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Silly über die Trikot-Aktion bei RB Leipzig, die politische Lage und über Tamara Danz

Interview Silly über die Trikot-Aktion bei RB Leipzig, die politische Lage und über Tamara Danz

Der jüngste Leipziger Silly-Auftritt war so kurz wie vielbeachtet: Zur RB-Aufstiegsfeier liefen die Musiker im Mai in Trikots ostdeutscher Traditionsvereine auf, wurden ausgepfiffen und verließen die Bühne nach nur einem Lied. Vor ihrem Konzert im Haus Auensee am 23. Oktober spricht die Band über das Skandälchen sowie über die politische Lage und den 20. Todestag von Tamara Danz.

Aus und in Berlin: die Band Silly – Uwe Hassbecker (55), Anna Loos (45), Ritchie Barton (62) und Jäcki Reznicek (62, von links).

Quelle: Ben Wolf

Leipzig. Interview mit Silly

Fürchten Sie nach der Trikot-Aktion vom Mai nun im Haus Auensee eine Retour­kutsche von RB-Leipzig-Anhängern?

Anna Loos: RB-Leipzig-Fans sind bei uns herzlich willkommen, wir haben ja nichts gegen den Verein, auch wenn das damals anders aufgefasst wurde. Das Ganze zielte eher auf die Umstände, wie wir engagiert worden waren. Auf mehrfaches Bitten des MDR hatten wir zugesagt, unseren einzigen Familientag inmitten einer längeren Promophase zu opfern, um ohne Gage bei einem Fest für den ostdeutschen Fußball zu spielen. Das wäre uns eine Herzensangelegenheit gewesen, schließlich stammen wir alle aus dem Osten und drücken Mannschaften die Daumen, die es mangels Geldes in dieser kommerzialisierten Sportart schwer haben.

Was aber auf RB Leipzig überhaupt nicht zutrifft ...

Anna Loos: Dass es nicht um den Ostfußball an sich, sondern um RB Leipzig gehen würde, haben wir ein oder zwei Tage vorher gemerkt. Und es hat uns echt ziemlich wütend gemacht. Wir kriegen viele Einladungen, für Parteien zu spielen, die wir alle ausschlagen. Und genauso wenig würden wir als Silly für Red Bull auftreten, zumal umsonst. Da haben wir uns gesagt: Wenn die uns verarschen wollen, lassen wir das nicht zu und machen uns für das stark, wofür wir gebucht wurden: den ostdeutschen Fußball. Dass die Leute das nicht verstanden haben, ist schade. Doch so ist es in diesem Sport: Die Fans der verschiedenen Vereine hauen sich gegenseitig die Köpfe ein. Das kann man gut finden, aber ich finde es total bekloppt. Ist doch nur Fußball.

Den Auftritt abzusagen, war keine Option?

Anna Loos: Nein, denn die Leute haben ja erwartet, dass wir spielen. Wir sind zudem kein Gast, der sich abends überlegt, ob er zu der Geburtstagsparty geht, zu der er eingeladen ist. Sondern wir sind ein kleines Unternehmen: Wenn wir den Lkw packen und unsere Techniker irgendwo hinreisen, ist das mit großem Aufwand verbunden. Wenn wir dann kurz vorher merken, dass wir zu einer Party eingeladen sind, zu der wir eigentlich nie gehen würden, muss der Gastgeber eben sehen, was er davon hat. Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass irgendeiner von uns RB Leipzig scheiße findet. Unsere Sympathien liegen bei unseren Heimatvereinen, mal ganz abgesehen davon, dass keiner von uns ein Hardcore-Fußballfan ist. Und wenn jemand mit unglaublich viel Kohle eine Ostmannschaft nach vorne pusht, haben wir übrigens auch nichts dagegen, wünschen uns das am besten aber natürlich für alle Vereine.

„Es steckt ein Ohnmachtsgefühl gegenüber den Volksparteien dahinter“

Zu DDR-Zeiten waren Silly darin geübt, Botschaften weniger plakativ als jetzt mit den Trikots zu verbreiten: „Zwischen den Zeilen“ heißt ein Lied des aktuellen Albums. Sollten sich Künstler auch heute in dieser Kunst üben, um keinen Shitstorm zu ernten?

Anna Loos: Nein, damals war die metaphernreiche Sprache nötig, weil man sonst gar nichts erzählen durfte. Heute darf man hingegen fast alles sagen. Nur hören einem die Leute nicht mehr so gut zu. Sie nehmen sich nicht die Zeit, so eine blumige Sprache zu entschlüsseln. Wenn man nicht emotional und vielleicht auch direkt textet, verstehen sie einen nicht.

Uwe Hassbecker: Das ist auch nur die halbe Wahrheit. Wir hatten durchaus immer auch plakative Aktionen. Ich erinnere nur an die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher 1989. Der damalige Shitstorm ging dann von der Partei- und Staatsführung aus.

Was steht heute zwischen den Zeilen?

Anna Loos: Wir leben in einer Welt, in der wirklich viel geredet wird. Vor allem vor Wahlen. Das Interessante ist da heutzutage, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Und zu versuchen, die richtigen Fragen zu stellen, auf die richtigen Sachen aufmerksam zu machen. Auf solche, die oftmals gar nicht auf der Hand liegen. Alle reden über die Flüchtlingsproblematik. Aber keiner redet darüber, dass die Leute hier der Gesellschaft aus ganz anderen Gründen abhanden kommen.

Aber erreichen AfD und Pegida nicht gerade mit dem Flüchtlingsthema zwar nicht die Mehrheit, jedoch leider viele Menschen?

Anna Loos: Ich persönlich glaube, dass sich diese Menschen einfach zurückgelassen fühlen: von den Politikern, die sie eigentlich gewählt haben, damit sie sie vertreten. Die Leute haben Angst zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben – dass der Spruch „Unseren Kindern soll’s mal besser gehen“ nicht mehr zutrifft. Würde man sie mal fragen, was sie dazu bringt, AfD zu wählen, bekäme man noch andere Antworten als nur das Flüchtlingsthema. Ich glaube, es steckt eher ein Ohnmachtsgefühl gegenüber den Volksparteien dahinter.

„Vielleicht macht man als Band einfach nur Musik“

Sie singen von einem „Wutfänger“, der analog zu einem Traumfänger den Hass auffängt. Wie ließe sich so etwas in der Realität erreichen?

Anna Loos: Es reicht nicht, die Wut aufzufangen, man muss mit ihr umgehen. Man kann eine Energie, die existiert, und Wut ist eine große Energie, nicht einfach kaputt machen, sondern man muss sie umwandeln. Dafür muss man verstehen, woher sie kommt. Genauso wie man an die Gründe gehen muss, warum es überhaupt so viele Flüchtlinge auf der Welt gibt. Man muss sich weniger um die Symptome kümmern wie ein schlechter Arzt, sondern um die Ursachen, wie es gute Mediziner tun.

Angesichts Ihrer Popularität kann man davon ausgehen, dass mancher Fan den Spagat hinkriegt, beim Frühstück die „Wutfänger“-Platte zu hören und dann AfD zu wählen oder mit Pegida zu marschieren.

Anna Loos: Darüber machen wir uns tatsächlich Gedanken, ja. Aber wir haben in den vergangenen Monaten wieder gemerkt, dass dieser ganze Promo-Zirkus, in dem man als Band heutzutage die Mechanismen bedient, sehr oberflächlich ist. In einem Interview ist nie die Zeit, einen politischen Gedanken zu Ende zu denken. Wenn wir als Silly sagen, die AfD ist keine Alternative für Deutschland, steht da zwar natürlich ganz viel Gedankengut dahinter – aber das dringt fast nie durch. Vielleicht macht man als Band am besten einfach nur Musik, da steckt eigentlich alles drin. Immerhin haben wir uns ja zwei Jahre lang überlegt, wie die Songs klingen und was die Texte sagen sollen. In einer Frühstücksfernsehsendung wird man mit Inhalten in der Kürze der zusammengedampften oberflächlichen Plauderei ohnehin nicht verstanden und dem Ganzen auch oftmals nicht gerecht. Das haben wir als Band gelernt.

2016 ist das Jahr, in dem Anna Loos seit zehn Jahren Silly-Sängerin ist und sich der Todestag von Tamara Danz zum 20. Mal gejährt hat. Wie kommt Ihnen heute die Zeit zwischen 1996 und 2006 ohne Silly vor?

Jäcki Reznicek: Ritchie, Uwe und ich – wir hatten immer Kontakt. Dann haben wir zusammen in der Band von Joachim Witt gespielt und in der Jump Arena Band, bevor es wieder mit „Silly und Gästen“ losging.

