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Shakespeares Zimtschnecke: Inselbühne führt Publikum in neuem Sommerstück in die Irre

Shakespeares Zimtschnecke: Inselbühne führt Publikum in neuem Sommerstück in die Irre

Wie so häufig bei Inszenierungen der Inselbühne kann man nicht guten Gewissens dazu raten, die Theaterkritik vor dem Besuch einer Aufführung zu lesen. Es ist also ausnahmsweise erlaubt, nach dem ersten Abschnitt auszusteigen und in den Text erst zur Annotation zurückzukehren.

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Sommertheater “Play Shakespeare“ mit der Inselbühne im Innenhof der Moritzbastei in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Dort finden sich die weiteren Vorstellungen des Stücks „Play Shakespeare“, das am Donnerstagabend vor 120 Zuschauern im ausverkauften Innenhof der Moritzbastei Premiere hatte.

Das Spiel verdankt seine mitreißende Wirkung nicht zuletzt der Tatsache, dass das Publikum in der ersten von knapp zwei Stunden ratlos bleibt. Zwar stecken da bereits etliche originelle Einfälle und enormes Tempo in den zwölf Szenen, in denen Regisseur Volker Insel und das tolle Ensemble durch neun Shakespeare-Klassiker stürmen. Die Wandelbarkeit, die das Format verlangt, erfüllen die sechs Darsteller in Gestik, Tonfall, Gesang bravourös. Trotzdem fragt man sich irgendwann: Was soll das?

Kann es sein, dass es die Inselbühne dieses Mal bei einer Art Sparvariante des viel gespielten Theater-Medleys „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ belässt? Selbst im Premierenpublikum wirken Lachen und Szenenapplaus mit zunehmender Dauer etwas ungläubig. War’s das? Dabei finden sich zum Auftakt vor allem Leipziger Kulturschaffende in den Stuhlreihen links und rechts der von SK Sachensucher gestalteten Bühne, die sich wie eine Rennbahn zwischen die Zuschauer zieht. Nicht wenige der Premierengäste verfolgen Volker Insels Arbeit seit der Gründung des Theaters vor 22 Jahren und vertrauen normalerweise darauf, dass er die Vorlage schon noch unerwartet bricht. Auch im Programmblatt ist ja angekündigt, dass das Stück von einer „Vereinigten mitteldeutschen Shakespeare Compagnie“ und deren Problemen handelt. Aber vielleicht hat man das ja falsch verstanden?

Denn die Shakespeare-Sprengsel nehmen streng genommen nicht nur zu viel Zeit ein, um als Spiel im Spiel lediglich die Fassade der eigentlichen Geschichte zu bilden. Sie geraten dafür auch viel zu ideenreich und farbenfroh. Wie sich etwa Antonios Besatzung im Sturm wiegt, sich der Bootsmann (Stephan Thiel) sogleich in einen Wechselbalg des Sommernachtstraums und ein paar Momente später in den fiesen Jago verwandelt, der Othello (Armin Zarbock) mit Unschuldsmiene zur Eifersucht verführt – das ist schlicht atemraubend. Wunderbar auch, wie Steffi Lampe einer Fuchs-Puppe eine krächzende Stimme verleiht, um als Romeo der liebreizenden Julia (Nadine Hammer) zu schmeicheln und später als Hamlet mit dessen Mutter (Steffi Lampe selbst) zu streiten.

Hat Puck (Michael Hinze) gerade noch im Wohlklang eines Flötenquartetts die Zauberblume beschafft, deretwegen sich Elfenkönigin Titania in einen Esel verliebt, gerät das Schauspiel bald immer blutiger. Eben haben Tilla Kratochwil und Thiel als Ehepaar Macbeth noch Mordpläne geschmiedet, da kümmern sie sich als Slapstick-Killer schon um den Herzog von Clarence (aus „Richard III.“). Mit einem Gemetzel im Haus des Feldherren Titus Andronicus endet die Werkschau – und das Publikum atmet auf.

So lange, knapp eine Stunde, hat die Inszenierung auf ihre eigentliche Geschichte warten lassen, dass ihr Eintreten trotz ursprünglicher Ankündigung überrascht. Und dann? Um nicht alles zu verraten, nur so viel: Der vom Compagnie-Chef protegierte Fuchs kann seinen Kollegen wegen eines Vorfalls keine weiteren Hauptrollen abluchsen; Othellos Eifersucht befällt auch das eine oder andere Ensemblemitglied; Nadine Hammer darf wunderbar Musicals singen und Tilla Kratochwil mit Schnauze Bertolt Brecht; eine verlorene Zimtschnecke taucht wieder auf; und auf einen bestimmten Stuhl sollten sich Zuschauer – anders als in der Premiere Krimi-Autor Henner Kotte – besser nicht setzen, um nicht unverhofft zum Esel zu werden.

Im großen Ganzen wie in liebevollen Details ergibt plötzlich alles Sinn – großartig. Und beim nächsten Theaterbesuch wird man unwillkürlich überlegen, wie die Menschen hinter den Figuren, die sich angiften oder liebkosen, wohl privat zueinander stehen.   

„Play Shakespeare“, Samstag und Sonntag sowie 16. bis 20. und 23. bis 28. August, jeweils 20.30 Uhr, Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Karten für 15/10 Euro unter 0341 702590 (16. August: 10/8 Euro)

Mathias Wöbking

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