Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Sie sollen sich einmischen“: Rayan Abdullah über die Arbeit mit geflüchteten Künstlern

Leipziger Typografie-Professor „Sie sollen sich einmischen“: Rayan Abdullah über die Arbeit mit geflüchteten Künstlern

Es ist ein Pilotprojekt für geflüchtete Kunst- und Designstudenten: 2016 wurde an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig die „Akademie für transkulturellen Austausch“ ins Leben gerufen – initiiert von Rayan Abdullah (60), Professor für Typografie. Im Interview spricht er über Erfolge und Hindernisse sowie die Situation in seiner Geburtsstadt Mossul im Irak.

Rayan Abdullah (M.) im Gespräch mit geflüchteten Künstlern in der HGB.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  Es ist ein bundesweit einmaliges Projekt für geflüchtete Kunst- und Designstudenten: 2016 wurde an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig die „Akademie für transkulturellen Austausch“ (ATA) ins Leben gerufen – initiiert von Rayan Abdullah (60), Professor für Typografie an der HGB. Im Interview spricht er über Erfolge und Hindernisse sowie die Situation in seiner Geburtsstadt Mossul im Irak.

Sie haben im vergangenen Jahr die ATA ins Leben gerufen, wie lautet Ihre erste Bilanz?

Das Schöne ist: s ist nicht mehr allein mein Projekt. Es haben sich viele angedockt, die das mit Herz und Seele machen; es läuft wunderbar, dank der Studierenden, die jetzt wieder die Kennenlernwoche organisiert haben, dank der Kollegen. Es ist ein Wir-Gefühl entstanden. Vor kurzem kam ein Student, er hat fast geweint und gesagt, das er gar nicht weiß, wie er sich dafür bedanken kann, dass er diese Chance bekommen hat. Das hat mich berührt. Mich hat es nie interessiert, woher die Leute kommen. Mich interessiert, wohin sie gehen. Wir geben, so viel es geht, damit sie eine Chance haben, egal wo sie später leben.

Wo hakt es noch?

Was wir nicht bewegt haben, sind eine Menge Hürden, die zum Teil auch in den Menschen selbst stecken. Es gibt so viele verzwickte Paragrafen. Es ist ein Dschungel. Gegen diese Maschinerie von Gesetzen, die kein Mensch durchschaut, konnten wir am Ende nicht siegen, aber wir sind insgesamt auf einem guten Weg.

Seit Freitag stellt die Leipziger Hochschule für Grafik- und Buchkunst (HGB) die Werke ihrer Diplom-Studenten aus. Dabei sind noch bis zum 12. August 2017 Arbeiten aus den Bereichen: Malerei und Grafik, Fotografie, Buchkunst und Grafik-Design sowie Medienkunst zu sehen. (Bilder: André Kempner)

Zur Bildergalerie

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Die Studierenden haben teilweise die Auflage, die Orte, an denen sie registriert sind, nicht zu verlassen. Das Gesetz jedoch sagt, wenn jemand einen Arbeits- oder Studienplatz hat, darf er seinen Aufenthaltsort ändern. Man hat uns mehrfach gebremst, obwohl wir im Recht sind. Und am Ende haben die Studierenden ja noch das Problem, dass sie Miete zahlen, essen und trinken müssen. Das führte dazu, dass wir bei der Finanzierung sehr kreativ sein mussten – wir haben nicht nur die Benefizauktion zugunsten der ATA im vergangenen Dezember gemacht, sondern auch diverse Klinken geputzt. Insgesamt sind fast 50 000 Euro zusammengekommen. Nun hoffen wir, dass sich das Finanzierungsproblem nicht wiederholt.

Hat man eigentlich schon überall verstanden, worum es Ihnen mit der ATA geht?

Die Philosophie, die dahintersteckt, müssen wir noch besser kommunizieren. Wir bieten Raum und Zeit für diese Menschen, eine Möglichkeit, sich von den Strapazen der Flucht zu erholen und unsere Sprache, unsere Kultur kennenzulernen – und darüber hinaus die Chance, ihre Studien, die sie in der Heimat abgebrochen haben, hier fortzusetzen. Die Menschen sollen nicht zu Hause rumsitzen, sondern ihre Zeit bewusst und aktiv nutzen.

Wie sieht es mit der Sprache aus?

Sie ist für viele weiterhin ein gewisses Hindernis – aber auch eine Chance. Neben dem Lernen am Sprachinstitut sollen die Studierenden bei uns die Sprache im Zusammenhang mit den hier vermittelten Inhalten lernen, direkt in den Werkstätten. So sollen von den 20 verschiedenen Werkstätten 20 verschiedene Lexika in drei Sprachen entstehen. Davon haben auch wir etwas.

Sie stammen aus dem Irak, sind 1982 nach Deutschland gekommen, werden im Umgang mit den Geflüchteten bei Ihnen Erinnerungen wach?

Ja. Ich war damals auch so: schüchtern, zurückhaltend, vorsichtig. Ich hatte viel zu viele arabische Beziehungen. Ich habe die Studierenden ermutigt, sich mehr zu öffnen, nicht nur unter sich zu bleiben. Sie sollen sich einmischen, sich artikulieren, positionieren. Bei einigen merken wir, da ist noch eine Bremse, andere haben sich wunderbar entfaltet und geöffnet.

Wie sieht es mit der Qualität der Arbeiten der ATA-Studenten aus, gab es Überraschungen?

Bei den vier Studierenden im Fach Buchkunst/ Grafikdesign waren wir sehr überrascht von der Qualität der Arbeiten, die sie vorlegten. Im Orient muss man immer mehr auftischen als nötig – und tatsächlich kamen bei einigen zehn richtig gute Plakate, obwohl nur eins verlangt war. Wir haben zwei Leute, die jetzt schon fürs Hauptstudium geeignet sind. Wenn wir die nicht in Bewegung halten, schaden wir uns selbst.

In dieser Woche sind 30 neue Bewerber zur Kennenlernwoche in der HGB gewesen. Wie ist die Stimmung?

Es hat sich normalisiert. Die ATA-Studierenden gehören zu uns, sie sind eine Selbstverständlichkeit geworden. Letztes Jahr war die Spannung enorm groß, das Bedürfnis, sich aneinander zu reiben. Die Neugier der deutschen Studierenden hat sich etwas beruhigt, die der ATA-Studierenden ist gestiegen. Unter den Neuen sind zehn Frauen, das ist fantastisch. Wir haben Studierende aus Syrien, dem Irak, aus dem Libanon und aus Eritrea.

Ihre Heimat ist Deutschland, Sie lieben dieses Land, bezeichnen sich selbst als Preuße. Vor einem Jahr sagten Sie, Sie wollten Deutschland mit der ATA etwas zurückgeben. Haben Sie das Gefühl, es nimmt das Geschenk an?

Ehrlich gesagt, nein. Ich habe an hunderte Stiftungen geschrieben und gebeten, sich die ATA anzusehen und uns gegebenenfalls zu unterstützen. Es gab nicht mal eine Rückfrage. Und alle diese Stiftungen schreiben auf ihre Flagge, dass Bildung ihr Thema sei. Ich verstehe die Welt nicht. Es gibt immer aber auch Licht. Ich glaube an Deutschland und an unsere Philosophie. Das geht aber nur, wenn man mit anfasst. Klar, da sind auch ein paar Zuschauer, im Verkehr nennt man sie Gaffer: Leute, die schauen, ob man gleich auf die Nase fällt. Aber die meisten fassen mit an und helfen. Ich bin der Meinung, dass Bildung für Geflüchtete der Schlüssel ist.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit dem Thema Integration allgemein.

Medial passiert viel zu wenig. Im Fernsehen fällt auf, dass, wenn es um das Thema Flucht und Integration geht, die Betroffenen nicht anwesend sind. Man sollte die besten Projekte zeigen und davon lernen, statt immer nur zu zeigen, wo etwas schiefläuft. Unser Projekt ist exportierbar. Wir können helfen, unsere Erfahrungen weitergeben.

Sie wollen verändern, bewegen. Werden Sie eigentlich nie müde?

Ich mache zweimal die Woche Sport, Leichtathletik. Ich lese viel, ich habe eine Firma, einen Verlag, ich bin Gründungsdekan der deutschen Universität in Kairo – und ich habe viele andere Projekte. Wenn ich stehenbleibe, werde ich alt. Mein neuer Plan ist: Ich will ein Designlabor für deutsche und geflüchtete Studierende gründen, angedockt an die HGB.

Was wünschen Sie sich von anderen?

Meine Bitte ist: Gebt zehn Prozent eurer Energie für eine gute Sache. Es ist machbar.

Ein Themenwechsel: Sie stammen aus Mossul. Es heißt, die Stadt sei befreit ...

Das ist der größte Irrtum. Man hat die Stadt zerstört. Eine Befreiung fängt im Kopf an, damit, dass man das Virus da herausbekommt. Man hat die Häuser kaputt gemacht, aber das Virus nicht rausgeholt.

Über Aleppo, das von den Russen und der syrischen Regierung bombardiert wurde, wurde hier intensiver berichtet, oder täuscht der Eindruck?

Ja, da ist ein großer Unterschied in der medialen Wahrnehmung, in der Vermittlung von Informationen. Mossul ist eine der beiden ältesten Städte der Menschheit nach Babylon: das alte Ninive. Die Stadt war eine Perle der islamischen Welt. Nun ist die gesamte Altstadt dem Erdboden gleichgemacht. Da kann man doch nicht von Befreiung reden. Und ich frage mich, wo jetzt die IS-Kämpfer sind. Niemand weiß es. Es ist ein Schattenkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, zwischen Sunniten und Schiiten – auf Kosten der Menschen und der Geschichte der Stadt.

Haben Sie noch Verwandtschaft in Mossul?

Ja, alle leben sie dort, ich skype fast täglich mit ihnen. Ich habe vier Schwestern und zwei Brüder, mit allen Kindern und Enkeln sind es mehr als 50 Personen. Sie sind mehr als traurig – über den Verlust von tausenden Menschen und den Verlust der alten Stadt – nicht nur das schiefe Minarett, auch die gesamte Bibliothek ist vernichtet.

Von Jürgen Kleindienst

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine Papierfabrik stellt sich vor: "Edle Papiere aus Gmund" im Druckkunstmuseum Leipzig. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr