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"So war das damals": Mit der kleinen Bahn fing alles an

"So war das damals": Mit der kleinen Bahn fing alles an

Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben Leser über ihre Kindheit und Jugend.

Heute berichtet Gerhard Pierel davon, wie bei ihm über die kleine Eisenbahn, die heute noch rund um den Auensee tourt, die Liebe zum Beruf erwachte.

Ich wurde 1940 in Leipzig geboren, wir wohnten damals am heutigen Shakespeareplatz, und ich habe die Stunden im Luftschutzkeller bei den häufigen Fliegeralarmen noch in nachhaltiger Erinnerung. Im Krieg wurden in unserem unmittelbaren Wohnumfeld sehr viele Häuser zerstört und diese Ruinen waren unsere bevorzugten Spielplätze.

Hinter unserem Wohnhaus befand sich die Ruine eines früheren Schauspielhauses. Besonders gern haben wir in dem alten Treppenhaus gespielt. Die rostigen Eisentreppen, zwar ohne Geländer, hingen noch im brüchigen Mauerwerk, und wir sind hier oft mehrere Etagen nach oben gestiegen. Wir untersuchten auch gern teilweise verschüttete Kellerhöhlungen unter den Trümmerbergen oder bauten uns Buden aus alten Ziegelsteinen, um darin zu spielen. Für die Dächer der Buden gab es in den Trümmern genug alte Eisenstangen, Blechtafeln und ähnliches.

Von den Eltern wurde uns zwar verboten, in den Trümmern zu spielen und vor den Gefahren intensiv gewarnt, denn in der Zeitung wurde diesbezüglich häufig von schweren Unfällen berichtet. Die Versuchung war aber zu groß, Mutter konnte uns auch nicht immer beaufsichtigen, und als Kinder haben wir die Gefahren nicht gesehen. Meine Spielkameraden und ich hatten glücklicherweise bei diesen äußerst gefährlichen Unternehmungen keinen Unfall.

Im Jahr 1949 sind wir nach Leipzig-Möckern umgezogen, hier gab es eine "heile Umwelt" und keine Schäden. So konnte ich emotional etwas mit den Kriegserinnerungen abschließen, da ich die Zerstörungen nicht tagtäglich vor Augen hatte. Ich kam in die 39. Grundschule in Leipzig-Möckern. Im Jahr 1950 wanderten alle Kinder unserer Schule an den Auensee zur Grundsteinlegung für die damalige Pioniereisenbahn. Am Auensee haben wir dann im Gras gelegen, von der Grundsteinlegung absolut nichts gesehen, und ich habe nicht im entferntesten gewusst, was diese Grundsteinlegung überhaupt ist und auch nicht geahnt, das sie einmal eine Bedeutung für mich haben könnte.

Die Pioniereisenbahn am Auensee wurde dann 1951 eröffnet, und etwa ein Jahr später bin ich in diese Arbeitsgemeinschaft eingetreten. Die heutige Parkeisenbahn fährt mit einer Dampflokomotive und vier Wagen mit je 16 Sitzplätzen rund um den Auensee, die Streckenlänge beträgt 1,9 Kilometer und die Spurweite 381 Millimeter. Dort hatte ich eine sehr interessante Freizeitbeschäftigung, habe sehr viel gelernt und viel erlebt. Ihre Aufgabe bestand darin, junge Leute polytechnisch zu bilden und Nachwuchs für die Deutsche Reichsbahn zu gewinnen.

Drei Erwachsene (Betriebsleiter, Betriebsüberwacher und Lokomotivführer) waren von der Deutschen Reichsbahn freigestellt und mit der Leitung beauftragt. Die anderen Tätigkeiten wie Fahrdienstleiter, Aufsicht, Zugführer, Fahrkartenverkäufer, vier Schaffner, zwei Bahnsteigschaffner, Schrankenwärter und Streckenläufer, wurden von den Kindern ausgeführt. Im Sommerhalbjahr hatte ich jede Woche ein- bis zweimal Dienst, die Diensteinteilung fand immer am Donnerstag statt. Die Aufgaben wechselten ständig, und jeder hat jede Funktion ausgeführt.

Im Winterhalbjahr war einmal in der Woche Unterricht, sowohl in technischer Hinsicht wie Lokomotivkunde als auch in der Betriebsführung. In der Arbeitsgemeinschaft waren etwa 40 bis 45 Kinder. Jedes Mal, wenn wir zum Dienst oder zum Unterricht kamen, erhielt jeder zwei Straßenbahnfahrscheine, so dass diesbezüglich keine Kosten entstanden.

Im Sommer 1953 bin ich mit einer kleinen Gruppe, bestehend aus unserem Betriebsleiter, einem Mädchen und neun Jungs für zwei Tage nach Berlin gefahren. Kurz vor der Reise nach Berlin erhielt die Pioniereisenbahn noch Eisenbahnuniformjacken und Schirmmützen. Wir sollten in Berlin im Ministerium für Eisenbahnwesen unsere Probleme schildern und um Hilfe bitten. Mit unseren neuen Uniformen bekleidet fuhren wir mit dem D-Zug nach Berlin. Am Ostbahnhof erwarteten uns ein Kleintransporter und ein Mitarbeiter des Ministeriums. Als wir ankamen, wurden wir in einen kleinen Saal geführt, in der Mitte saß der Minister mit zwei bis drei Mitarbeitern und an den Seiten nahmen wir Platz. Den Minister haben wir um Kesselblech zur Reparatur unserer Dampflokomotive, die aus dem Jahr 1925 stammt, sowie um Telefondraht für einen Schrankenposten gebeten. Zuvor musste jeder von uns den Minister mit einem kleinen Referat über die verschiedenen Aufgaben der Pioniereisenbahner informieren. Der Minister hörte geduldig zu und er und seine Mitarbeiter stellten auch Zwischenfragen. Während des Gesprächs wurden wir hervorragend bewirtet, es gab Gebäckteile, eine Art Kaffeeschüssel, und etwas zu trinken. Der Minister wies dann einen seiner Mitarbeiter an, dafür zu sorgen, dass unsere Wünsche erfüllt werden.

Wir besichtigten dann noch in Berlin das RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) Schöneweide, wo die Berliner S-Bahnen repariert wurden, die Stalinallee und die Zugfunkzentrale. Am Rückreisetag gab es im D-Zug nach Leipzig das Abendessen im Mitropa-Speisewagen, was zum damaligen Zeitpunkt ein besonderes Erlebnis war.

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2014

Kasel, Beatrice

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