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Soldat und Menschenfreund: Zum Tod des Schriftstellers Daniil Granin

Literatur Soldat und Menschenfreund: Zum Tod des Schriftstellers Daniil Granin

Er war Zeitzeuge, Denker und ein großer Literat: am Dienstag ist der russische Schriftsteller Daniil Granin gestorben. Er wurde 98 Jahre alt. Der Aufbau Verlag plant eine unzensierte Ausgabe seines legendären „Blockadebuchs“ über die Belagerung Leningrads.

Der russische Schriftsteller Daniil Granin im Jahr 2015 in Sankt Petersburg. Am Dienstag ist er im Alter von 98 Jahren gestorben.

Quelle: dpa

Leipzig. Auch in seinem letzten Roman geht es noch einmal um den Krieg. Daniil Granin hat die Belagerung von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht erlebt und darüber geschrieben. Zu vergeben, doch nicht zu vergessen blieb sein Auftrag bis zum Schluss. Am Dienstag ist der russische Schriftsteller im Alter von 98 Jahren in Sankt Petersburg gestorben. Kulturminister Wladimir Medinski sprach am Mittwoch vom Ende der „Epoche der Klassiker“, Präsident Wladimir Putin würdigt den Autor als Denker mit „großer geistiger Kraft und Würde“.

„Man sollte lieber nicht für die Heimat kämpfen, sondern für die Gerechtigkeit, Heimat – das ist ein abstrakter Begriff“, schreibt Granin in „Mein Leutnant“, seinem letzten Buch (Aufbau Verlag, 2015). Jahrzehnte nach Kriegsende hinterfragt er darin noch einmal die Wahrheiten der Vergangenheit und der Gegenwart.

„Damals waren wir sicher, dass wir die letzten Soldaten der Menschheit sind, dass das der letzte Krieg ist. Aber es war nicht der letzte“, hat er im Mai 2015 in einem Interview gesagt. Kurz zuvor wollte Granin eigentlich zum 25. Geburtstag des Kuratoriums Haus des Buches in Leipzig lesen, musste aber wegen Krankheit absagen. Martin Walser war eingesprungen.

Rede vor dem Bundestag

Granin hat Romane, Novellen, Essays und Reiseerzählungen veröffentlicht. Bei weitem nicht ausschließliches, doch bestimmendes Thema war der Zweite Weltkrieg. Davon zu berichten, vor allem immer wieder zu erzählen, macht den Zeitzeugen zum Literaten, zur bedeutenden Stimme.

Geboren wurde er am 1. Januar 1919 als Daniil Alexandrowitsch German in Wolyn im Gebiet Kursk. Er hat Elektrotechnik studiert, als Ingenieur gearbeitet und sich 1941 als Kriegsfreiwilliger gemeldet, bevor er 1949 mit der Erzählung „Der Sieg des Ingenieurs Korsakow“ debütierte. Viele seiner Bücher wurden verfilmt, einige für die Theaterbühne adaptiert.

Als Granin am 27. Januar 2014 im Deutschen Bundestag die Rede anlässlich der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hielt, wollte er dies „aber nicht als Schriftsteller oder Historiker“ tun, sondern „nur als Soldat, der die weit in der Vergangenheit liegenden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs miterlebt hat“. Nach seinem Plädoyer für die Menschlichkeit wird er mit stehenden Ovationen verabschiedet. Gesprochen hat Granin über das Verhalten der Bewohner während der fast 900-tägigen Blockade von Leningrad, die über eine Million Menschenleben gekostet hat.

„Mehrmals musste ich in die Stadt zum Stab, und ich sah diese Szenen und begriff, wer einer der Blockadehelden ist – dieser ,Jemand’, der ,Namenlose Passant’, der einen Menschen rettete, der gestrauchelt war oder kurz vor dem Erfrieren stand. Das Mitgefühl der Menschen verschwand nicht etwa, sondern wurde wiedergeboren.“

Besuch bei den ehemaligen Todfeinden

35 Jahre nach dem Krieg, hatten Granin und der belarussische Schriftsteller Ales Adamowitsch die Idee, ein Buch zu schreiben. 200 „Blokadniki“ wurden dafür befragt. „Häufig war es so, dass diejenigen überlebten, die anderen beim Überleben halfen. Die in den Schlangen anstanden, Brennholz organisierten, Kranke pflegten, ein Stückchen Brot oder Zucker teilten …“ Im Herbst 2018 wird „Das Blockadebuch“ erstmals unzensiert im Aufbau Verlag erscheinen.

Als Granin 1956 nach Deutschland kam, habe er zwar seinen Verlag, aber ja auch „den ehemaligen Feind, den ehemaligen Todfeind“ besucht. „Der schmerzende Zorn war noch da, die Wunden noch offen.“ Er sagte damals: „Wenn ich mit Deutschen in meinem Alter zusammenkomme, dann ist das für mich ein Treffen von Menschen, die vorbeigeschossen haben, denn sie haben so oft auf mich geschossen und nicht getroffen, während ich auch auf sie geschossen und nicht getroffen habe.“ Menschen wie Altkanzler Helmut Schmidt (1918–2015), dem er an der Leningrader Front gegenübergestanden hat. Im Januar 2014 lernten sie einander persönlich kennen, „als Freunde“, wie Schmidt im Vorwort zu „Mein Leutnant“ schreibt.

Wollte vergeben, aber nicht vergessen

Wollte vergeben, aber nicht vergessen: Daniil Granin (M.) 2014 im Bundestag mit Joachim Gauck (l), Norbert Lammert (r.) und Angela Merkel.

Quelle: dpa

Auf Deutsch ist zunächst „Bahnbrecher“ erschienen, in dem wie auch in „Die eigene Meinung“, „Der Namensvetter“, „Dem Gewitter entgegen“, „Sie nannten ihn Ur“ oder „Das Gemälde“ Wissenschaftler im Zentrum stehen. 1984 und 1987 erscheint „Das Blockadebuch“ in zwei Bänden im Verlag Volk und Welt, wo fast alles von Granin herauskam, zum Teil in der Reihe „Spektrum“. Die damalige Volk-und-Welt-Lektorin Antje Leetz erinnert sich in „Fenster zur Welt“ (Ch. Links Verlag, 2003), wie sie 1975 Granin bei dessen DDR-Besuch betreute und der sich nicht nur mit Konrad Wolf und Ernst Busch treffen wollte, sondern auch mit Wolf Biermann, was ihr einigen Ärger einbrachte.

Granin wusste: „Politiker reden so, wie es ihnen nützt. Sie verwenden die Geschichte für ihre eigenen Zwecke. Für sie ist Geschichte Politik. Aber Geschichte ist keine Politik. Und es gibt keine gute oder schlechte Geschichte.“ Er war alles andere als blauäugig, was die politischen Realitäten damals und bis heute betraf. Das gehört wohl zur Begabung, auch mit Ironie und Hintersinn schreiben zu können.

Es gilt für Daniil Granin, was er selbst über seinen Kollegen Lew Kopelew nach dessen Tod gesagt hat: „Er war uns voraus. Er half unseren Seelen, sich zu reinigen, wo immer er konnte.“

Von Janina Fleischer

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