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Sinn und Sinnlichkeit: Yasmine Hamdan im Täubchenthal

Morgendland und Abendland verschmelzen Sinn und Sinnlichkeit: Yasmine Hamdan im Täubchenthal

Yasmine Hamdan betörte einmal Regisseur Jim Jarmusch dermaßen, dass er einen Auftritt der Libanesin in sein Blutsauger-Drama „Only Lovers Left Alive“ (2013) einbaute. „Ihr Name ist Yasmine, sie wird bald berühmt sein“, sagt da die Hauptfigur. Beim Konzert in Leipzig hob die Sängerin Grenzen auf.

Die libanesische Sängerin Yasmin Hamdan im Täubchenthal.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Welch ein Steigbügelhalter, dieser Jim Jarmusch. Eine Festival-Performance Yasmine Hamdans betörte den Regisseur dermaßen, dass er einen Auftritt der Libanesin in sein Blutsauger-Drama „Only Lovers Left Alive“ (2013) einbaute. Die von Tom Hiddleston gespielte Hauptfigur klärt seine Freundin auf: „Ihr Name ist Yasmine, sie wird bald berühmt sein.“

In ihrer arabischen Heimat ist Hamdan längst eine Ikone. Und alles spricht dafür, dass sie auch Europa erobert. Sollte sie irgendwann erneut Leipzig besuchen, dürfte das Clubzimmer des Täubchenthals als Auftrittsort nicht mehr reichen.

Rund 250 Zuschauer verlassen am späten Donnerstagabend beeindruckt den Nebenraum der ehemaligen Plagwitzer Fabrik. Gut 80 Minuten lang hat die 39-Jährige nicht nur bewiesen, dass der recht unverhohlene Werbeblock für sie im Jarmusch-Film in Ordnung geht. Yasmine Hamdan hat gezeigt, wie dezent-unwiderstehlich eine Ver- und Entführung sein kann – in eine Klangwelt, in der sich elektronisches Geplucker, Sechssaitenverzerrung und arabische Gesangskunst in einer Selbstverständlichkeit zueinander bewegen, die symbolhaft ist: Die Entfernung zwischen Abend- und Morgenland wird aufgehoben. Das Arabische bedeutet nicht per se das Gegenteil von Moderne, auch im Orient vibriert eine Subkultur.

Die Argumentation dafür baut Hamdan in eindringlicher Behutsamkeit auf. Zu Beginn brummelt die Gitarre und zwirbeln die Keyboards noch zurückgenommen, die Stimmung ist beschwörend bis sphärisch. Mit einer Hand schirmt die Sängerin ihren Mund ab, als wolle sie sicherstellen, dass nichts ihrem Song etwas anhaben kann. Schmunzelnd kündigt sie den nächsten Song mit der Bemerkung an, er sei so etwas wie Leipziger Allerlei – „ein Fantasie-Lied“. Dieser Titel, „Samar“, bedeutet den Auftakt der Verdichtung cooler Beats und bassiger Passagen. Großer Jubel, als „Hal“ seinen Anfang nimmt, eben jener Titel, den sie im Jarmusch-Film zelebriert. Psychedelisch, melancholisch, bohrend, magisch. Alles in der Sprache ihrer Heimat. Es ist wurscht, dass man keine Textzeile versteht.

Immer wieder schimmert der Einfluss Marc Collins durch, Mastermind der französischen Retro-Popband Nouvelle Vague, der ihr Erfolgsalbum „Ya Nass“ produzierte. So verschränken sich heutige Arrangements aus Pop, Elektro und Indie mit Texten und Melodien aus dem Fundus großer arabischer Sängerinnen Mitte des 20. Jahrhunderts, Bearbeitungen von Liedern aus Kuwait, Ägypten und dem Libanon. Ein musikalisches Nomadentum, das auch Hamdans Vita ausmacht: Die in Beirut geborene Frau musste wegen des Bürgerkriegs mit ihrer Familie fliehen. Abu Dhabi, Griechenland und Kuwait hießen die Stationen bis zur Rückkehr in die zerschossene Heimatstadt. Zu diesem Zeitpunkt, 1997, rief Hamdan die Band Soapkills ins Leben, die als erste Independent-Band des Nahen Ostens bezeichnet wird und den arabischen Untergrund in Bewegung brachte. Mittlerweile lebt die Sängerin in Paris.

Bei ihren Bühnenshows benötigt Hamdan wenig Mittel, um alle Aufmerksamkeit zu bündeln, dank ihrer Schönheit, Sinnlichkeit, Kraft und großartigen Stimme. Der kurze Versuch, den Besuchern arabische Tanzbewegungen zu vermitteln, geht gottlob weit vorbei an peinlichen Mitmachspielchen und mündet in erotischem Tanz der Libanesin – um sofort das Tempo wieder zu drosseln und ein Stück zu feiern, das mit der Arabischen Revolution verknüpft ist. Keineswegs nur für die arabischen Konzertbesucher sehr berührend. „Unser Volk weiß, was Dramatik ist“, konstatiert Hamdan mit der von ihr bevorzugten leichten Ironie. Und es ist schon faszinierend, dass ein ägyptisches Lied aus den 1940ern über Politik und Korruption so harmlos märchenhaft klingt wie eine Geschichte aus 1001 Nacht.

In die Leipziger Nacht entlässt Hamdan alle mit radegebrochenen Zeilen aus „Lili Marleen“. Herrlich. Ja, sie wird mal berühmt. Hoffentlich nicht allzu sehr.

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