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Sicher über dem Abgrund zwischen zwei Welten

Leipziger Bachfest 2017 eröffnet Sicher über dem Abgrund zwischen zwei Welten

Thomasorganist Ullrich Böhme, die Thomaner, Chor der Thomasschule und die Staatskapelle Halle eröffnen mit Werken von Bach und Mendelssohn unter der Leitung von Thomaskantor Gotthold Schwarz in der Thomaskirche das Bachfest 2017

Thomaskantor Gotthold Schwarz.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Nun ist wieder Bachfest. Es ist das 19. seit der Neugründung im Jahr 1999 und steht im Jahre 500 nach dem Thesenanschlag im Zeichen des Luther-Wortes „ein schön new Lied“ – folglich dreht sich in den kommenden neun Tagen alles um Bach und die Reformation ...

Eben nicht! Schon das Eröffnungskonzert in der bis auf den letzten Platz mit Bach-Freunden aus aller Welt und allerlei Honoratioren gefüllten Thomaskirche zeigt, dass – Bach hin, Motto her – Leipzigs zentrales Musikfestival genug Format hat, den Blick zu weiten. So ist das Hauptwerk des Abends nicht von Bach, sondern von Mendelssohn. Doch ist sein „Lobgesang“ keineswegs (nur) dramaturgische Wiedergutmachung für den Umstand, das dem größten aller Gewandhauskapellmeister im letzten Jahr sein Leipziger Festival abhanden gekommen ist. Vielmehr fügt die Sinfonie-Kantate sich geschmeidig ins Motto. Denn wie Luther am Anfang der evangelischen Kirchenmusik steht, deren Gipfel Bach markiert, führte Mendelssohn, der Erfinder des modernen Konzertbetriebs, sie sicher in die vom bürgerlichen Konzertbetrieb beherrschte Zukunft.

Auch die anderen Nebenstränge des 2017er-Jahrgangs bedürfen nicht der musikologischen Brechstange, um plausibel zu erscheinen: Claudio Monteverdi beispielsweise, dessen 450. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert, legte die Fundamente für die Musik Bachs und Mendelssohns und darüber hinaus. .

Um all das muss man nicht streiten. Und wer es doch tut, dem geht es nicht um Musik, sondern um Ideologie. Zögen alle in Leipzig an einem Strang, es würden alle gewinnen – und Bach-Archiv-Präsident John Eliot Gardiner müsste seine Einführungsrede nicht nutzen, um die Risse zwischen Bach-Archiv und Gewandhaus zu überspachteln. Dann könnte er eine Einführungsrede halten, die diesen Namen verdiente und mehr wäre, als ein sympathisches „Hallo liebe Bachfreunde“ nebst ausführlicher Eigenreklame für seine Konzerte im Gewandhaus, für die zu proben er flugs enteilt.

Andererseits: Oberbürgermeister Burkhard Jung ist in seiner schönen Begrüßungsrede schon so kompetent umhergeschritten im weiten Feld zwischen Luther, Mendelssohn und Bach, dass es eigentlich auch reicht. Im Zentrum des Eröffnungskonzertes soll schließlich die Musik stehen. Und die kommt diesmal nicht zu kurz. Schon vor den schönen Worten hat Thomasorganist Ullrich Böhme mit Bachs prachtvoller F-Dur Toccata BWV 680 und der funkelnden Choralbearbeitung „Wir gläuben all an einen Gott“ die Messlatte hoch gehängt, und einem Klangkörper den Weg geebnet, der in Leipzig wenig wahrgenommen wird – und völlig frei von Dogmen musiziert.

Im Grunde sind es zwei: Bei Bachs hochkomplexer und vom Sohn Wilhelm Friedemann nachträglich mit Trompeten und Pauken versehener Choralkantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ sitzt das Händelfestspielorchester aus Halle auf der Empore. In Mendelssohns „Lobgesang“ ist es die Staatskapelle Halle. Die Musiker sind dieselben. Aber sie wechseln von historischen auf moderne Instrumente, schieben den Stimmton von 415 auf 440 Herz hinauf – und fühlen sich offenkundig in beiden Welten wohl.

Gewiss: Als Staatskapelle markieren sie nicht die Spitze des in Mitteldeutschland Möglichen, und als Händelfestspielorchester bleiben Sie hinter den Spezialensembles zurück, die da weltweit aus den immer gleichen Musikerdateien zusammentelefoniert werden. Aber in beiden Eigenschaften lassen sie sich mit Haut und Haaren ein auf Gotthold Schwarz’ rhetorischen Musizier-Ansatz. Und so klingt das Alte-Musik-Ensemble zwar auf der einen Seite ein wenig matt, geht auf der anderen der instrumentale Beginn von Mendelssohns Sinfonie-Kantate nicht den entscheidenden Schritt vom Vorspiel zur autonomen Orchestermusik. Und auch jenseits der entweder zu zurückhaltend spielenden oder zu mager besetzten Streicher kommt es immer wieder zu Ungereimtheiten. Aber all das ändert nichts an der beseelten Schönheit, mit der der Thomaskantor dieses Bachfest eröffnet. Sein Musizieren ist nicht Selbstzweck, es zielt auf Transzendenz. Nicht auf oberflächliche Wirkung, sondern auf die Seele. Und auf diesem Weg folgen ihm auch die Sänger bereitwillig.

Obwohl die ebenfalls nicht unproblematisch sind. Denn eine Bach-Kantate und den „Lobgesang“ mit den gleichen Solisten zu besetzen, ist mindestens riskant. Doch wie beispielsweise der wunderbare Martin Petzold seine Erfahrungen als Evangelist in Mendelssohns Tenor-Partie einbringt, das ist mit seiner bisweilen hart am Manierismus navigierenden Gestaltungswut zwar gewöhnungsbedürftig. Aber wer sich einmal darauf eingelassen hast, den rühren nicht nur die fiebrigen „Hüter“-Rufe bis ins Mark. Der fabelhaft weiche Bass Henryk Böhm ist nur bei Bach gefragt. Katja Stüber (Sopran) und Marie Chappuis (Mezzo) singen souverän über dem Abgrund, der Barock und Romantik trennt. Oder eben nicht, weil Schwarz ihn inhaltlich schließt.

Davon profitieren auch die erstklassigen Thomaner, an die die Choralkantate höchste Ansprüche stellt – was man indes nur hin und wieder an präpotenten Tenor-Koloraturen hört. Und der Chor-Komplex, der bei Mendelssohn durch die Kombination mit dem ebenfalls exzellenten Chor der Thomasschule entsteht, findet mit hellem Timbre und bemerkenswerter Durchschlagskraft den richtigen Ton für den monumentalen Jubel auf der einen und die zarte Innerlichkeit auf der anderen Seite dieses noch immer allzu oft unterschätzten Meisterwerks.

Das Bachfest hat begonnen. Die Musikstadt Leipzig zeigt, was sie draufhat, und höchstkarätige Interpreten aus aller Welt stoßen bis zum nächsten Sonntag dazu. Da sollte man nicht debattieren, wie die Programm-Proportionen zwischen Komponisten aussehen, die ohnehin das Gleiche wollten – sondern einstimmen in den Jubel nach der Eröffnung des neuen Jahrgangs.

Von Peter Korfmacher

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