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Shakespeare als Kronzeuge

Shakespeare als Kronzeuge

Es liegt eine merkwürdige Kraft in den Dingen. Sie können sich aufladen mit Bedeutung. Mit einer Aura, die inspirierend wirkt. Sie sind Informationsträger, die uns mehr verraten, als nur den unmittelbaren Zweck, zu dem sie hergestellt wurden.

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Quelle: kfm

Leipzig. Vorausgesetzt, man ist in der Lage, diese Dinge, diese Objekte, zum Sprechen zu bringen- oder genauer: Man ist in der Lage, zu verstehen, was sie uns erzählen.

Neil MacGregor ist es. Und nicht nur das. Er kann für uns, für die so ein Gegenstand nur ein Gegenstand ist, wunderbar anschaulich machen, worauf diese Gegenstände noch verweisen. Wovon sie erzählen. Und er kann das auf eine Art und Weise, die nicht nr Wissenshorizonte erweitert, sondern auch die Sinne kitzelt, die Vorstellungswelt belebt.

Leipzig. Es liegt eine merkwürdige Kraft in den Dingen. Sie können sich aufladen mit Bedeutung. Mit einer Aura, die inspirierend wirkt. Sie sind Informationsträger, die uns mehr verraten, als nur den unmittelbaren Zweck, zu dem sie hergestellt wurden.

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Schon einmal hat das MacGregor, seines Zeichens Leiter des British Museum, mit Bravour vorgeführt: In seinen "Geschichte der Welt in 100 Objekten" wagte er als Autor den faszinierenden Versuch, die komplette Weltgeschichte anhand von 100 Objekten abzuhandeln. Was (samt einer korrespondierenden BBC-Serie) so erfolgreich war, dass MacGregor jetzt eine Fortsetzung folgen ließ.

Die führt in "Shakespeares ruhelose Welt". Also in jene Dekaden des Wechsels vom 16. ins 17. Jahrhundert, die - gemessen am zuvor abgehandelten - als Zeitspanne doch bescheiden scheinen mögen. Aber es natürlich ganz und gar nicht sind. Und das nicht nur, weil in dieser historischen Phase die Welt und ihre Wahrnehmung in mehrfacher Hinsicht radikalen Erschütterungen und Umbrüchen unterworfen war, sondern weil MacGregor - und das ist ein wirklich famoser Kniff - Shakespeare und dessen Werk dafür als Kronzeugen aufruft.

Womit dieses Buch- und das ist durchaus noch einmal ein Qualitätssprung- nicht nur auf originelle Weise Geschichte nahebringt, sondern auch etwas über die komplexe Wechselwirkung von Wirklichkeit und Kunst aufzeigt. Und das im entspannten Ton klarer und plausibler Gedankengänge.

Und mit Lakonie auch: Von "England erobert die Welt" zu "Shakespeare erobert die Welt" spannen sich die 20 Kapitel. Jedes einzelne widmet sich einem Objekt aus jener Zeit, historischen Artefakten. Das mag die schlichte Mütze eines Handwerkers, ein Hausierer-Koffer, oder ein Glaskelch sein. Und das kann eine in silbergefasste Augenreliquie ebenso betreffen, wie die Proklamation Jakob I. Vom "Charisma der Dinge bewegt" (MacGregor), werden sie alle in erkundenden Bewegungen umkreist.

Und diese Kreise weiten sich, werden Meridiane, im übertragenen wie konkreten Sinne. Von Francis Drakes Weltumseglung geht es da zum ersten Buch, das einem Atlas nahekommt und 1570 mit dem schönen Titel "The Theatre of the Lands of the World" erschienen ist. Die "Welt als Bühne"- hier erfuhr sie ihre Kartographie.

1592 kamen die allerersten Globen hinzu, wunderschöne Exemplare, in denen sich auch das Bewusstsein einer Nation spiegelt, die im Begriff ist, Weltmacht zu werden. Und wie Shakespeare das wiederum reflektiert, verrät auch etwas über den Autor, wenn er in der "Komödie der Irrungen" den Dromio ein dickes Küchenmädchen beschreiben lässt: "Sie ist kugelförmig wie ein Globus; ich wollte Länder auf ihr entdecken." Was dem Kerl ja dann auch bei einer recht vulgärgeographischen Expedition noch gelingt. Zumal in billigeren Reihen, dürfte sich das Publikum gekugelt haben. Damals, im Globe-Theatre.

Freilich: die Zeiten, man weiß es, waren alles andere als lustig. Was England unter Elisabeth I. absolvierte, war ein politisch tollkühnes Vabanquespiel. Gegen die Übermacht Spanien als äußerer Feind und die Katholiken im Land als innerer. Gewalt, Grausamkeit waren allgegenwärtig. Auch das beschreibt Mac Gregor anschaulich, etwa mit Degen und Dolch als Objekt-Ausgangsbasis. Mit einem Gang über die London Bridge, vorbei an den aufgespießten Köpfen der Hingerichteten, hin zum "Globe", wo es auf der Bühne dann auch gern entsprechend rabiat zuging. Neben den einschlägig bekannten Shakespeare- Sentenzen, verweist darauf auch eine Bestellung für Tierinnereien und Blut. Man wusste, was man dem Publikum an Special Effects schuldete.

Diese Welt, sie war nicht nur ruhelos, sie war zerrissen. Vital, verheißungsvoll und schrecklich. Und Shakespeare fasste sie in Poesie, deren Kraft nicht zu unterschätzen ist: Das letzte Objekt in MacGregors exquisitem Buch, ist die "Robben Island Bible". Eine mit Hindu-Gottheiten getarnte Shakespeare-Ausgabe, die 1977 zum Gefangenen Nelson Mandela geschmuggelt wurde. Es ist eine Passage aus "Julius Cäsar" die Mandela darin hervorhob: "Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt, / Die Tapfern kosten einmal nur den Tod. / Von allen Wundern, die ich je gehört,/ Scheint mir das Größte, dass sich Menschen fürchten,/ Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,/ Kommt, wann er kommen soll." Worte, die sehr viel erzählen. Auch über den, der sie unterstrich.

Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Verlag C.H. Beck., München 2013. 347 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden. 29,95 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.12.2013

Steffen Georgi

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