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Sie singt mit tausend Stimmen: Zola Jesus im UT Connewitz

Konzert Sie singt mit tausend Stimmen: Zola Jesus im UT Connewitz

Zuerst zertrümmert ein DJ namens Ziúr das UT Connewitz mit seinen düsteren Sounds zu Staub. Dann baut eine kleine Frau namens Zola Jesus das Gemäuer mit ihren Liedern wieder auf – ein Konzertabend in Leipzig.

Wie von Geistern erfasst: Zola Jesus alias Nika Roza Danilova, 27, im blauen Licht des UT Connewitz.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Bevor an diesem Abend etwas Wesentliches geschieht, haben die Veranstalter am Donnerstag schon vier Mal die Nebelmaschine getestet: Alle paar Minuten macht es „pft“, und nach jedem Mal erlischt die Hoffnung, dass endlich einer der angekündigten Musiker die Bühne betreten würde. Unterdessen hält ein Vor-DJ das Publikum bei Laune, verpasst ihm probeweise ein paar Herzrhythmusmassagen mittels Bass. Die Zuschauer wiederum – die meisten kombinieren ein schwarzes T-Shirt mit Jutebeutel – halten sich an Bierflaschen fest und quatschen.

Die Bühne ist in kühl-blaues Licht getunkt. Auf die trollt sich nun ein ebenfalls schwarz gekleideter Mann mit Kinn-langen Haaren. Er steht da noch eine Weile so rum, so dass man meint, er gehöre zur Crew. Aber dann ändert man seine Meinung, nämlich als er in die Mitte der Bühne schlurft und sich dort hinter ein DJ-Pult stellt. Er fängt an, auf ein paar Knöpfe zu drücken. Mit jedem Tippen seiner Finger entsteht ein Klang, als würde eine Abrissbirne durch Beton brechen. Dieser Mann ist also Ziúr, der Opening Act des Abends. Würde man nicht sehen, wie er über seine Geräte streichelt, man könnte es mit der Angst zu tun bekommen, dass er gerade das UT Connewitz in Schutt und Asche legt.

Die Zuschauer nehmen es gelassen hin. Manche schließen sogar die Augen und bewegen sich zum vermuteten Takt. Viele kleine Jutebeutel wiegen auf den Rücken ihrer Träger. Mittlerweile läuft die Nebelmaschine zu Hochtouren auf und hüllt das Publikum in eine Rauchwolke.

Mit im elektronischen Klangkosmos: eine Posaune

Nach einer dreiviertel Stunde – vom UT ist nur noch ein Häufchen Staub übrig – beschließt Ziúr, dass seine Arbeit getan ist, und schleicht von der Bühne. „Skrillex“, murmelt jemand. „Joa, Skrillex“, ein anderer und: „Wann fängt es endlich an?“

Allmählich wird es vor der Bühne eng. Viele kleine Jutebeutel haben kaum mehr Platz zum Schwingen. Da schreiten drei Personen auf die Bühne und nehmen zielgerichtet ihre Positionen ein: die kleinste Person ganz vorne und rechts und links hinter ihr zwei größere Männer, offensichtlich ihre Assistenten. Einer von ihnen tritt hinter einen Turm aus Keyboards, der andere hinter einen Tisch mit Effektgeräten und hebt noch – man staune – ein richtiges Instrument, eine Posaune, über die Schulter. Diese wird der elektronischen Musik einen geerdeten Klang beigeben.

Nun aber zur Hauptperson ganz vorne: Sie hat den Kopf gesenkt, lange schwarze Haare fallen über ihr Gesicht und verschmelzen mit einem dem dunklen, Knie-langen Gewand. Mit den ersten Beats hebt die kleine Frau den Kopf – aber nein, ihr Gesicht wird man fast nie zu sehen bekommen, was schade ist, denn Zola Jesus – so nennt sich die US-amerikanische Sängerin – hat klassisch-schöne Züge. Wenn sie ihren zarten Mund öffnet, klingt das, als würde sie mit tausend Stimmen singen, und wenn sie tanzt, zuckt sie, wie von bösen Geistern erfasst; oder windet sich schlangenhaft um ihre wehmütigen Melodien; oder klettert auch mal auf einen Boxenberg und beschwört ihr Publikum von oben. Das ist indessen aus seiner Schockstarre erwacht und lässt sich von den unruhigen Rhythmen treiben.

Im Gegensatz zu Ziúrs musikalischer Verwüstung betreibt Zola Jesus Aufbauarbeit. Denn trotz aller Finsternis, die durch den Saal schwurbelt, vibriert da immer der Wille mit weiterzumachen: mit düsteren Klängen in die Zukunft.

Von Felicitas Förster

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