Februar in Prag vor 20.000 Fans gerockt.

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Zu ihrem Tourstopp in Prag vergangenes Wochenende – zwei Wochen vor Auftakt der Deutschland-Tournee – luden die Scorpions Journalisten aus dem Land ein, in dem es der Prophet sprichwörtlich immer am schwersten hat: ihrem Heimatland. Es ist lediglich ein Dreivierteljahr her, seit die Band zuletzt in der tschechischen Hauptstadt übernachtete. Im Mai spielten sie in der anderthalb Stunden entfernten Stadt Pardubice eine Art öffentliche Generalprobe der „50th Anniversary World Tour“. „Der Fahrer war derselbe“, sagt Jabs. Allein die Tatsache, dass ihm so etwas auffällt, erzählt viel darüber, wie normal diese Weltstars in der Tat sind.

Drei Stunden vor Konzertbeginn sollen Band und Gefolge vom Innenstadt-Hotel in die Prager 02-Arena fahren, deren 20 000 Plätze ausverkauft sind. Als sich die Abfahrt verzögert, hüpft Bandgründer Rudolf Schenker an den Pressevertretern vorbei. Mit seinen 67 Jahren gibt er nicht nur auf der Bühne einen höchst agilen und sympathischen Hampelmann. Er kann seinen drahtigen Körper offenbar auch im richtigen Leben nie lange stillhalten. Mitte der 80er Jahre wurden zwei Vorbands der Scorpions namens Bon Jovi und Metallica von ihren Managern angehalten, sich Bewegungen und Bühnenpräsenz von Schenker & Co abzuschauen.

Ob sie auch in Prag eine Vorgruppe hätten, fragt eine Reporterin den Gitarristen. Nein, das sei nicht in allen Ländern üblich, antwortet Schenker. „Andere Länder, andere Sitten“, sagt er, und ein Bekannter füge dann immer noch an: „Andere Frauen, andere“, hier ende der Spruch, behauptet er, grinst breit, klopft zwei, drei Presseleuten kumpelhaft auf die Schultern und verschwindet Richtung Limousine. 50 Jahre Karriere als Rocker, mehr als 100 Millionen verkaufte Schallplatten – aber abgehoben ist Schenker mitnichten.

Sänger und Stimme: eine große Verantwortung

Klaus Meine hingegen bekommt man vor dem Auftritt kaum zu Gesicht. Aus nachvollziehbaren Gründen: Um seine Stimme zu schonen, rede der Sänger an Konzerttagen so gut wie gar nicht, ist zu erfahren. Sie muss noch mindestens bis Oktober halten, wenn die Welttour nach momentanem Stand in Japan endet. Aus Angst vor Keimen gibt er niemandem die Hand, sondern faustet die Leute an wie ein Hiphopper. Auf seiner Stimme lastet eine wahnsinnige Verantwortung: Fällt sie aus, kommt der ganze Apparat aus 150 Mitarbeitern, 14 Schwerlastern, 60 Tonnen Equipment und 250 Kilometern Kabeln zum Stillstand. Zigtausende Fans sind enttäuscht, und irgendeine Versicherung muss vermutlich eine Gewinnwarnung herausgeben. Meine isst auch nichts vor der Show. Zu nervös. Erst nach dem Spektakel wird er den Journalisten im Hotel ein paar nette, stimmschonenden Sätze zuflüstern und sich hungrig über einen Teller Nudeln hermachen.

In der Prager Arena hingegen, da hat Meine zwischendurch alles gegeben. Sirenen eröffnen das Spektakel aus Sound, Licht und der Akrobatik der nicht altwerdenwollenden Rock’n’Roller. „Going Out With A Bang“ – das Eröffnungsstück der aktuellen Platte trägt nicht zufällig diesen Namen. Jetzt ist klar, was Matthias Jabs am Nachmittag gemeint hat, als er über die Dynamik sprach, welche die Scorpions ihren Alben und auch ihren Konzerten gern verpassen: „Du willst so ein bisschen eindrucksvoll anfangen“, hat er gesagt – in der Tat.

