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Sigrid Damm schenkt sich zum 75. eine schwärmerische Liebschaft

Jubiläum Sigrid Damm schenkt sich zum 75. eine schwärmerische Liebschaft

Zu den ungelösten Geheimnissen um Goethes Affäre mit Frau von Stein gehört bis heute die erotische Komponente. Pünktlich zu Sigrid Damms 75. Gebursttag erscheint ihr jüngstes Werk, in dem sie sich dieser Liebschaft widmet: „Sommerregen der Liebe“.

Ausstellung und Lesung von Familie Damm im Haus des Buches im Jahr 2002. Tobias Damm, Sigrid Damm, Hamster Damm (von links)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Einer der Verkaufsschlager auf dem Buchmarkt des Jahres 1999 hieß „Christiane und Goethe“. Er stammte aus der Feder der Germanistin Sigrid Damm, die am 7. Dezember vor 75 Jahren in Gotha zur Welt kam. Über Monate behauptete sich der Titel auf der Spiegel-Bestsellerliste. 2005 schob die mittlerweile in Berlin beheimatete Autorin eine von der Kritik ebenso gefeierte Biografie Friedrich Schillers nach. Bis zu diesen Erfolgen dauerte es, denn ihre bereits zu DDR-Zeiten gedruckte Charakterstudie über den fast vergessenen Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz erzielte bei weitem nicht denselben Bekanntheitsgrad.

Pünktlich zu Sigrid Damms Jubiläum erschien ihr jüngstes Werk, in dem sie sich der Liebschaft Goethes zu Charlotte von Stein widmet. Als junger Mann entbrannte der epochale Künstler leidenschaftlich für die Hofdame der Weimarer Herzogin Anna Amalia. Ein Jahrzehnt währte die schwärmerische Verbindung, doch aus autobiografischen Texten wie der „Italienischen Reise“ verbannte der Dichterfürst die Liaison mit ihr. Dieses Verschweigen begründete er später kläglich: „Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines weimarischen Lebens könnte ich nur im Gewande der Fabel oder eines Märchens darstellen; die wirkliche Tatsache würde die Welt nimmermehr glauben. Ich würde vielen weh, vielleicht nur wenigen wohl, mir selbst nie Genüge tun.“

Die markantesten Briefe

Geradezu exzessiv entwickelte sich Goethes Kontakt zu Charlotte von Stein unmittelbar nach seiner Ankunft in Thüringen. Damals fühlte sich der umjubelte Verfasser des Romans „Die Leiden des jungen Werther“ in seiner Rolle als Regierungsbeamter noch fremd. Sigrid Damm zeigt sich wenig verwundert, dass er in dieser Situation die etablierte adlige Dame als mentalen „Ancker“ betrachtete: „Er entfremdet sich nach und nach fast völlig von seinem offiziellen Dasein in Weimar. Reduziert sich immer mehr auf seine private Welt, die aus ihm und Charlotte besteht. Für sie, durch sie lebt er, seine ‚eigne Hälfte‘ sei sie.“ Theatralisch beschwor er ihre Nähe: „Was ich ohne dich habe und geniese ist mir alles nur Verlust. Und: ich will nur seyn, wo du bist denn da ist mein Himmel.“ Nach dem Bruch von 1786 gestaltete sich beider Umgang dann sehr reserviert.

Sigrid Damm

Sigrid Damm: Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein. Insel Verlag; 406 Seiten, 22,95 Euro

Quelle: Suhrkamp Verlag

Sigrid Damm wählte aus den rund 1700 Briefen, die Goethe an Charlotte von Stein richtete, die markantesten aus. Äußerlich unterscheiden sich diese Botschaften vor allem durch ihren Umfang. Mal handelt es sich lediglich um kleine Zettelchen, mal um weit ausladende Episteln. Die Editorin analysiert diese oft amourösen Nachrichten in zwei klugen Essays. Im Prolog steckt sie sehr geschickt die historischen Rahmenbedingungen der Romanze ab. Danach leitet sie raffiniert zur psychologischen Tiefenschürfung über. Antwortschreiben der Frau von Stein vermochte sie nicht in ihre Untersuchungen einzubinden, denn die verschwanden unter mysteriösen Umständen und existieren nicht mehr. Laut Sigrid Damm sind sie vernichtet: „Wann und durch wen, ist ungeklärt.“

Vom Sie zum Du und zurück

Zu den ungelösten Geheimnissen um Goethes Affäre mit Frau von Stein gehört bis heute die erotische Komponente. Der Poet drängte seine Freundin auf postalischem Weg, zum intimen „Du“ zu wechseln. Sie verweigerte sich dieser Vertraulichkeit zunächst, um dann plötzlich der Bitte ihres Galans zu entsprechen. Im Alter kehrten beide überraschend wieder zum förmlichen „Sie“ zurück. Daher spekulierten Fachleute wiederholt über ein eventuell rein platonisches Techtelmechtel des Paares. Sigrid Damm schätzt die Frage, ob zwischen Charlotte von Stein und Goethe je ein Geschlechtsakt stattfand, letztlich als unerheblich ein.

1827 starb Goethes einstige Angebetete. Sigrid Damm resümiert: „Ob er den Trauerzug wahrgenommen hat, der sich zum Neuen Friedhof am Poseckschen Garten bewegte? Wir wissen es nicht. Kein Wort zu einem Dritten über Charlotte von Stein, keine Notiz im Tagebuch. Keine Würdigung, kein Rückblick.“

Sigrid Damm: Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein. Insel Verlag; 406 Seiten, 22,95 Euro

Von Ulf Heise

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