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"So viel Karicartoon war nie": Kurator Andreas J. Mueller im Interview

"So viel Karicartoon war nie": Kurator Andreas J. Mueller im Interview

"Alle8ung" heißt es ab heute im Stadtgeschichtlichen Museum. Um 18 Uhr wird die 8. Biennale der Satirischen Zeichnung, die Karicartoon, eröffnet.

Bis 11. August sind über 300 Zeichnungen von 46 Künstlern, dazu zwei Schwerpunkte zu sehen. Im Interview spricht Kurator Andreas J. Mueller über die Ausstellung.

Frage: An wie vielen Orten waren Sie zuletzt gleichzeitig unterwegs?

Andreas J. Mueller: Neben der Vorbereitung der Karicartoon steht bei uns die Einrichtung des Deutschen Fotomuseums im Agrapark Markkleeberg vis à vis vom Weißen Haus auf dem Programm. Es soll ab 21. August geöffnet sein. Da ist noch sehr viel zu tun. Zum Glück habe ich die Karicartoon schon seit dem Herbst im Blick.

Ist Ihnen jetzt das Hochwasser in den Weg gekommen?

Auf dem Vorplatz des Museums schwammen Enten. Der Deich an der Pleiße hatte zwar gehalten, aber der Teich im Agrapark ist übergelaufen. Es fehlten noch 50 Zentimeter bis zur Schwelle des Museums. Andere wären glücklich, wenn sie diese 50 Zentimeter gehabt hätten.

Biennale heißt "alle zwei Jahre". Die letzte Karicartoon fand aber vor vier Jahren statt. Wie kommt das?

Wir mussten sie einmal aussetzen, das hing mit fehlenden finanziellen Mitteln zusammen. In diesem Jahr klappte es besser, aber es gibt leider keinen Katalog. Das ist schon schade, denn das ist ja das, was bleibt.

Was gibt es ab heute im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen?

Es ist eine Best-of-Ausstellung. Ich habe zunächst alle noch lebende Zeichner, die in den vergangenen sieben Biennalen ausgestellt haben, angesprochen. Kombiniert werden jeweils etwas ältere und aktuelle Arbeiten. Insgesamt sind es 46 Zeichner. Von jedem hängen vier Rahmen. So viel Karicartoon war noch nie.

Worin liegt für Sie der besondere Reiz an diesem Konzept?

Besonders interessant ist es zu sehen, dass die Themen, die vor Jahren als aktuell galten, im Grunde genommen heute noch genauso aktuell sind.

Hätten Sie dafür mal ein Beispiel?

Da wäre eine Arbeit von Hans-Jürgen Starke. Um die Wende herum hat er zwei Personen in einem ummauerten Terrain mit drei Pfeilen gezeichnet. Titel: "Perspektive". Will sagen: Egal für welchen Weg man sich entscheidet, es geht immer gegen die Wand. Das war damals natürlich auf die DDR gemünzt, kann heute zum Beispiel auch das Gefühl der Perspektivlosigkeit von Jugendlichen widerspiegeln.

Das klingt wie eine Rückschau auf Werke, deren Themen nicht verblassen.

Das kann man so nicht sagen. Die aktuellen Zeichnungen überwiegen deutlich.

Welche Themen liegen vorne?

Es dominieren klar die Finanzwirtschaft, damit verbunden die Euro-Frage, und die Energiewende.

Es gibt neben der Hauptausstellung zwei weitere Schwerpunkte. Da ist einmal Harald Kretzschmar, von dem 80 Porträts von Personen mit starkem Leipzig-Bezug zu sehen sind. Was zeichnet diese aus Ihrer Sicht aus?

Harald Kretzschmar ist ein hervorragender Porträtzeichner der ganz alten Schule, ein Genre, das heute auszusterben droht. Mich fasziniert, wie er das Typische einer Person durch seine grafische Delikatesse erfasst, die gezeigten Personen zu Prototypen überhöht.

Wen trifft man hier also?

Es sind Persönlichkeiten von Erich Kästner bis zu Kurt Masur. Viele Kabarettisten, Lange, Böhnke, Hart. Oder Erich Loest, bevor er die DDR verließ. Es sind Personen aus acht Jahrzehnten, Kretzschmar hat auch Personen wie zum Beispiel Max Klinger gezeichnet. Personen, die er selbst nicht kennenlernen konnte. Auch seine berühmte Karikatur zu Walter Ulbricht ist dabei, die Ende der 50er Jahre einen Eulenspiegel-Chefredakteur den Job gekostet hat, obwohl sie eigentlich nicht böse war. Es war zu der Zeit in der DDR einfach nicht opportun, Politiker zu zeichnen. Harald Kretzschmar wird übrigens das gesamtes Konvolut der 80 Köpfe dem Stadtgeschichtlichen Museum schenken.

Sie werben für die Ausstellung mit einem Napoleon, der seine Hand nicht in die Jacke, sondern in den Hosenstall steckt. Damit wären wir bei Werner Rollow, der sich mit der Völkerschlacht auseinandersetzt ...

Das war ein Glücksfall. Rollow hat sich seit den 70ern mit dem Thema beschäftigt. Wir haben 25 Zeichnungen ausgesucht, sie bilden gewissermaßen eine Insel in der Ausstellung. So hat sich das Motiv in diesem Jahr geradezu zwangsläufig aufs Plakat geschlichen.

Ist die Karicartoon eigentlich eine Wagner-freie Zone?

Ja. Mit Ausnahme einer einzigen Zeichnung von Lothar Otto. Irgendwie scheinen sich die Karikaturisten nicht für ihn zu interessieren.

Karicartoon im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig (Böttchergasse 3): Eröffnung heute, 18 Uhr; bis 11.8., geöffnet Di-So, 10-18 Uhr; Eintritt 3/2 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 frei. Zusätzliche Schwerpunkte: 80 Leipziger Köpfe von Harald Kretzschmar, 200 Jahre Völkerschlacht von Werner Rollow. Gezeigt werden außerdem die preisgekrönten Animationsfilme des DOK.Festivals (10 Filme von 2009 bis 2012)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.06.2013

Jürgen Kleindienst

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