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Sichere Profis im Kollektiv

Chor der Oper Leipzig feiert 200. Geburtstag Sichere Profis im Kollektiv

Seit 200 Jahren wird an der Oper Leipzig auch im Chor professionell gesungen. Das haus feiert das Jubiläum mit Festtagen und einer Festschrift.

Spielwütig: Der Chor der Oper Leipzig in Richard Wagners Frühwerk „Das Liebesverbot".

Quelle: Kirsten Nijhof

Leipzig. Bei seinem ersten Auftritt hat er nicht gesungen: Schillers „Braut von Messina“ stand auf dem Programm, als am 28. August 1817 in Leipzig der erste professionelle Theaterchor zum ersten Mal vor Publikum skandierend auf die Bühne schritt. Singend traten die rund zwei Dutzend Mitglieder erst zwei Tage später in Erscheinung, bei der Premiere von Peter von Winters heute vergessener Oper „Das unterbrochene Opferfest“.

Diese Professionalisierung lag sozusagen in der Luft. Denn die chorischen Anforderungen im Theater wuchsen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem Maße, dem mit den eher provisorischen Mitteln des Jahrhunderts zuvor nicht mehr beizukommen war – seit 1693 sind in Leipzig Opernaufführungen nachgewiesen, weshalb das Haus die nächste Saison weiträumig als Jubiläums-Spielzeit zum 325. Geburtstag feiert. Schüler, Studenten, Gesangsvereine waren zuvor eingesprungen, manchmal auch einfach die Solisten. Aber weil die Aufgaben musikalisch und auch darstellerisch immer anspruchsvoller wurden, war damit auf Dauer kein Staats zu machen. In Leipzig nicht – und auch nicht in Dresden, wo Carl Maria von Dresden als Opernchef ebenfalls im August 1817 sein erstes Profi-Ensemble präsentierte. Es zählte anderthalb Mal so viele Mitglieder. Was nicht weiter verwundert, denn im Gegensatz zur bürgerlichen Unternehmung in Leipzig saß in der Residenzstadt der Gulden immer schon mehr als nur ein wenig lockerer.

Die privat-höfische Parallelgründung in Sachsen ist auch der Grund dafür, dass die Oper Leipzig zum Behufe der freistaatlichen Terminentzerrung ihre Opern-Festtage ins Frühjahr vorzieht: Das kommende ist ein Festwochenende für den mittlerweile 73 Mitglieder auf 68 Planstellen zählenden Chor: Da steht am Freitag ein Programm auf dem Spielplan, das die Damen und Herren als Konzertchor und mit einigen Opernhits präsentiert, dazu kommen Aufführungen ausgewiesener Choropern wie Puccinis „Turandot“ und Webers „Freischütz“. Hausherr Ulf Schirmer dirigiert selbst – und hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass der Ex-LVZ-Redakteur Hagen Kunze als Herausgeber eine exzellent recherchierte opulente Festschrift zum Thema vorlegen kann. Die füllt zahlreiche Wissenslücken rund ums wissenschaftlich bisher erstaunlich stiefmütterlich behandelte Thema Opernchor (nicht nur) in Leipzig und wird am Freitag im Vorfeld des Festkonzerts vorgestellt.

Tatsächlich wissen wir über die ersten 100 Jahre des Ensembles vergleichsweise wenig. Die Namen der Chorleiter sind halbwegs vollständig überliefert, ebenso die der Mitglieder und ihre Zahl. Aber wer waren diese Sängerinnen und Sänger, die bis ins 20. Jahrhundert als fünftes Rad am Theaterkarren ein prekäres Dasein fristeten? Wie lebten sie? Was trieb sie an? Wie sah ihre Ausbildung aus?

Das ist ohnehin eine spannende Frage. Denn im Gegensatz zum angelsächsischen Raum oder zu den Niederlanden gibt es in der Bundesrepublik keine geregelte Ausbildung zum Konzert- oder Opernchor-Sänger. Die verläuft an deutschen Hochschulen als Solist, was Chorsängern mitunter den Vorwurf einbringt, sie seien gescheiterte Solisten.