Mit „Make It Real“, „The Zoo“ und der Instrumental-Nummer „Coast To Coast“ schwelgen Band und Publikum sogleich ebenso druckvoll in den späten 70er und 80er Jahren. „Obwohl da viele unserer jüngeren Fans noch gar nicht geboren sind“, wie Jabs zuvor festgestellt hat. Wie die Stones zählen die Scorpions mittlerweile drei Fan-Generationen: die von Anfang an dabei waren und wie die Bandmitglieder auf die 70 zugehen; die in den 80ern dazustießen, als die Popularität ihren Höhepunkt erreichte, und jetzt um die 50 sind; die jetzt hinzukommen. „Wir haben viele Fans zwischen 18 und 28“, so Jabs. „Das ist uns zuerst vor zehn Jahren in Brasilien und Mexiko aufgefallen. Aber natürlich ist unser Eindruck dadurch etwas verfälscht, dass die Jungen in den Hallen nach vorne drängen“.

Dramaturgie eines Scorpions-Konzerts

Nach dem „bisschen eindrucksvollen“ Beginn“ jedenfalls lässt die Band ihr Publikum in Jabs idealtypischer Konzertdramaturgie „irgendwann auch mal zur Ruhe kommen“. In Prag sind also nach sieben Kraftnummern mit „Always Somewhere“, „Eye of the Storm“ und „Send Me An Angel“ die ersten Balladen dran – und auch bereits der Überhit „Wind of Change“. Belastet Pfeifen eigentlich die Stimmbänder?

Die darauffolgenden Titel mit den aussagevollen Namen „Rock’n’Roll Band“ und „Dynamite“ tun das auf jeden Fall. Meine schont sich dennoch nicht. Die Menge tobt. Schlagzeuger James Kottak darf noch ein spektakuläres Solo trommeln, bevor über die Prager Fans das „große Finale“ hereinbricht, wie Jabs es am Nachmittag angekündigte hat. In Form von vier Klassikern: „Blackout“, „Big City Night“, als Zugabe „Still Loving You“ und „Rock You Like A Hurricane“. Ein paar Minuten aalen sie sich im Jubel, dann dauert es keine zehn Sekunden, und Klaus Meine sitzt in eine Decke gemümmelt im Auto.

Es ist klar, dass die Scorpions weder das Gewandhausorchester noch Mumford & Sons sind: Ihr Metier ist Geradeaus-Rock, und sie scheuen den Mainstream ebenso wenig wie in ihren Balladen das Pathos. „Warum auch?“, fragt Tourmanager Alex Malek. „Die Scorpions spielen in Israel und dem Libanon, in der Ukraine und Russland – überall kommen Tausende und reagieren mit der gleichen Euphorie. Ihre Musik verbindet.“

Erschöpfung – und Glückseligkeit

Obwohl sie sich ausgerechnet in Deutschland trotzdem häufig für ihre bloße Existenz rechtfertigen müssen, betont Jabs, wie sehr er sich freut, bald für neun Konzerte in der Heimat zu sein. „Da kommen immer viele Freunde zu den Shows.“ Auch wenn er „fast froh“ sei, dass Hannover diesmal im Tourplan fehle. „Letztes Mal hatten wir dort 800 Leute backstage. Das war zu viel des Guten“, erzählt Jabs und lacht. Wobei seine Kollegen und er nicht den Eindruck vermitteln, stress­anfällig zu sein. Mehr als 5000 Konzerte stehen in 50 Jahren zu Buche: durchschnittlich mehr als 100 pro Jahr. Rudolf Schenker dürfte dabei ungefähr 56 287 Mal freudestrahlend seine Flying-V- Gitarre in die Höhe gestreckt haben.

Der drei bis vier Köpfe kleinere Klaus Meine sieht zwar wie ein geschlagener Boxer aus, als er spätabends im Hotel zu den Presseleuten humpelt. Aber so sehr wie die Erschöpfung ist ihm die Glück­seligkeit ins Gesicht geschrieben. Warum er sich das noch antut? „Niemand zwingt uns dazu.“ Der 67-Jährige spricht leise – die Stimme! „Alles, was uns treibt, ist unsere eigene Leidenschaft.“

Scorpions, Vorband: Beyond The Black, 24. März, 20 Uhr, Arena Leipzig, Karten für 59,50 bis 97 Euro im LVZ-Media-Store (Höfe am Brühl), in den LVZ-Geschäftsstellen, unter Telefon 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de.

Von Mathias Wöbking

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