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Senkrechte Leinwand: Leipziger Festival „Gegenkino“ bricht Sehgewohnheiten

Filmreihe Senkrechte Leinwand: Leipziger Festival „Gegenkino“ bricht Sehgewohnheiten

Das Festival „Gegenkino“ ist ein Leipziger Filmfest für cineastische Gegenbewegungen. Hier werden alte Sehgewohnheiten herausgefordert und Filme gezeigt, die mit Konventionen brechen. Hauptveranstaltungsorte sind UT Connewitz, Luru-Kino der Spinnerei und Schaubühne Lindenfels.

Szene aus „Twaaga“. Der Film läuft beim Gegenkino-Festival am 23. April im UT Connewitz.

Quelle: Verleih

Leipzig. Raum ist politisch, symbolisch, er setzt Stimmungen, und doch wird über den Raum, wenn es um Film geht, oft nicht geredet. Bei der dritten Ausgabe der Filmreihe „Gegenkino“, die am 21. April beginnt und bis 1. Mai dauert, hat man sich des Raumes als Thema und Konzept angenommen. „Gegenkino“, das ist ein Leipziger Filmfest für cineastische Gegenbewegungen. Hier werden alte Sehgewohnheiten herausgefordert und Filme gezeigt, die mit Konventionen brechen. Hauptveranstaltungsorte sind UT Connewitz, Luru-Kino der Spinnerei und Schaubühne Lindenfels.

Sebastian Gebeler, einer der fünf Organisatoren erklärt, dass Raum beim Gegenkino eigentlich schon immer präsent war – weil schon das Thema einen Ansatzpunkt biete, vermeintliche Gewissheiten bezüglich Kinoaufführungen zu hinterfragen. Nun bricht das Festival aber mit einer für selbstverständlich gehaltenen Sehgewohnheit, schon bevor sich die Filmspule überhaupt zu drehen beginnt: In der Paul-Gerhardt-Kirche wird eine senkrechte Leinwand aufgebaut.

Für dieses „Vertical Cinema“ wird erstmals in Deutschland eine zwölf Meter hohe Leinwand angebracht und mit einer Konzertanlage sowie einem speziell präparierten Filmprojektor kombiniert. Das wäre weder im UT Connewitz noch in der Schaubühne möglich gewesen, da bestimmte Abstände zwischen der Leinwand und dem auf die Seite gekippten 35-Millimeter-Projektor eingehalten werden müssen. In der Paul-Gerhardt-Kirche stand man der Idee ganz offen gegenüber. „Natürlich passt das Leinwand-Format auch wunderbar in die architektonische Gestalt des Raumes“, freut sich Gebeler. Außerdem, so betont er, sei es ja eine der Grundideen des Festivals, auch andere Räume als nur Kinosäle in flimmernde Zustände zu versetzen.

Grenzenloses Kino

Das Filmmaterial stammt von zehn Gruppen von Avantgarde-Filmemacher/innen, Musiker/innen und bildenden Künstler/innen, die von den holländischen Initiatoren des „Vertical Cinema“ beauftragt wurden. Besonders verspricht auch der Klang zu werden: Während einige der Filme mit einer sehr massiven Tonspur arbeiten, sind andere stumm. „Das wird bestimmt ein spannendes Erlebnis, in diesem großen Raum schweigend oder stumm Film zu sehen“, mutmaßt Gebeler. Eine weitere 35-Millimeter-Vorstellung wird es im Luru-Kino geben. Dort werden Arbeiten Peter Tscherkasskys gezeigt, der vorhandenes analoges Material neuartig kombiniert und auf spannende Art verfremdet.

Raum bekommt im Gegenkino-Reigen dieses Jahr aber auch einen geografischen Schwerpunkt: die „African Outlines“. Kombiniert werde also „der geografische Raum des sehr unterrepräsentierten afrikanischen Kinos mit dem Vertical Cinema, bei dem man die Kinosituation neu denken kann“, so Gebeler. Grenzen scheut das Gegenkino per Definition ohnehin nicht, siehe den Schwerpunkt „Auschwitz Cinema“ oder die queeren Filme im Programm, wie beispielsweise der Eröffnungsfilm „Tangerine“. Um das Gesehene in einen Kontext zu setzen, spannen die Organisatoren einen Rahmen um die Filme: Nicht nur Vorträge und Gespräche mit den Filmschaffenden bilden integrale Bestandteile des Programms, sondern auch musikalische Beiträge, Filmvertonungen und eine Party am morgigen Freitag im Institut für Zukunft.

Afrikanisches Kino ist unterrepräsentiert – was nicht an der Qualität liegt

Insbesondere beim afrikanischen Schwerpunkt war es dem Gegenkino-Team wichtig, die Filme nicht unkommentiert zu zeigen. Afrikanisches Kino ist in der Kinolandschaft unterrepräsentiert. Ihre Recherchen zeigten ihnen, dass das nicht an den ästhetischen Qualitäten der Filme liegt, sondern andere Ursachen haben muss. Sebastian Gebeler betont: „Die Filme, die wir gesehen haben und die wir zeigen, bilden eine sehr große Bandbreite an erzählerischen Entwürfen ab. Das sind filmästhetische Experimente.“ Für die Filmemacher ist das Medium Film eine Möglichkeit, Geschichte zu reflektieren und soziale Realitäten zu thematisieren. Beim Sichten des Filmmaterials häuften sich so viele Fragen an, dass den Organisatoren schnell klar war, dass sie zu den Filmen auch Referent/innen einladen wollen, die diese Fragen diskutieren.

Diese Vorgehensweise kam bislang gut an: „Das Publikum ist auf jeden Fall sehr offen für das Programm, das wir gestalten“, sagt Gebeler und fährt fort: „Es sind ja zum Teil sehr schwierige und herausfordernde Inhalte, die wir hier zusammenstellen, auch mit dem theoretischen Beiprogramm. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so viel Zuspruch erfahren, das hat uns auf jeden Fall bestärkt.“

„Gegenkino“, Auftakt 21. April, 21 Uhr, Luru-Kino (Spinnereistraße 7): „Tangerine“; „Vertical Cinema“ am 28. April, 21 Uhr, Paul-Gerhardt-Kirche (Selneckerstraße 5); vollständiges Programm: www.gegenkino.de. Festivalpässe für 38/32 Euro gibt’s in der Buchhandlung „W. Otto Nachf.“ (Wolfgang-Heinze-Straße 12a) und in der Filmgalerie Westend (Industriestraße 18), Einzeltickets an den Abendkassen

Von Miriam Heinbuch

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