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Somuncu: Zensur ist im TV weitverbreitet – Böhmermann sagt Grimmepreis-Gala ab

Erdoğan-Gedicht Somuncu: Zensur ist im TV weitverbreitet – Böhmermann sagt Grimmepreis-Gala ab

Der deutsch-türkische Satiriker Serdar Somuncu hält Zensur im deutschen Fernsehen für weitverbreitet. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte er: „Redakteure streichen oft nachträglich aus Ängstlichkeit und vorauseilendem Gehorsam Sequenzen."

Serdar Somuncu bei einem Auftritt 2015 in Leipzig (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der deutsch-türkische Satiriker Serdar Somuncu hält Zensur im deutschen Fernsehen für weitverbreitet. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, zu dem auch die Leipziger Volkszeitung gehört, sagte er: „Redakteure streichen oft nachträglich aus Ängstlichkeit und vorauseilendem Gehorsam Sequenzen. In meinen 30 Jahren als Satiriker ist noch so gut wie keiner meiner Beiträge zu 100 Prozent erschienen.“

Somuncu zeigte sich empört darüber, dass die Kanzlerin Angela Merkel sich für ein satirisches Schmähgericht von Jan Böhmermann ("Neo Magazin Royale"/ZDF) über den türkischen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan entschuldigt hat: „Ich finde Böhmermanns Gedicht weder witzig noch besonders skandalös. Viel erschreckender finde ich, dass die Kanzlerin ein Grundrecht auf Satirefreiheit in Frage stellt, weil sie gegenüber Erdogan Verbindlichkeiten hat und er ihr die Flüchtlingsproblematik vom Hals schaffen soll.“ Das sei ein einmaliger Vorgang, mit dem sie das Grundgesetz verhöhne.

Dem RND sagte Somuncu, der auf seiner Tournee als „Hassprediger“ und mit Lesungen aus „Mein Kampf“ für Schlagzeilen sorgte: „Provokation um der Provokation willen ist nicht meine Art. Wenn sie aber eingebettet ist in eine Aussage, nehme ich die Folgen in Kauf. Man kann jedoch nicht jeden beleidigen, der einem vor die Flinte kommt, und das nachträglich mit Satire rechtfertigen.“

Böhmermann sagt Grimme-Gala ab

TV-Satiriker Jan Böhmermann kündigte unterdessenan, der Grimme-Preis-Gala am Freitag in Marl fernzubleiben. Am Donnerstag habe Böhmermann mit der Institutsdirektorin Frauke Gerlach gesprochen und am Freitag per SMS die Absage geschickt, sagte Grimme-Instituts-Sprecher Lars Gräßer. „Ich vermute, dass er im Morgengrauen die Entscheidung getroffen hat, nicht zu kommen“, sagte Gräßer. „Der Preis wird in Abwesenheit übergeben.“

Böhmermann war schon am frühen Freitagmorgen auf seiner Facebook-Seite aktiv und postete dort: „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe. Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können.“

Da auch sein Team der Produktionsfirma Bildundtonfabrik nicht nach Marl kommt, wird ihm die Trophäe möglicherweise zugeschickt. „So schade wir das finden; aber wir haben auch noch andere Preisträger“, so der Sprecher. Böhmermann, seit Tagen im Fokus wegen seines Schmähgedichts über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, ist der Preis für seine Satire rund um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Gianis Varoufakis zugedacht. Vor der Preisverleihung will sich die Grimme-Direktorin Frauke Gerlach in einem Livestream (19.15 Uhr) des Senders 3sat, der auch die Gala überträgt, zu Böhmermann äußern.

