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Sehnsuchtsinseln im Ozean der Gewalt

Sehnsuchtsinseln im Ozean der Gewalt

Der amerikanische Traum ist ein gewaltiger Stahlträger. Meist hängt er hoch über den Köpfen, künftiges Skelett für einen Wolkenkratzer, dieses aufragende Wolkenkuckucksheim jener Menschen aus aller Welt, die alles erreichen zu können glauben in New York.

Manchmal kommen sie herunter, die Stahlträger, dann bieten sie Geborgenheit, dem Traum vom Glück einen Raum. Dann sitzen hier Tony, der in den USA geborene Sohn polnischer Einwanderer, und Maria, die gerade erst aus Puerto Rico Eingewanderte. Hier singen sie von einem Herzen, einer Hand, hier umarmen sie sich, küssen sich, lieben sich, schweben über dem Alltag, der am Ende sein Leben rauben wird und ihres zerstören. Denn Maria und Tony, das sind Romeo und Julia in der Großstadt, und dass ihre Liebe keine Chance hat, das wissen wir spätestens seit Shakespeare.

Der Stahlträger, das monumentale Symbol unerfüllter Sehnsucht, ist das stärkste Bild der "West Side Story" Leonard Bernsteins in der Leipziger Inszenierung, die am Samstagabend in der ausverkauften Oper Leipzig, am Ort der DDR-Erstaufführung vor 31 Jahren, stehend bejubelt Premiere feierte. Wie abstrakte Grüße Mondrians ragen sie ins schlichte Bühnenbild von Andreas Auerbach und Paul Zoller, das ansonsten auskommt mit je fünf Laternen links und rechts einer Straße, die auf Docs Drugstore zu führt oder auf einen leeren Horizont, der eher zu einer Geschichte aus dem menschenleeren Mittelwesten passen mag. Doch sollte es nicht Fingerzeig sein, dass auch in der Ödnis vor der Kleinstadt die Milieus vehement sich abgrenzen, dann schadet es doch zumindest der traurigen Poesie nicht, mit der Leipzigs Ballettchef Mario Schröder diese unmögliche Liebe von der Brutalität der Umwelt absetzt.

In dieser Welt ist alles sinnlos, das Schicksal ist es immer, die Liebe ist es auch. Die fatale Schwärze dieser Geschichte wird umso plastischer, als Schröder darin der Vision von einer besseren Welt so zart zeichnet. Manchmal geht mit dem Regisseur der Choreograph durch. Dann doppeln Tänzer die Protagonisten. Manchmal greift er zu tief in die Klischee-Kiste. Dann laufen Disney-Figuren, Muppets, Superhelden, Super Mario (der ist eigentlich Japaner) durchs Bild. Und manchmal setzt er den Fuß weit über die Schwelle zum Kitsch. Dann singt ein weißer Engel hoch über den Köpfen "Somewhere", während ein schwarzer unten bereits wieder seine Truppenteile sammelt. Aber erstens verträgt die "West Side Story" derlei - schließlich wurde sie am und für den Broadway geboren. Zweitens macht Schröder ansonsten so menschlich Theater, dass alle Einwände schnell verstummen. Das hiesige Regiedebüt des Ballettchefs geht also voll und ganz auf. Er bricht die Gangs der Jets und der Sharks so konsequent in Individuen auf, dass es nicht leicht ist, den Überblick zu behalten: Im Grunde sind alle gleich, suchen nur im jeweils anderen Milieu Geborgenheit, Identität, Heimat. Vor dieser Folie entwickelt Schröder das Drama. Er lässt den eleganten Macho Bernardo (Rupert Markthaler) und den virilen Riff (Andreas Wolfram) führen und sterben. Er lässt Anita (Erdmuthe Kriener) ihre Weiblichkeit behaupten und Anybody's (Laura Costa Chaud) Anschluss suchen, lässt Shrenk (Cusch Jung) sein brutales Polizei-Regime errichten und Eduard Burza als Alt-Hippie Doc vergeblich Frieden suchen.

