Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Sommer des Lebens“ - Coetzee blickt mit fremden Augen auf sich

„Sommer des Lebens“ - Coetzee blickt mit fremden Augen auf sich

Der genaue Blick auf die eigene Person durch die Augen anderer: Wie viel ließe sich doch daraus lernen und begreifen, aber wie ängstlich weichen wir dieser Perspektive in aller Regel aus.

Voriger Artikel
Weill-Fest: 76 Prozent der Karten sind verkauft
Nächster Artikel
Mendelssohn und Mahler prägen 230. Gewandhaussaison

Der südafrikanische Autor J. M. Coetzee feiert am 9. Februar 2010 seinen 70. Geburtstag (Archivbild).

Quelle: dpa

Frankfurt/Main. JM Coetzee, Nobelpreisträger 2003, hat sie literarisch gewagt - und seinen Lesern ein sehr schönes Geschenk zum eigenen 70. Geburtstag am 9. Februar gemacht. Fesselnd, brillant, verstörend, tiefernst und zugleich lässig selbstironisch bis komisch, wie der Südafrikaner in seinem autobigrafischen Roman „Sommer des Lebens“ vier Frauen und einen Mann über den Schriftsteller und Nobelpreisträger John Coetzee zu Wort kommen lässt.

Eine Julia Frankl hat den jungen Mann als ihren zeitweiligen Geliebten in einer Vorstadt von Kapstadt Anfang der 70er Jahre erlebt. Sexuell habe sie nach „sieben Nächten der Prüfung“ konstatiert, dass er nicht „das gleiche Format gehabt hat wie ich damals“. Ein mit 33 Jahren völlig unfertiger Mensch, der ihr aber durch die Liebesbeziehung geholfen habe, aus einer kaputten Ehe herauszukommen. „Hat er mich oder die Idee von mir geliebt?“ fragt sie und bedauert Coetzee, weil er bis auf eine Ausnahme nie zu Handlungen direkt „aus dem Herzen“ fähig war. Andererseits: „Er war der einzige mir bekannte Mann, der es zuließ, dass ich ihn bei einer ehrlichen Diskussion besiegte.“

Vielleicht seien ihre Erinnerungen an den Schriftsteller nicht alle buchstäblich wahr, bestimmt aber „dem Geist nach“, sagt Julia. Der sie dazu befragt, ist keineswegs Coetzee selbst. In diesem Buch ist der Autor in das - schon gestorbene - Forschungsobjekt eines englischen Literaturwissenschaftlers verwandelt, der den berühmten Schriftsteller nie selbst erlebt hat.

Neben der Ex-Geliebten interviewt er Coetzees Lieblings-Cousine Margot sowie zwei frühere Uni-Kollegen. Und die brasilianische Ex-Tänzerin Adriana, deren Tochter Coetzee unterrichtet und deren Schönheit ihn zu aussichtslosen Nachstellungen treibt. „Was mich anging, beraubte mich seine Anwesenheit im Raum aller Freude“, sagt sie und meint ohne Lektüre eines einzigen Coetzee-Buches, dass der kein großer Schriftsteller gewesen sein könne: „Man muss auch ein großer Mann sein. Er war eine unbedeutender kleiner Mann.“

php943e6235a1201002090948.jpg

Ab 11. Februar 2010 im Handel J. M. Coetzees neues Werk "Sommer des Lebens".

Quelle: PR

Was Adriana über das Leben und Sterben ihres Ehemannes, eines Journalisten und am Ende verarmten Nachtwächters zu erzählen hat, ist

für sie viel wichtiger und liest sich auch interessanter als die Kommentare zu Coetzees Avancen. Die große Erzählkunst des inzwischen in Australien lebenden Südafrikaners zeigt dieses Buch auch durch die lebendige und eigenständige Entfaltung aller Personen - einschließlich des Literaturwissenschaftlers mit seinen holprigen und mitunter unfreiwillig komischen Methoden als Biograf.

Das Bild eines vorzugsweise einsamen, entschlussschwachen „Losers“, eines Verlierertypen und Spätentwicklers Coetzee im schrecklichen Südafrika der Apartheid-Rassenherrschaft schält sich dabei heraus. Einige bekannte biografische Grunddaten stimmen mit denen im Buch nicht überein. In „Sommerzeit des Lebens“ lässt sich der Autor allein mit dem hilfsbedürftigen Vater leben, während er „in Wirklichkeit“ schon verheiratet war und Kinder hatte.

Was hier erfunden wurde und was nicht, ist für Gewinn aus diesem Buch gleichgültig. Coetzee hat sich immer vehement dem Interesse des

Publikums an „seiner Person“ verweigert. Seine Kindheitserinnerungen „Der Junge“ (1997) und das Buch über die Jugend „Die jungen Jahre“

(2002) hat es selbst „fiktionalisierte Erfahrungen“ genannt. In diesem dritten Teil seiner autobiografischen Trilogie variiert der Nobelpreisträger mehrfach einen legendären Satz von Franz Kafka: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Das zählt, und mit diesem Anspruch darf man sich literarisch auch das Schlüsselloch-Interesse des Publikums an allen Berühmten zunutze machen.

J. M. Coetzee: "Sommer des Lebens", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 297 S., ISBN 978-3-10-010835-7, 19,95 Euro.

Thomas Borchert, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Leipziger Opernball 2017

    Schwungvoll im Dreivierteltakt: Der Leipziger Opernball „Moskauer Nächte“ lädt am 4. November aufs Parkett. Hier finden Sie Infos und Fotos zum Event. mehr

  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

"Stasi – Macht und Banalität": Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" gibt Einblicke in den SED-Überwachungsstaat. mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr