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Seit Dienstag im Buchhandel: Ian McEwans neuer Roman „Solar“ über den Klimawandel

Seit Dienstag im Buchhandel: Ian McEwans neuer Roman „Solar“ über den Klimawandel

Für „Solar“ hat sich der britische Schriftsteller Ian McEwan (Abbitte, Saturday) lange mit Klimawandel und erneuerbaren Energien beschäftigt, hat Physiker befragt und Machtkämpfe beobachtet.

Aus seinem Wissen um Fakten und Menschen ist ein großer Roman über ein tagespolitisches Thema entstanden, in dem der 62-Jährige die Psyche eines Helden auslotet, der die Welt retten will, doch an sich selbst scheitert.

Große Szenarien werden im Kleinen konkret: Wahlkämpfer fahren in schweren Limousinen an klimatisierte Orte und mahnen ein Umdenken an. Auf dem Rückweg fallen die Entscheidungen: Atomkraft? Gern länger. Windenergie? Lieb und teuer. Zukunft? Aber sicher!

Um es gleich zu sagen: „Solar“ ist kein  Brandbrief für oder gegen diese oder jene Energiepolitik. McEwan interessiert vielmehr das Verhalten der Menschen im Umgang mit den Katastrophen – den privaten wie den globalen, die er allegorisch ins Verhältnis setzt. Dafür verschränkt er Fakten und Fiktion zu einer Tragikomödie. In einer Handvoll Figuren macht er die Facetten der Liebe und des Zynismus, der Hoffnung und der Gier im Zwielicht von Zweifel und Zuversicht sichtbar und unterhält dabei erneut als zupackender Erzähler, der – latent ironisch – moralische Grundsätze umspielt.

Michael Beard ist als Verkörperung der Maßlosigkeit ein Held, der herausfordert. Zwischen Mitleid und Abscheu schwanken die Gefühle gegenüber diesem alternden, in Klischees befangenen Bourgeois – klein, übergewichtig, unpolitisch. Lange vorbei sind die Zeiten, als er sich die Socken im Stehen anziehen konnte. Im Anzug ein Nobelpreisträger für Physik, nackt ein Schwächling. Schwer vorstellbar, dass diesem Betrüger die Frauen verfallen, und doch ist es so. Manche „hielten ihn für ein Genie, das man retten musste.“ Er betrügt sie freilich alle und sowieso sich selbst.

Der Roman beginnt in London, wo gerade Beards fünfte Ehe in die Brüche geht. Wir finden ihn vor in einer „Mischung aus Trauer, Zorn und Sehnsucht (nach den anfänglichen Wonnen) und wohliger Nachsicht gegenüber dem eigenen Scheitern“. Seine künftige Ex-Frau Patrice hat erst eine Affäre mit dem Handwerker Rodney Tarpin und dann mit Beards sehr viel jüngerem Kollegen Tom Aldous, der sein kurzes Glück allerdings nicht überlebt. Der Professor dekoriert einen Unfall um zum Mord und klaut bei der Gelegenheit gleich Aldous’ Ideen.

Beruflich, der Nobelpreis für das Beard-Einstein-Theorem liegt über 30 Jahre zurück, hält er sich als Leiter des Nationalen Instituts für erneuerbare Energien im Fokus der Öffentlichkeit und leiht, immer auf der Suche nach gutbezahlten Ämtern und Pfründen, seinen berühmten Namen für Briefköpfe und internationale Initiativen. „Wie gern sich die Hochschulen mit einem Nobelpreisträger schmückten, der das Räderwerk der Subventionsbeschaffung schmierte!“ So mag man sie sich eigentlich nicht ausmalen: die Innenansicht eines, ja, doch, klugen Mannes wie auch die wechselnden Interessenlagen der Institutionen und Parteien.

Beard nämlich ist der Klimawandel im Grunde egal. Für ihn haben die Warnungen „etwas Alttestamentarisches, etwas von Beulenpest und Froschregen“, womöglich dazu da, die eigene Sterblichkeit wenigstens mit dem Ende der Welt in Zusammenhang zu bringen. Die Physik aber schätzt er als frei von menschlichem Makel. Sie „beschrieb eine Welt, die noch existieren würde, wenn Männer und Frauen und alle ihre Sorgen längst verschwunden wären. Darin war er sich mit Albert Einstein einig.“

Um Patrice zu vergessen, nimmt er an einer achtwöchigen Expedition in die Arktis teil, auf der 19 Künstler aus Gram über die globale Erwärmung geometrische Muster in den Schnee tanzen oder Ambition in Eisskulpturen meißeln. Hier lebt sich McEwan, dem die Idee zu diesem Roman auf einer solchen Reise kam, als Satiriker aus mit Neigung zum Slapstick. Die eine Katastrophe abwenden wollen, versagen leider schon dabei, halbwegs Ordnung in der Stiefelkammer zu halten, wo auch die Mützen, Brillen, Schutzanzüge hängen – überlebenswichtig zumindest für den Augenblick.

Wenigstens bringt der Ausflug den trägen Beard zu einem Entschluss: Ballast will er abwerfen, körperlich wieder in Schuss kommen, ein rundum abgespecktes Leben führen. „Ihm lief die Zeit davon, allen anderen auch, es war für alle fünf vor zwölf.“ Allein: Er kann es nicht. Was nützt es da, mal mit dem König von Schweden getafelt zu haben?

Fünf Jahre später, noch immer korpulent und schwerfällig, wirbt er auf Konferenzen für die Abkehr von Gas, Kohle, Holz und um Investitionen in Solarenergie, genauer: in seine Anlage, die er auf einem Gelände in New Mexico testet, um die Welt mit künstlicher Photosynthese in industriellem Maßstab zu beschenken – billige, saubere und zuverlässige Energie.

Nachdem der Kommunismus einst aus „Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ berechnet wurde, addiert Beard nun: „Sonne plus Wasser plus Geld gleich Strom gleich mehr Geld!“ Doch fehlen ihm für seine Gleichung nicht nur Investoren, auch mangelt es dem unmoralischen Aufgebot an Unrechtsbewusstsein sowie an Mut zum Verzicht.

Folgerichtig holt den Sünder knapp vor der Zukunft seine Vergangenheit ein; sie „glich einem reifen, stinkenden Käse, der klebrig über seine Gegenwart troff“. Als es im amerikanischen Lordsburg zum Showdown kommt, wird Beard, der sich gehen lässt, obwohl er es besser weiß, zum Opfer dieser Selbsttäuschung. Gerade im Grotesken seiner Niederlage wird das große Szenarium konkret.

Ian McEwan: Solar. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag; 402 Seiten, 21,90 Euro.

Janina Fleischer

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