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Seelische Ausnahmezustände

Seelische Ausnahmezustände

Wenn so viele Umarmungen ins Leere gehen müssen Schmerz und Sehnsucht groß sein. Das Ballett des Nationaltheaters Brno taucht mit "Lucidor" am Mittwochabend tief in die Welt der unerfüllten Liebe ein und überzeugt durch die Vielfalt der getanzten Emotionen.

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Tragische Verkleidungsgeschichte: "Lucidor" nach Hofmannsthal.

Quelle: Jana Hallová

In der starken Choreografie von Youri Vámos entfaltet dieses zart moderne Handlungsballett eine Verkleidungsgeschichte, die nicht die gewohnte Komik zeigt, sondern tragisch endet. Das Mädchen Lucile wird von der Mutter (Eriko Wakizono) einer verworrenen Erbschaftsangelegenheit wegen als Junge Lucidor erzogen, die Schwester Arabella (Sayumi Nishii) darf Mädchen bleiben. Sobald die Schwestern erwachsen werden und sich Liebesbeziehungen anbahnen, wird es problematisch: Lucidor verliebt sich in Arabellas Verehrer Wladimir und wird dessen enger Freund, muss aber die Täuschung aufrecht erhalten und kämpft mit seiner Doppelrolle. Arabella derweil bevorzugt den Kadetten Adrian (Gregor Giselbrecht) und ahnt nichts davon, dass Lucidor in ihrem Namen Liebesbriefe an Wladimir verfasst und ihn zum nächtlichen Rendezvous lädt. Der Stoff basiert auf einer Erzählung Hugo von Hofmannsthals von 1910, die er später zum Libretto für Richard Strauss' Oper "Arabella" umarbeitete.

Die seelischen Ausnahmezustände der Verzweifelten leuchtet Vámos' Choreografie (Einstudierung: Joyce Cuoco) in allen Facetten aus, getragen von den ausdrucksstarken Solisten. In den Soli und Duetten ziehen sich die Paare an und stoßen sich ab, der Einzelne verliert sich oft im sehnsüchtigen Schwelgen mit dem imaginären Partner und steht am Ende doch mit leeren Armen da. Um die Träumer herum tummeln sich unbeschwerte Mädchen mit ihren Kavalieren oder die feine Gesellschaft in prächtigen Kleidern (Kostüme: Michael Scott) beim Ball in Wien. Ein Raunen geht durch die Leipziger Oper, als sich der Vorhang zur opulenten Kulisse dieses Ballsaals öffnet, Bühnenbild und Licht (Klaus Gärditz) sind in den anderen Szenen aber eher schlicht und immer stimmig eingesetzt. Dass die ausgewählten Musikstücke von Alexander Glasunow nur vom Band kommen, noch dazu in einer nicht gerade hochwertigen Aufnahme, ist schade.

Nach dem Ball kann die wandelbare Andrea Smejkalová als Lucile/Lucidor endlich abends allein in ihrem Zimmer die Verkleidung fallen lassen und zu Klaviermusik verträumt im Kleid tanzen. Weiter hinten auf der Bühne - ein schöner Einfall - ergeht es Wladimir (Filip Veverka) ähnlich, der ebenfalls allein und auf halbem Weg ins Bett seinen schwärmerischen Gefühlen für Arabella Ausdruck verleiht. Bald schon tanzen beide im Einklang, jedoch jeder für sich. Was nun zum Pas de deux wird, entpuppt sich beim Aufwachen Lucidors nur als schöner Traum.

In diesem Ballett finden die Dramen im Privaten und in der Gesellschaft gleichermaßen statt. Etwa, als im kleinen Kreis mit teilnahmslosen Mienen Bridge gespielt wird und einzelne Figuren vom Tisch flüchten, um in Soli ihren widerstrebenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Arabella, die nichts von den Briefen der Schwester ahnt, gibt sich dem irritierten Wladimir gegenüber kühl wie immer. Besonders viel Applaus bekommt Ivan Popov als Notar der Familie, den es körperlich stets zur sich sträubenden Mutter zieht. Mit schmierigen Gesten wirbt er überzeugend aufdringlich um sie.

Während Hofmannsthal das Ende der Liebesgeschichte offen lässt, kennt das Ballett keine Gnade: Lucidor/Lucile gesteht die Täuschung, erdolcht sich und stirbt in den Armen des verzweifelten Wladimirs. Viel Applaus gibt es in der nur mäßig besuchten Oper natürlich trotzdem für die Ballettkompanie aus Brünn.

Das Leipziger Ballett ist am Sonntag und Montag zum Gegenbesuch in Brünn. Dort spielt Mario Schröders Compagnie seine Erfolgs-Choreographie "Chaplin". Anja Jaskowski?

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.01.2014
Anja Jaskowski

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