Ritchie Barton: Wir haben nicht faul rumgesessen, sondern Uwe und ich haben im Studio vornehmlich andere Bands produziert, jüngere Gruppen, aber auch gestandene wie Karat, Gundermann, City. Joachim Witt verhalf uns zu den ersten Stepps auf die Bühne, da waren wir ihm sehr dankbar. Das war vier Jahre nach Tamaras Tod. Eine Einladung zum 15-jährigen Bestehen von Buschfunk war dann die Initialzündung, dass es mit Silly weiterging.

Uwe Hassbecker: Ich würde sagen, die Zeit ohne Silly war eine ziemlich verzweifelte Zeit. Eine Zeit auf der Suche nach einem Neuanfang, auf der Suche nach uns selbst. Außerdem hat es lange gedauert, Tamaras Krankheitsgeschichte und ihren Tod überhaupt zu verarbeiten. Ein Glück, dass wir zu uns selbst zurückgefunden haben.

„Ich wusste, dass der kleine Friedhof wieder zum Wallfahrtsort wird“

Wissen Sie noch, was Sie dieses Jahr am 22. Juli gemacht haben, dem 20. Todestag von Tamara Danz?

Ritchie Barton: Ich war kurz auf dem Friedhof. Aber ansonsten muss man leider sagen, dass es nach 20 Jahren schon ein normaler Tag geworden ist: Die Kinder haben wir ja trotzdem zur Schule gebracht.

Jäcki Reznicek: Auf jeden Fall hat jeder von uns an so einem Tag sehr persönliche Gedanken an Tamara.

Uwe Hassbecker: Am 22. Juli war ich nicht in Berlin. Aber an den Tagen im Vorfeld drehte sich alles um dieses Datum. Ich habe die Grabstelle sozusagen auf Hochglanz gebracht, weil ich wusste, dass der kleine Friedhof wieder zum Wallfahrtsort werden würde. Die unterschiedlichsten Leute kommen, haben ihre Erinnerungen an Tamara dabei und verbringen etwas Zeit dort. Sie gedenken ihrer. Ich finde das toll, auch nach all den Jahren. Außerdem ging unter www.tamara-danz.de eine Webseite online, die an Tamara erinnert und dabei sehr informativ ist. Eine Initiative meiner Webdesignerin Dana, der ich sehr dankbar dafür bin. Manchmal besuchen junge Leute Tamaras Grabstelle, die waren an ihrem Todestag noch nicht mal geboren.

Sie starten die Tour im Osten, gehen dann in die Weststädte – ist es 2016 für eine Berliner Band mit ostdeutschen Wurzeln noch anders, ob sie im Osten oder Westen spielt?

Uwe Hassbecker: Das Wesentliche – also die Reaktion des Publikums – unterscheidet sich nicht voneinander. Vielleicht sind unsere alten Songs im Westen nicht ganz so bekannt, aber bei den Liedern, die wir seit zehn Jahren spielen, gehen die Leute überall mit. Der einzige Unterschied sind hier und da die Zuschauerzahlen. Aber das ist nichts Wesentliches.

Anna Loos: Mittlerweile haben wir auch in den Weststädten ein Stammpublikum, wenn auch nicht in allen. In Süddeutschland müssen wir noch ein bisschen Aufbauarbeit leisten. Dort halten manche „Bataillon d’Amour“ für einen neuen Song, weil sie ihn halt noch nie in ihrem Leben gehört haben, aber das ist ja wurscht. Natürlich sind auch viele aus dem Osten in den Westen gezogen, das darf man mengenmäßig bei unseren Konzerten im Westen nicht unterschätzen. Unsere erste ausverkaufte Show ist jetzt aber Dresden, und das macht uns schon sehr glücklich, weil das genau wie Leipzig ein Heimathafen für uns ist.

Silly, unter anderem am 23. Oktober, 20 Uhr, in Leipzig (Haus Auensee, Gustav-Esche-Straße 4), 25. Oktober Dresden, 28. Oktober Chemnitz, 30. Oktober Magdeburg, 20. November Berlin. Karten für 42,95 Euro unter anderem in den LVZ-Geschäftsstellen, im LVZ-Media-Store (Höfe am Brühl), unter der gebührenfreien Ticket-Hotline 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de

Von Mathias Wöbking

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