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Sein letzter Kampf - Erich Loest stritt für ein Minkewitz-Bild in der Uni Leipzig

Sein letzter Kampf - Erich Loest stritt für ein Minkewitz-Bild in der Uni Leipzig

Reinhard Minkewitz kämpft mit den Tränen. Es ist erst ein paar Stunden her, da hat der Künstler die bittere Nachricht erhalten, dass Erich Loest tot ist. Ein Freund hatte ihn nach Mitternacht per SMS über die Tragödie informiert, am Morgen hat er lange mit Loests Witwe telefoniert.

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Alte Freunde: Erich Loest und Reinhard Minkewitz

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Minkewitz (56) ringt in seiner Wohnung im Leipziger Musikerviertel um Fassung. Der Schriftsteller war für den Maler mehr als nur ein künstlerischer Partner. Er hat zuallererst einen Freund verloren. Minkewitz und Loest - das war über acht Jahre die intensive Beziehung eines Malers zu einem Autoren und diese kannte nur ein Ziel: Den großen Traum des Leipziger Ehrenbürgers endlich umzusetzen. Loest wollte unbedingt noch erleben, dass das von ihm bei Minkewitz in Auftrag gegebene Gemälde „Aufrecht stehen“, die szenische Betrachtung eines dunklen Nachkriegskapitels der Leipziger Universität einen repräsentativen Platz in der Alma mater findet. Es war Loests letzter Kampf und er konnte ihn nicht mehr gewinnen. „Er hat für dieses Bild gebrannt“, sagt Minkewitz.

Um die Komposition dieses Gemäldes hatte es zwischen Loest und der Uni jahrelangen Streit gegeben. Vor den Gebäuden der Uni-Kirche und dem alten Augusteum, die beide 1968 gesprengt wurden, sind der Student Werner Ihmels, der Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler und der Studentenratsvorsitzende Wolfgang Natonek zu sehen, Dazu die Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch, die mit einer Loest nachempfundenen Figur diskutieren. Ähnlich wie der Schriftsteller waren auch die Studenten lange in DDR-Gefängnissen inhaftiert, Ihmels starb 1949 in Bautzen.

Doch die Uni lehnte das Bild ab. Man rieb sich an der künstlerischen Gleichstellung der Studenten mit den Professoren, weil die den DDR-Sozialismus zunächst freiwillig unterstützt hätten.

Erst mit der neuen Uni-Rektorin Beate Schücking kommt wieder Bewegung in den Leipziger Bilderstreit. An Loests 85. Geburtstag, im Februar 2011, verabredeten beide, dass das Großprojekt doch noch in Angriff genommen wird. „Er war darüber sehr glücklich, denn das Bild lag ihm sehr am Herzen“, sagt Stephan Seeger, Vorstand der Leipziger Medienstiftung. „Es wäre für ihn die Vollendung seines Wegs gewesen.“ Im Mediencampus der Leipziger Sparkasse hängt bereits eine kleinere Fassung des Minkewitz-Bildes, eine zweite Fassung ist in Loests Geburtsstadt Mittweida zu sehen.

Das Bild in der Uni, so das Ziel von Loest, sollte nun die Krönung werden. Auf der gewaltigen Fläche von 9,2 Meter Breite und 2,6 Meter Höhe sollten sich alle Figuren in Lebensgröße auf der Leinwand wiederfinden. Als bester Platz in der Universität war eine Wand vor dem Hörsaal 3 im Visier. Minkewitz: „Dort würde es ideal hinpassen.“ Der Künstler hat für das Großformat ein neues Atelier im Stadtbezirk Schleußig angemietet. Die Vorarbeiten waren abgeschlossen, das Format aufgespannt, es konnte also losgehen.

In diesem Sommer gerät das Projekt jedoch ins Stocken. Loest beklagt in seinem Tagebuch (siehe auch auf dieser Seite), dass von der Universität erneut Bedenken angemeldet wurden. Es geht um technische Details, um eine Verkleinerung des Formats, aber offensichtlich auch um Inhalte. Erneut stand die Forderung im Raum, dass Hans Mayer nicht auf dem Bild erscheinen solle. Ein Tiefschlag für den Schriftsteller. Denn Hans Mayer hatte vor rund 50 Jahren als einer der wenigen den Mut gefunden, Loests Familie in Leipzig zu unterstützen, während der Autor in Bautzen inhaftiert war.

„Er hat sich bitter darüber beschwert, dass es an der Uni noch immer Kräfte gibt, die das Bild blockieren“, so seine Witwe Linde Rotta. „Dieses ewige Hin und Her hat ihm enorm zugesetzt und an seinen Kräften gezehrt.“ Während Loest die neue Situation seelisch stark zu schaffen macht, sucht Minkewitz weiter den Dialog mit der Uni. Er trifft sich Ende August mit Rektorin Schücking und hat danach einen „positiven Eindruck“. Am 29. August will er Loest über das Gespräch mit Schücking informieren, am 31. August haben beide einen Termin im Atelier. Doch Minkewitz kommt zu spät, Loest liegt da bereits wegen eines akuten Erschöpfungszustands in der Leipziger Uniklinik, sie werden sich nicht mehr wiedersehen. Jetzt will der Maler Loests letzten Kampf fortführen. „Nach acht Jahren gibt man das Projekt nicht einfach auf“, sagt er fest entschlossen.

Erste Reaktionen der Uni zeigen, dass Loests große Hoffnung posthum doch noch in Erfüllung gehen könnte. „Ich bin traurig, dass Erich Loest den Fortgang dieses gemeinsam auf den Weg gebrachten Projektes nicht mehr erleben kann“, sagt Rektorin Schücking. Sie sei mit Minkewitz im Gespräch und hoffe auf eine positive Lösung, „die auch im Sinne Erich Loests gewesen wäre“.

André Böhmer

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