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Shakespeare trifft Spielsucht

Theater der Jungen Welt Leipzig Shakespeare trifft Spielsucht

Am Freitag feiert die Inszenierung „Der Sturm – Lost in the Game!" Premiere im großen Saal des Theaters der Jungen Welt Leipzig. Hier wird Shakespeares berühmter Stoff mit dem Phänomen der Sucht nach virtuellen Spielen kombiniert. Regie führt Jan Jochymski.

Bereit für den Sturm: Dramaturgin Winnie Karnofka, Regisseur Jan Jochymski und Ausstatter Andreas Auerbach (v. l.).

Leipzig. „Was passiert im Game, wenn ich nicht online bin?“ fragt Miranda und weigert sich ihrem Chatpartner Ferdinand gegenüber, den Rechner auch nur für zehn Minuten zu verlassen. Die Welt draußen macht ihr Angst; für fast alles, von Haustier bis Sex, gibt es virtuelle Surrogate. Das einzige, was sie ab und zu vermisst: Regen. Kurz danach springen die beiden Liebenden wieder in die Handlung von Shakespeares Drama „Der Sturm“ und sind sich dort ebenso fremd: Miranda ist zwar von Ferdinand fasziniert, war aber bisher nie außerhalb der Insel-Zauberwelt ihres Vaters Prospero.

Nachdem sich das Theater der Jungen Welt bereits mit Heike Hennigs „Crystal“ erfolgreich dem Thema Drogen angenommen hat, geht es in der neuen Produktion „Der Sturm – Lost in the Game“ ab Freitag ergänzend zur Shakespeare-Handlung um Computersucht. Für Regisseur Jan Jochymski ist der zeitgemäße Link zur klassischen Handlung dabei kein bloßer Verständnis-Service für das jugendliche Zielpublikum: „Die Gamerwelt ist bei Shakespeare schon angelegt: Ein Zauberer, der den alten Widersacher auf seine Insel, in eine magische, abgeschlossene Welt, lockt und ihm dort mit allerlei Geistern nachstellt, um seine Ehre wiederherzustellen: Diese Form der Auftrags- und Rachegeschichte findet sich auch in vielen modernen Spielen.“

Dass bei Shakespeare nicht nur im „Sturm“ der Mensch als Spieler, der sich die Welt zur Bühne macht und eine eigene Realität inszeniert, ein immer wieder virtuos variiertes Thema ist, war für Jochymski zunächst auch ein ganz analoger Ansatz: „Warum spielen Schauspieler? Was macht einen daran so süchtig, obwohl es doch eigentlich ein ziemlich ‚asozialer’ Beruf ist, wenn man nicht gerade beim Film arbeitet.“ Das Verlieren in einer Sucht, das Eintauschen der Realität mit einer virtuellen, darin könne er sich gut hinein denken, die Mechanismen der konkreten digitalen Sucht habe man sich dann per Recherche erschlossen.

Warum die Welt der Computerspiele besonders bei Orientierung suchenden Jugendlichen ankommt, erklärt Dramaturgin Winnie Karnofka: „In dieser Online-Welt gibt es ein schnelles Belohnungssystem und Anerkennung, man lernt viel einfacher Leute kennen, was im echten Leben oft schwer fällt. Man ist schneller glücklich als im realen Leben und erfährt: Du bist wer.“ Jochymski betont, dass die Flucht in Zauberwelten auch positive Seiten hat: „Wenn schon ein Jugendlicher sagt, ‚Ich habe zu viele Termine’, kann man sich vorstellen, wie sich das mit steigendem Alter potenziert. Es wird einfach viel verlangt heutzutage. Zu viel Druck verlangt nach einem Ventil.“

Auch Karnofka möchte das Thema im Jugendtheater nicht mit moralischem Zeigefinger behandeln, sondern mit der Inszenierung fragen: „Wo sind die Chancen, die Herausforderungen? Wo ist das Potenzial von allem, was dich in einen Rausch versetzen kann. Und wie leicht kann das kippen?“ Beinahe schwärmerisch reden beide von der grafischen Virtuosität in professionellen High-Budget-Spielen, die längst von Hollywood kopiert werden. Da man sich mit derlei überwältigenden Bilderwelten nicht messen kann, hat man ganz bewusst auf analoges Theater gesetzt verrät Ausstatter Andreas Auerbach. Entsprechend physisch müssen sich die Spieler auf der Bühne durch eine Welt aus beweglichen, teils schrägen Podesten, rauchenden Kabelkanälen und Kunstbäumen kämpfen.

Im täglichen Angesicht von jungen Menschen, die nie den Blick von ihren Smartphones heben und sich – nach Shakespeare – von „haltlosen Gebilden der Vision“ forttragen lassen, hält Jochymski fest, dass allzu exzessives virtuelles Abtauchen keine Lösung ist: „Du isst scheiße, du bewegst dich nicht und bist permanent übermüdet, schläfst aber nicht. Denn Schlafen heißt verlieren.“

Premiere Freitag (19.30 Uhr), weitere Termine am Sonntag (selbe Zeit), sowie Dienstag (11 Uhr). Karten und Infos unter Telefon 0341 4866016 und tdjw.de.

Von Karsten Kriesel

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