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Sir Colin Davis ist tot - Trauer um Dresdner Ehrendirigenten

Sir Colin Davis ist tot - Trauer um Dresdner Ehrendirigenten

Sir Colin war anders: "Es ist scheußlich", hat er nach Jahrzehnten an den Pulten der besten und wichtigsten Orchester einmal gesagt, "dass es in unserer Gesellschaft so sehr um Macht geht".

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Sir Colin Davis ist tot. Foto: Esteban Cobo

Quelle: dpa

Leipzig. Er habe "den Posten als Chefdirigent des London Symphony Orchestra nur unter der Bedingung angenommen, dass ich keine Macht habe". Und "den ganzen Mist mit Charisma und so" verabscheute er aus tiefstem Herzen.

Für den Briten, den seine Königin 1980 zum Ritter schlug, stand nicht er als Person im Mittelpunkt, sondern die Musik, sein Lebenselixier, "die schönste Erfindung des Menschen". Seine Arbeit beschrieb er schlicht und poetisch so: "Dirigieren ist, wie den Vogel des Lebens in der Hand zu halten. Hält man ihn zu fest, stirbt er, hält man ihn nicht fest genug, fliegt er davon."

Wer so über Musik redet und über die Kunst, sie zu machen, wer so uneitel am Menschen Maß nimmt und nicht am Genie, der landet beinahe zwangsläufig bei Mozart. Und tatsächlich haben die Partituren des tragischen Götterlieblings aus Salzburg den Briten durch sein Dirigenten-Leben begleitet. Schließlich verdankte er Mozart auch den internationalen Durchbruch: 1959 sprang er für den erkrankten Otto Klemperer ein, dirigierte aus dem Stand "Don Giovanni" - und viele verstanden sofort, dass da etwas Außergewöhnliches geschehen war.

Hier bereits, die Historisten hatten gerade erst begonnen, sich mit Fragen historischer Aufführungspraxis auseinanderzusetzen, war ein ganz anderer Mozart-Ton zu hören, eine federnde, transparente, vorwärts drängende Ästhetik, die aus der Partitur heraus die Welt abzubilden vermochte. Und die so ganz anders war als das breite Pathos, mit dem Karl Böhm oder auch Klemperer damals noch die Pflöcke einschlugen.

So anders präsentierte sich auch der Mensch Colin Davis am Pult. Was zunächst durchaus für Irritationen sorgte. Denn im Zeitalter der Halbgötter im Frack fiel es manchem Musiker schwer, einem Dirigenten gegenüberzusitzen, der nicht aus persönlicher Machtfülle heraus abrief, sondern darauf aus war, die Musik mit den Orchestermusikern gemeinsam zu entwickeln. So dauerte es ein wenig, bis sich herumsprach, wie beglückend es sein konnte, mit einem Dirigenten zu arbeiten, dessen Credo lautet: "Es ist unnötig, ein Tyrann zu sein. Es bringt nichts, wenn die Musiker aus Furcht spielen."

Wahrscheinlich liegt der Grund für dieses musikalische Demokratie-Verständnis in den Anfängen von Davis' Laufbahn. Zum Dirigierstudium in London nämlich wurde er nicht zugelassen, weil sein Klavierspiel nicht reichte. Also verlegte er sich auf die Klarinette, die er zunächst in Militärkapellen bediente, bis er sozusagen als Quereinsteiger ans Pult kam. Doch obschon manche Kollegen den Klarinettisten da vorn mit skeptischer Herablassung betrachteten, sprach sich dann doch schnell herum, wie wunderbar es war, mit ihm zu arbeiten. Bald jedenfalls legten sich Davis bereitwillig die größten, wichtigsten, besten Orchester der Welt zu Füßen: Am Londoner Sadler's Wells Theatre war er von 1961 bis 1965 als Musikdirektor. 1967 wurde er Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra, 1970 dirigierte er als erster Engländer bei den Bayreuther Festspielen, 1971 wechselte er ans Royal Opera House. 1983 bis 1992 war er Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Von 1995 bis 2007 schließlich war er Chefdirigent des London Symphony Orchestra. Und immer wurde er als Gast auf der ganzen Welt geliebt - vom Publikum wie von den Orchestern.

Am nachhaltigsten jedoch hat er das Musikleben in seiner Englischen Heimat geprägt, das ohne sein jahrzehntelanges Wirken anders aussähe, und in Deutschland, in München in Dresden.

Die Zusammenarbeit mit der Staatskapelle begann 1981, als Davis erstmalig zu Schalplattenproduktionen an die Elbe kam. Es war Liebe auf den ersten Blick. Mehr als 300 Aufführungen hat er mit dem Klangkörper absolviert. Natürlich nicht nur mit Mozart. Orchesterdirektor Jan Nast sagte gestern: "Er war immer offen für neues Repertoire, nahm mit der Staatskapelle alle Sinfonien von Schubert und von Beethoven auf." Auch Berlioz, Sibelius, Elgar oder Ralph Vaughan Williams spielten die Dresdner mit großem Erfolg unter seiner Leitung.

Die Musiker der Staatskapelle erfuhren von Davis' Tod auf ihrer Übersee-Tournee, deren New Yorker Konzerte sie nun seinem Andenken widmen. Ihr aktueller Chefdirigent Christian Thielemann: "Sir Colin war ein ungemein liebenswürdiger und völlig unprätentiöser Mensch, der mit seiner Warmherzigkeit die Herzen aller sofort für sich gewann. Zwischen ihm und der Staatskapelle bestand ein künstlerischer Einklang, wie er nur ganz selten zu finden ist".

Nach Dresden wollte Davis in der nächsten Saison zurückkehren, unter anderem mit Mozarts Linzer Sinfonie. "Dass es dazu nun nicht mehr kommen wird", sagt Jan Nast, "erfüllt uns mit großer Trauer und Wehmut".

Der am 25. September 1927 in der Kleinstadt Weybridge geborene Davis hat das Musikleben Sachsens geprägt wie sonst nur Kurt Masur und Herbert Blomstedt, beide ebenfalls Jahrgang 1927, Masur als Vertreter der Alleinherrscher-Fraktion am Pult, Blomstedt als Diener an der Musik eher mit Colin Davis zu vergleichen. Ohne diese drei wäre das Musikland Sachsen heute nicht, was es ist.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.04.2013

Peter Korfmacher

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