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Seelenverwandt und auf Augenhöhe

Großes Concert zum 200. von Niels Wilhelm Gade Seelenverwandt und auf Augenhöhe

Seine Zeit als Gewandhauskapellmeister in den Jahren 1847/48 blieb nur ein Zwischenspiel. Aber im Schaffen des Dänen Niels Wilhelm Gade, dessen 200. Geburtstag am 22. Februar die Musikwelt außerhalb Dänemarks und Leipzig nur mäßig enthusiasmiert feiert, spiegelt sich die Blüte der Leipziger Romantik wider. In den drei Großen Concerten dieser Woche steh seine erste Sinfonie im Zentrum, flankiert von den Zeitgenossen Schumann und Mendelssohn.

John Storgårds dirigiert im Großen Concert.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Auch die Geschichte der Musik wird von hinten geschrieben. Und so ist für viele Besucher des Großen Concerts im gut gefüllten Gewandhaus klar: Niels Wilhelm Gade war als Gewandhauskapellmeister der Nachfolger Mendelssohns. Das blieb wegen des 1948 ausgebrochenen ersten Kriegs zwischen Deutschland und Dänemark zwar nur eine kurze Episode, aber Gade lebte lange genug im Dunstkreis der Leipziger Romantik, verkehrte lange genug mit Mendelssohn und Schumann, um sich an deren Größe zu orientieren. Wenn also große Teile seiner ersten Sinfonie, die im Zentrum der drei aktuellen Großen Concerte steht, nach Mendelssohn klingen und nach Schumann, dann ist er ein zweifelsfrei fähiger Epigone, der Gade.

Tatsächlich: Die Harmonik der c-moll-Sinfonie des Mittzwanzigers klingt erstaunlich nach Mendelssohn, auch seine an den Klassikern geschulte Verarbeitung des bisweilen etwas amorphen Materials verweist auf den großen Felix. Die melodische Identität ist bisweilen verblüffend nah an dessen „Schottischer“. Indes: Die konnte Gade nicht kennen. Denn als Mendelssohns (obschon heute als dritte gezählte) letzte Sinfonie im Februar 1842 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wurde, war er mit seiner Ersten auch schon fertig. Folglich bejubelte Mendelssohn, der fast auf den Tag genau ein Jahr später auch den Erstling des Dänen mit seinem Gewandhausorchester aus der Taufe hob, mit den schönen Worten „das war mir eine Freude, als hätte ich das Werk selbst gemacht“ keinen Plagiator, sondern einen musikalischen Seelen- und Geistesverwandten.

Und so muss man diese Erste hören: Als eigenständiges Monument aus dem Geist einer Zeit, in der sie sozusagen in der Luft lagen, die modalen Harmonie-Fortschreitungen, die dem Volkston abgelauschten oder nachmodellierten Melodien, die bisweilen beinahe schroffen Instrumentationsexperimente im gleichwohl klassizistisch grundierten Umfeld. Und wer es so hört, dieses Opus 5, begegnet einem Werk auf der Höhe der Zeit. Dennoch irrte Mendelssohn mit der Einschätzung, Gade habe sich mit dieser Sinfonie „das ganze Leipziger Publicum, das wirklich Musik liebt, zum dauernden Freund gemacht“ – seit 1893 stand sie im Gewandhaus nicht mehr auf dem Spielplan. Augenhöhe hin wie her – die eigenen Gipfel liegen eben näher als die der anderen.

Und doch: Der Finne John Storgårds wird am Pult mit seinem beherzten Einsatz dieser ganz unverbrauchten, frischen, kraftvollen und wirkungsmächtigen Romantik viele Freunde gewonnen haben. Die edle Dramatik des Kopfsatzes, der unwirkliche Elfentanz im Scherzo-Trio, die traumverlorene Eleganz des Andantino grazioso, der derbe Drive schließlich des Finales, sie schreien nach mehr. Und es gibt mehr: Bis zu seinem Tode im Jahr 1890 schrieb Gade sieben weitere Sinfonien, und auch wenn die letzten ein wenig aus der Zeit gefallen scheinen, lohnen sie durchaus die Beschäftigung. Zumal ihre klangliche Faktur dem Gewandhausorchester wie auf den Leib geschneidert ist.

Das gilt selbstredend auch für Robert Schumanns „Genoveva“-Ouvertüre, die am Anfang dieses sehr monochromen Großen Concerts steht. So wunderbar zart und märchenhaft, so verträumt und melancholisch strömt der Klang jenes Orchesters, das 1850 unter der Leitung des Komponisten auch die Uraufführung besorgte, dass man wünschte, es gäbe auf der anderen Seite des Augustusplatzes einen neuen Anlauf zur Wiederbelebung dieser Oper. Der letzte Versuch im Oktober 1999 erwies sich weder szenisch (Achim Freyer) noch musikalisch (Gabriele Ferro) als tauglich.

Schumanns Cello-Konzert von 1850 ist ebenfalls ein merkwürdiges Werk. Weil aus vielen Ideen hier keine Gedanken werden, Einfälle sich nicht weiten zu Architektur. An diesem Befund können auch Julian Steckel am Cello und Storgårds am Pult nicht viel ändern. So schön, so lauter, so sinnlich Steckel mit lebendig singendem Ton in den melodischen Herrlichkeiten schwelgt, so mechanisch laufen die Passagen ins Leere. Und auch das begleitende Gewandhausorchester ist zwar für viele wunderbare Momente gut, aber die verhaken sich eben nicht zum Ganzen. Im als Zugabe gereichten „Marsch für Kinder“ aus der Feder Prokofjews bleibt Steckel den Nachweis schuldig, dass es sich hier um mehr handelt als um einen „Marsch für Kinder“.

Am Ende dieses Großen Concertes aber wartet wieder die reine Wonne: Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“, das Werk eines 18-Jährigen, dabei musikalisch wie formal vollendet bis in die letzte Note. Ein tönender Doppelpunkt am Beginn einer neuen Epoche der Musik. Storgårds lässt es quirlen und huschen, singen und springen, funkeln und lächeln. Andere mögen dieses Werk anders angehen – besser indes geht es kaum. Was den sehr ausführlichen Applaus allemal rechtfertigt.

Das Große Concert wird am morgigen Sonntag, 12. Februar, 11 Uhr, wiederholt.Restkarten (5–69 Euro) gibt’s noch an der Tageskasse oder unter Tel. 0341 1270280.

Von Peter Korfmacher

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