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Sharon Dodua Otoo gewinnt den Bachmannpreis

Klagenfurt Sharon Dodua Otoo gewinnt den Bachmannpreis

Drei Tage, 14 Autoren, 14 Jury-Diskussionen. Da konnte man am Ende den Überblick verlieren. Die Jury um Hubert Winkels hat am Sonntag alles noch mal durchgesehen und entschieden: Der Bachmannpreis geht an die britische Autorin Sharon Dodua Otoo für einen Text zwischen Parodie und Parabel. Dann geht’s auf zum Matriarchat.

Zwischen Jury und Publikum: Am Sonntag gingen die 40. Tage der deutschsprachigen Literatur zu Ende.
 

Quelle: ORF/Johannes Puch

Klagenfurt.  Der erste Gewinner stand schon Sonntagmorgen fest: Klaus Kastberger aus Graz. Auf dem Online-Portal Literaturcafe.de hat er den Titel als beliebtester Juror verteidigt. Die „nicht ganz repräsentative Abstimmung“ gab es zum dritten Mal, sie betont die Bedeutung der siebenköpfigen Jury und deren Entertainment-Auftrag in diesem Spektakel öffentlicher Lesung und Kritik, das „Tage der deutschsprachigen Literatur“ oder kurz Bachmannpreis genannt wird. Die 40. Ausgabe ging am Sonntag mit der Preisverleihung zu Ende.

Den Bachmannpreis, dotiert mit 25 000 Euro, erhält die britische Autorin Sharon Dodua Otoo, geboren 1972 in London. Sie hat sich in der Stichwahl gegen Marko Dinic durchgesetzt, der schließlich ganz leer ausging. Den Kelag-Preis (10 000 Euro) gewinnt der Schweizer Dieter Zwicky (58), den 3sat-Preis (7500 Euro) die 1980 in Groß-Gerau geborene Julia Wolf. Das Publikum hat sich für Stefanie Sargnagel (30) entschieden, die dafür 7000 Euro bekommt und auch das Stadtschreiberstipendium von Klagenfurt in Anspruch nehmen darf.

„Schwer vergnügt“

An drei Tagen haben 14 Autoren gelesen, 14 Mal hat die Jury versucht zu verstehen, zu erläutern, zu analysieren, einzuordnen, zu loben, abzuwägen oder einzuwenden ... Ein Eklat ist ausgeblieben. Bei Sharon Dodua Otoos Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ waren sich alle einig, eine beeindruckende Geschichte gehört zu haben. Die deutsche Alltagssatire über ein Ehepaar wird erzählt vom Frühstücksei, das nicht hart werden will. Hier erkennen die Kritiker neben Witz und Ironie „basisphilosophische Lebensfragen“. Sie zeigen sich „schwer vergnügt“, bemerken in diesem Jahrgang „keinen Mangel an unsympathischen Männerfiguren“ und kratzen mit ihren ernsthaften Einlassungen über einen komischen Text zuweilen selbst an den Grenzen zur Satire.

Gewinnt den Bachmannpreis mit Leichtigkeit

Gewinnt den Bachmannpreis mit Leichtigkeit: Sharon Dodua Otoo.

Quelle: EPA

Jurorin Sandra Kegel, die Sharon Dodua Otoo eingeladen hat, würdigt in ihrer Laudatio auf die „neue Stimme in einer neuen Gesellschaft“ die Erkenntnis: „Die Welt ist jederzeit zu erschüttern, nicht durch das Fremde, sondern durch das Bekannte an unserem Frühstückstisch.“ Klaus Kastberger hat in der Jury-Diskussion an das Genre der Tischszene erinnert und an Thomas Bernhards „Der deutsche Mittagstisch“. So wie es überhaupt Referenzen hagelt, vom „Faust“ ist mal die Rede und mal von Kafka – konkret dessen Maus Josefine. In Julia Wolfs Text „Walter Nowak bleibt liegen“ sieht Jury-Chef und Laudator Hubert Winkels die „Gegenfigur“ zu Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. Insgesamt resümiert er sprachliche wie stilistische Vielfalt, das Thema Migration „schlägt sich in Formen der Sprachmischung nieder“, das geht bis zum „broken German“. Viele Texte handelten vom Fremden – sowohl als der Andere als auch in kontinentaler Hinsicht.

Jury-Diskussion mit Sandra Keller und Klaus Kastberger

Jury-Diskussion mit Sandra Keller und Klaus Kastberger.

