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Sloterdijk über die Fortpflanzung der Fische

„Philosophie Magazin“ Sloterdijk über die Fortpflanzung der Fische

Erotik, Orgasmus, Fortpflanzung - Wir sehen „bei Insekten und bei zahlreichen anderen Lebewesen, dass es auch ohne jegliche Erregung geht“, sagt Peter Sloterdijk im aktuellen „Philosophie Magazin“. Sein Roman zum Thema folgt im September.

Die erotischen Verhältnisse sind deutlich derangiert, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk.

Quelle: dpa

Leipzig. Vielleicht ist der einen oder dem anderen Peter Sloterdijk noch gar nicht als Erotik-Experte aufgefallen. Dabei verfügt sein Schreiben und Sprechen über genau die Dosis Ironie, die angemessen scheint, sich heutzutage zu diesem Thema öffentlich zu äußern. Öffentlich heißt hier: Sloterdijks neuer Roman steht ins Haus. „Das Schelling-Projekt – Ein Bericht“ wird er heißen und bei Suhrkamp erscheinen. Allerdings am 12. September erst, weshalb Vorspiel genannt werden darf, was im aktuellen „Philosophie Magazin“ unter der Überschrift „Im Orgasmus schlägt die Natur die Augen auf“ zu lesen ist. Es ist ein Gespräch mit dem 69-jährigen Philosophen, geführt hat es Chefredakteur Wolfram Eilenberger (43), der die Situation wie folgt zusammenfasst: „Wenn zwei zumindest mittelalte, mutmaßlich heterosexuelle Männer sich im Jahre 2016 zusammensetzen, um sich in einem öffentlichen Gespräch über Wesen und Wirkung des weiblichen Orgasmus zu verständigen, scheint das Fiasko vorprogrammiert.“

Der Philosoph Peter Sloterdijk

Der Philosoph Peter Sloterdijk.

Quelle: dpa

Dazu kommt es dann nicht, weder zu einem tatsächlichen Gespräch über Wesen und Wirkung des weiblichen Orgasmus noch zum Fiasko. Schade eigentlich. Vielmehr scheint schon der Tonfall durch, den Sloterdijk für seinen Briefroman zu wählen scheint, wie die Verlagsvorschau verspricht, in der es heißt: „Eine in die Jahre gekommene Fünferbande, drei Männer, zwei Frauen, stellt bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf Förderung des Projekts ,Zwischen Biologie und Humanwissenschaften: Zum Problem der Entfaltung luxurierender Sexualität auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen zu den Homo-sapiens-Frauen aus evolutionstheoretischer Sicht mit ständiger Rücksicht auf die Naturphilosophie des deutschen Idealismus’.“

Wir sind, sagt Sloterdijk im Interview, „in gewisser Weise aus der Zeit gefallen“. Wo leben wir denn? Das öffentlich rechtliche Fernsehen gibt Nachhilfestunden unter dem Titel „Liebe machen kann man lernen“, was auf Deutsch eben sechs Mal schrecklicher klingt als das englische „Make Love“. Das Thema verglimmt insgesamt zwischen jeder Menge „Shades of Grey“ und alltäglicher Sprachlosigkeit.

Das „Philosophie Magazin“ (Ausgabe 5/2016) ist seit Donnerstag im Handel

Das „Philosophie Magazin“ (Ausgabe 5/2016) ist seit Donnerstag im Handel

Quelle:

Sloterdijk nennt es eine „sich in der westlichen Zivilisation zunehmend ausbreitenden Großwetterlage, die die erotischen Verhältnisse gegenüber den Zuständen der letzten zwei oder drei Jahrzehnte deutlich derangiert hat.“ Gemeint ist eine „sehr tief gehende Pornografisierung der visuellen Kommunikation“ wie auch „das Heraufkommen einer neopuritanischen Grundstimmung“. Doch eigentlich soll es ja um die „so hohe libidinöse Belohnungen“ gehen, die von der Natur auf eine Handlung ausgesetzt ist, „die, wenn Fortpflanzung sein soll, sowieso geschehen muss“. Schließlich sehen wir „bei Insekten und bei zahlreichen anderen Lebewesen, dass es auch ohne jegliche Erregung geht“.

Wie vorbildlich, nämlich diskret, sich die Fische bei dieser Angelegenheit verhalten, begeistert Sloterdijk. „Das Weibchen legt den sogenannten Laich an irgendwelchen Gräsern ab und klebt sie dort fest. Das Männchen schwimmt daran vorbei und nimmt die Gelegenheit wahr, eine Spermawolke im Wasser darüber abzusetzen.“ Diskreter könne Fortpflanzung nicht sein. „Ich meine“, sagt er, „es gibt etwas tendenziell Vorbeischwimmendes in der männlichen erotischen Kondition.“

Dass im Ergebnis der Evolution „die frei gewordenen Hände ausgerechnet in der Höhe der Genitalien baumeln“, sieht er als „merkwürdige Zugangserleichterung im Verkehr mit sich selber“, woraus aber „evolutionstheoretisch noch nicht alle Konsequenzen gezogen“ wurden. „Der Individualismus scheint mir also auch in dieser Hinsicht eine Anknüpfung an sehr altes Material zu sein.“

Erscheint am 12

Erscheint am 12. September: Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt – Ein Bericht. Suhrkamp; 255 Seiten, 24,95 Euro

Quelle: Suhrkamp Verlag

Im Übrigen erklärt er das Verhältnis von Männern und Frauen in erotischer Hinsicht mit dem Farbenblindheitseffekt (der Farbenblinde vermisst die Farbe nicht) und konstatiert, angesprochen auf ein Leben der Masse „in stiller, sexueller Verzweiflung“, zwar „eine Art freie Rede über diesen Bereich“. Doch sei es schwer festzustellen, inwiefern dies von der Ebene des Gesprochenen in die einzelnen Leben zurückwirkt.

Nahezu lustvoll bringt Sloterdijk die Worte des Propheten Teiresias ins Spiel, wonach die erotische Freude der Frau neun Mal größer ist als die des Mannes. Dann aber zieht er sich aus dem Thema zurück. Erschwerend wirkt: Der sinnliche Höhepunkt kennt „kein Äquivalent in einer Satzstruktur“. Drüber reden kann man ja trotzdem. Schreiben sowieso.

Das „Philosophie Magazin“ (Ausgabe 5/2016) ist seit Donnerstag im Handel
Peter Sloterdijk: Das Schelling-Projekt – Ein Bericht. Suhrkamp; 255 Seiten, 24,95 Euro (erscheint am 12. September)

Von Janina Fleischer

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