Wolfram Protze, 52, der Kopf des Chorvorstands, weist das naturgemäß von sich: „Nein, ich war nie auf eine solistische Karriere aus. Die Arbeit im Kollektiv ist für mich wunderbar erfüllend – vor allem wenn, wie derzeit in Leipzig, eine große und dankbare Choraufgabe die nächste jagt. Und es kommt noch eine weitere Komponente hinzu: Als ich in den Opernchor eintrat, hatte ich bereits Familie. Da weiß man die sozial abgesicherte Arbeit in einem Ensemble ebenso zu schätzen wie die einigermaßen geregelten Arbeitszeiten. Das Leben des reisenden Solisten ist mit einer Familie nur schwer zu vereinbaren.“

Tatsächlich stehen die Kollektive an deutschen Opernhäuser, die Chöre ebenso wie die Orchester, unter dem Schutz ausgeklügelter Tarif-Verträge. Um die wurde die ganze Zeit ihres Bestehens über hartnäckig gerungen – und führen heute dazu, dass in vielen Häusern Chormitglieder finanziell besser dastehen als manches Mitglied des Solisten-Ensembles. Denn die müssen ihre Verträge und Gagen oft frei aushandeln, hangeln sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag und haben heute kaum noch die Chance in durchgehender Beschäftigung das Rentenalter zu erreichen. Denn erst, wer 15 Jahre an einem Haus verbracht hat ist unkündbar. Und so weit lassen es Intendanten nur höchst selten kommen.

Die Zeitverträge allerdings sind für Chordirektor Alessandro Zuppardo, 57, so wichtig wie die Luft zum Atmen. „Ich brauche“, sagt der Italiener, „den Wechsel. Länger halte ich es an keinem Ort der Welt aus.“ Also hat der grandiose Chorerzieher, der den Leipziger Opernchor musikalisch noch ein Stück weiter gebracht hat, bereits wieder Hummeln im Hintern: 2011 kam er an den Augustusplatz, und mit dem Ende der laufenden Spielzeit kehrt er Leipzig wieder den Rücken zu.

Viele Chordirektoren haben es im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte so gehalten – aber es gab auch das genaue Gegenteil. Andreas Pieske, Jahrgang 1928, etwa stand dem Chor der Oper Leipzig gut drei Jahrzehnte lang vor, von 1960, da wurde das neue Haus am Augustusplatz eingeweiht, bis kurz nach der Wende, als seine Schäfchen ihn wegen seines vielleicht allzu autoritären künstlerischen Führungsstils in die Wüste schickte – via Abwahl und nur zwei Jahre vor Erreichen des Rentenalters. Da konnte auch Intendant Udo Zimmermann nichts mehr machen, der noch erfolglos zu vermitteln versuchte.

Pieskes Verletzungen aus dieser Zeit scheinen mittlerweile weitgehend verheilt zu sein. Im Publikum hält er seinen Schäfchen die Treue. Denn es sind immer noch viele von seinen Gewächsen aktiv dabei im Opernchor, dessen Durchschnittsalter bei 50 Jahren liegt: Pieske hatte in den 80ern einen Versuch gestartet, die Chor-Ausbildung in der DDR auf professionellere Füße zu stellen. Einen ganzen Jahrgang zog er als verantwortlicher Dozent an der Leipziger Musikhochschule neben seiner Arbeit an der Oper heran, bevor das Projekt wieder einschlief. Dieser Studien-Jahrgang, dem auch Wolfgang Protze angehört, kam beinahe vollständig im Chor der Oper Leipzig unter und prägt das Ensemble bis heute, bildet die Keimzelle für das Ansehen, die dieses Gesangskollektiv in aller Welt genießt.

Festtage 200 Jahre Opernchor: 17. März: 18 Uhr, Garderobenhalle: Buchpräsentation: 200 Jahre Opernchor, Festschrift von Hagen Kunze und Stefan Wünsche (Eintritt frei); 19.30 Uhr: Festkonzert des Opernchores (wenige Restkarten); 18. März, 19 Uhr: Der Freischütz; 19. März, 18 Uhr: „Turandot“. Karten unter der Telefonnummer 01805 2181050, in allen LVZ-Geschäftsstellen, in der Ticket-Galerie in der Hainstraße, online unter www.lvz-online.de sowie an der Opernkasse oder unter Tel. 0341 1261261.

 

Von Peter Korfmacher

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