Mit sanfter Konsequenz zieht Schröder mit den prallen deutschen Dialogtexten von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald die Welt zeitlich näher zu uns heran, in der die bezaubernd zerbrechliche Myrthes Monteiro als Maria und der souveräne Carsten Lepper als Tony mit ihrer Liebe zerschellen. Das Tanzvergnügen etwa deutet er zum pumpelmunteren Streetwork-Projekt mit Sozialarbeiter-Clowns um. Doch derlei spielt sich nicht in den Vordergrund, auch nicht die Choreographien, mit denen Schröder der Geschichte Tempo gibt und Wucht und den Straßenkämpfen dampfende Körperlichkeit.

Dass seine Tänzer tanzen können, überrascht dabei nicht weiter. Dass sie zum Teil auch gut singen, schon eher. Dass sie indes auch Dialoge nicht nur mit Anstand und Würde aufsagen, sondern meist mit Leben füllen und Seele, das ist eine Überraschung.

Die Sänger der Hauptpartien hat die Oper unter Musical-Profis aus aller Welt zusammengecastet. Folglich wird konsequent nicht geopert. Und alle, Myrthes Monteiro mit ihrem mädchenhaften Sopran, der nur ganz oben ein wenig gepresst wirkt und zu vibrieren beginnt, oder Carsten Leppers jugendlich frischer Tenor, Andreas Wolframs kantiger Bariton oder der frauliche Mezzo-Schmelz Erdmuthe Krieners, kommen dennoch ohne einschlägige Öligkeit aus.

Probleme gibt es gleichwohl. Zwar ist die ganze Chose (trotz knispelnder Störgeräusche) gekonnt verstärkt. Aber hin und wieder klappt es dann doch nicht mit der Verständigung. Da verliert Lepper ausgerechnet bei "Maria" den Kontakt zum Orchester und biegt in parallele Tonart-Welten ab, was auch Wolfram immer mal wieder passiert und den chorisch singenden Tänzern recht oft.

Im Graben sitzt natürlich das Gewandhausorchester. Auch das hat Ulf Schirmer, bei dem am Pult die Fäden zusammenlaufen, verstärken lassen - der besseren Balance wegen. Ein großer romantischer Klangkörper versinkt in der "West Side Story", schnell im philharmonischen Plüsch. Aber Schirmer gelingt es, das Gewandhausorchester um Konzertmeister Andreas Seidel auf Attacke zu bürsten. Aggressiv zucken die Synkopen aus dem Graben, wodurch die Momente lyrischer Versenkung um so eindringlicher als Sehnsuchtsorte aus in diesem Ozean der Gewalt herausragen. Schirmer lässt swingen und pumpen, schwelgen und leuchten, krachen und streicheln. Mal Big Band mal Filmorchester, mal Kurkapelle, mal kammermusikalisches Gespinst - die unbändige Freude, die Schirmer selbst am Pult hat, scheint sich auf die Musiker zu übertragen. Auch im Graben ist nicht immer alles zusammen. Aber das ändert nichts daran, dass auch instrumental diese Produktion sich meilenweit über die Reise-Routine der Konkurrenz erhebt.

Der Jubel im Publikum ist so gewaltig, dass mancher diese Produktion wohl nicht zum letzten Mal gesehen haben wird. In den wenigen Wochen dieser Spielzeit gibt es noch acht Vorstellungen, in der kommenden zwölf. Auch in der übernächsten wird sie wieder angesetzt. Danach, 2018, pünktlich zu Bernsteins 100. Geburtstag, ist die Oper Leipzig die Rechte wieder los. Also: Hingehen!

Vorstellungen: 26., 27., 28.6., 1., 2., 3., 4., 5.7.; Tickets (15-73 Euro) sind erhältlich im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, auf www.lvz-ticket.de sowie unter Tel. 0341 1261261 oder an der Opernkasse.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.06.2015
Korfmacher, Peter

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