 

Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Satiriker, weil er in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ vor gut einer Woche in dem Gedicht über Erdoğan mit Begrifflichkeiten unterhalb der Gürtellinie gearbeitet hatte. Die Ermittlungen wurden nach Anzeigen gegen ihn und ZDF-Verantwortliche wegen des Verdachts der Beleidigung von Organen oder Vertretern ausländischer Staaten aufgenommen. Bisher lägen weder eine Ermächtigung der Bundesregierung noch ein Strafverlangen der Türkei vor, teilte die Leitende Oberstaatsanwältin Andrea Keller am Freitag mit. Diese seien für eine Strafverfolgung in solchen Fällen nötig, aber „nicht zeitnah zu erwarten“.

Merkel und Davutoglu telefonierten wegen Böhmermann

Für das Schmähgedicht hatte sich Böhmermann Kritik von höchster Stelle gefallen lassen müssen: Seine Formulierungen im „Neo Magazin Royale“ seien „bewusst verletzend“ gewesen, rügte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in dieser Angelegenheit mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu telefonierte. Auch ZDF-Intendant Thomas Bellut griff zum Telefon und drückte dem türkischen Botschafter „sein Bedauern“ darüber aus, „dass der Beitrag Gefühle von Zuschauerinnen und Zuschauern verletzt hat“.

Medienanwalt Christian Schertz, der Böhmermann vertritt, äußerte nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ Kritik am Verhalten der Bundesregierung: „Besonders schwierig finden wir, dass die Kanzlerin sich bereits öffentlich mit einer rechtlichen Bewertung geäußert hat und das Auswärtige Amt Gutachten anfertigen lässt“, sagte Schertz. „Man sollte hier die Grundsätze der Gewaltenteilung beachten.“

Auch der Berliner Historiker Hubertus Knabe attackierte die Bundesregierung. „Ich kenne den Text des Gedichtes nicht“, sagte der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen dem „Handelsblatt“. „Aber ich finde es höchst problematisch, wenn die Bundesregierung strafrechtliche Ermittlungen gegen einen
Satiriker befördert oder gar initiiert. Das gibt es sonst nur
in Diktaturen oder in Staaten, die auf dem Weg dorthin sind.“

Laut „Spiegel“ hat sich Böhmermann inzwischen an Kanzleramtschef Peter Altmaier gewandt. „Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann“, schrieb er in einer privaten Twitter-Nachricht an Altmaier. Er bitte nicht um Hilfe in seinem Fall, sondern um „Berücksichtigung meines künstlerischen Ansatzes und meiner Position, auch wenn er streitbar ist“.

Anspielungen in aktuellem „Neo Magazin Royale“

Am Donnerstagabend zeigte ZDFneo eine neue Ausgabe von Böhmermanns „Neo Magazin Royale“, die er unter das Motto „#witzefrei“ stellte. Witze über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verkniff er sich tatsächlich. Ein paar Anspielungen gab es dann aber doch. Mit seinem Sidekick Ralf Kabelka unterhielt er sich über neue berufliche Perspektiven. Vielleicht mal ein Wechsel in die Privatwirtschaft? „Ich überleg mir gerade, mich beruflich mal umzugucken...“, sagte Böhmermann und stellte sein neues Label „Böhmer-wohnen.de“ vor. „Wer träumt nicht diese Tage davon, so zu leben wie ich?“

Als Gast präsentierte Böhmermann die ARD-Talkerin Anne Will, der er die belanglose Frage stellte: „Was ist das Thema deiner nächsten Sendung?“ Antwort Will: „Die Türkei...“ - tatsächlich wird Will am Sonntag (21.45 Uhr) über das Thema „Streit um Erdogan-Kritik - Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?“ diskutieren lassen. In einem anderen Filmchen präsentierte sich Böhmermann seinerseits als Gast von Will in ihrem Sonntagstalk und stellte sich mit seinem „Neo Magazin Royale“ so vor: „Wir sind eine kleine schmierige Sendung von Losern für Loser, in die du übrigens herzlich eingeladen bist...!“

Böhmermanns Sendung auf ZDFNeo am Donnerstag sahen 290.000 Zuschauer. Im Jahresschnitt waren es 230 000, die Netznutzer nicht mitgerechnet - das Interesse an ihm hat also noch einmal zugenommen.

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