Quelle: ORF/Johannes Puch

Trotz all der Blogs, in denen über Literatur geschrieben und geurteilt wird, und mit Blick auf den Umstand, dass bei Amazon jeder ein Kritiker sein kann, kommt Winkels in seiner Abschlussrede zu dem Ergebnis: Dass es die alte hermeneutische Anstrengung nicht mehr brauche – das ist Quatsch. Man könne das eine tun, ohne das andere zu lassen. So verteidigt er die eigene Arbeit, ohne die anderer herabzusetzen. Eine Herangehensweise aller sieben Juroren in allen Diskussionen, selten erhitzen sich die Gemüter im ORF-Theater, aus dem von Donnerstag bis Sonntag live übertragen wurde. Dennoch konnte die Kritik hin und wieder besser unterhalten als die vorangegangene Lektüre.

Schwierigkeit des Beurteilens

Es sind drei alte Kulturtechniken: das Schreiben, das Lesen und das Reden darüber. Seit 40 Jahren werden sie hier regelrecht zelebriert. Und immer mal wieder standen Verfahren und Präsentation zur Disposition. Doch selbst ein so insgesamt solider, manchmal langweiliger Jahrgang wie dieser liefert Gründe genug, diese Tradition nicht aufzugeben. Das hat Burkhard Spinnen, 1992 als Autor in Klagenfurt und später 13 Jahre Jury-Mitglied, in seiner Eröffnungsbeschwörung deutlich gemacht. Er setzt sich mit dem „Mythos“ auseinander, mit den 80ern, als die Diskussionen „gelegentlich den Charakter einer Literaturvernichtungsorgie annahmen“. Er betont die Schwierigkeit des Beurteilens überhaupt – und dass es „für Literatur als Kunst keine allgemein verbindlichen, abstrakten Bewertungsraster gibt, die man einfach über den Text legen könnte, so wie Deutschlehrer sie über die Klassenarbeiten ihrer Schüler legen“. Im Übrigen rät er „zu Skepsis gegenüber dem Begriff Erfolg im Kontext von Kunst und Literatur“.

Kollektives Mitlesen, synchrones Blättern

Kollektives Mitlesen, synchrones Blättern. Das Publikum im ORF-Theater.

Quelle: ORF/Johannes Puch

Teilnahme und Gewinn schaffen Aufmerksamkeit, können die Hoffnung bestärken, vom Veröffentlichen zu leben. Sharon Dodua Otoo hat den Traum, einen Roman zu schreiben. Dieter Zwicky sagt, er freue sich extrem, habe aber wohl den Auftrag „in diesem Moment etwas gefasst“ zu sein. Julia Wolf freute sich auch, sei aber überfordert.

Letzten Endes, mahnt Spinnen, ist der Erfolg in Klagenfurt nur ein kleiner Baustein im Gebäude einer künstlerischen Existenz. Zu deren Grundpfeilern gehörte „die sich dauerhaft entwickelnde und verstärkende Kraft, der eigenen Vision von einem gelungenen Kunstwerk einen adäquaten Ausdruck zu schaffen“. Er jedenfalls wünsche dem Bachmannpreis mehr riskante Texte und die Bereitschaft der Juroren, das Risiko der Kunst über den Tageserfolg zu stellen.

Ein bisschen Spaß muss sein

Ein kleines Risiko steckte vielleicht darin, Stefanie Sargnagel mit ihrem Text „Penne vom Kika“ einzuladen. Sie hat es nicht auf die für die Preisvergabe ausschlaggebende Shortlist zu Marko Dinic, Isabelle Lehn, Selim Özdogan, Sharon Dodua Otoo, Jan Snela, Julia Wolf und Dieter Zwicky geschafft. Aber sie hat das Publikum überzeugt, das seine Wahl zum Beispiel so begründet: „Geil, Erdig, Real, Glaubhaft, Fesselnd, Spannend, Göttlich“. Sargnagel bedankt sich für die mediale Unterstützung bei der „Burschenschaft Hysteria“ und ruft „Auf zum goldenen Matriarchat!“. Auf der anschließenden Pressekonferenz befragt, was sie erreichen wolle: „Erreichen? Es ist halt meine Burschenschaft.“ Dann sagt sie noch etwas von konservativ und traditionellen Werten. Ein bisschen gehört es ja zur Tradition, zu provozieren. Alles nur Spaß? Ein „Widerstandspotenzial“ hat Klaus Kastberger nach Sargnagels Lesung gelobt. Der Bachmannpreis respektiert seine Kinder.

Alle Autoren, Texte, Reden und Diskussionen gibt es nachzulesen unter bachmannpreis.orf.a t

Von Janina Fleischer

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