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Sonne in der Nacht: Selig treten im Leipziger Clara-Zetkin-Park auf

Sonne in der Nacht: Selig treten im Leipziger Clara-Zetkin-Park auf

Die Band Selig hat am Samstagabend im Clara-Zetkin-Park das Kunststück vollbracht, zu spät und zu früh dran zu sein - und trotzdem alles richtig zu machen. Gitarrist Christian Neander steht kurzärmelig da, Plewka sogar ärmellos, während die Bandkollegen und die meisten Zuschauer in Pullis oder Jacken stecken.

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Jan Plewka, Frontmann von Selig, am Samstagabend ärmellos im Clara-Zetkin-Park.

Quelle: André Kempner

Leipzig. st Christian Neander steht kurzärmelig da, Plewka sogar ärmellos, während die Bandkollegen und die meisten Zuschauer in Pullis oder Jacken stecken. "Oh, Stoppel zieht sich auch aus", jubelt der Sänger: Mit Schlagzeuger Stephan Eggert schauen sie jetzt zu dritt sommerlich aus. Und sind trotzdem zu spät für ein lauschiges Sommerkonzert.

Zu früh hingegen, um das für Oktober angekündigte Album "Die Besten" vorzuführen. Selig befinden sich noch nicht auf ihrer richtigen Tour, es ist lediglich das zweite von vier Freiluftkonzerten zwischendurch. Ein kurzer Ausflug aus dem Studio, wo die Gruppe zurzeit mit Tomte- und Bendzko-Produzent Swen Meyer die Hits aus zwei Mal sechs Jahren Bandgeschichte (von 1999 bis 2008 existierte sie ja nicht) vollständig neu aufnimmt - in einem für Selig-Verhältnisse zarten Sound.

In zwei Monaten, wenn der Herbst dann regulär im Kalender steht, wollen Selig auch live filigraner tönen. Auf der Parkbühne jedoch kann davon noch keine Rede sein: Verstärker auf elf und volle Dröhnung voraus. Eine großartige Werkschau, wie sie die Überschrift "Die Besten" nahelegt, bieten die fünf aber durchaus. Fast ohne Ansagen oder sonstige Pausen jagen sie ihre Grunge-Perlen durch die kalte Nacht.

Nach "Schau schau" aus der zweiten Schaffensperiode zur Konzerteröffnung, bei dem Neander sein Wah-Wah-Effektgerät gleich mal herrlich unzeitgemäß malträtiert, legen Selig ihren Schwerpunkt auf die 90er Jahre: "Hey, Hey, Hey", "Mädchen auf dem Dach", "Arsch einer Göttin", "Sie hat geschrien", "Bruderlos", "Kleine Schwester", "Ist es wichtig?", "Glaub mir", "Meinetwegen", und wie sie alle heißen. Einige der Lieder waren in diesem Jahrtausend live noch gar nicht zu hören gewesen. Aus dem jüngsten Studioalbum, der eher schwachen Platte "Magma" von 2013, rutscht nur "Alles auf einmal" ins Programm, fast zum Schluss.

Da hat die Band längst die Nacht begrüßt, wie Plewka erklärt hatte, bevor der Lautstärkeregler für "Regenbogenleicht" und dessen sympathisch schiefen dreistimmigen Gesang doch mal kurz nach unten gedreht wurde - Extraapplaus. Und zur schwungvoll-traurigen, zum Plattentitel geadelten Nummer "Die Besten" vom Debüt 1994 hat Plewka hingebungsvoll Luftgeige gespielt. "Selfie! Selfie!", hat er den Kollegen zugerufen, nachdem die Fans allein gesungen und die Musiker mit dem Rücken zu ihnen in Pose gegangen waren. "Das ist doch kein Selfie", hat er geschimpft und sich an die Stirn geklatscht, nachdem der Bandfotograf den Auslöser gedrückt hatte.

Neben der Wucht der Hippie-Musik mit den dazugehörenden gelegentlichen Ausflügen ins Psychedelische wird Selig vor allem durch Plewkas metaphernreiche Texte charakterisiert. Privat solider Familienvater, darf er mit seiner Ehefrau bald Silberhochzeit feiern. Auf der Bühne jedoch legt der 43-Jährige die "Handschellen der Moral" ab und kriecht auf seiner Seele "für einen Streifzug ihrer Sinnlichkeit". Plewka wirkt oft irgendwie unbeholfen und entfaltet trotzdem (deshalb?) ungemeines Charisma.

Frei nach Led Zeppelin führt der "Fahrstuhl zu den Sternen", sie "rauchen Gottes Gräser", sind "high und frei", und "Langeweile besäuft sich" sowieso - "meilenweit". Mit "Ohne Dich" nennen Selig eines der herzzerreißendsten Herzschmerz-Lieder der Pop-Geschichte ihr Eigen. Im Ringelpulli und mit Halstuch kehrt Plewka zu dieser ersten Zugabe zurück, bei der die Kraft der Musik mal nichts mit Lautstärke zu tun hat. Ohnehin übernimmt das Publikum den Hauptgesang. Dass die Band das Liebeskummer-Genre seit der Reunion noch beherrscht, demonstriert dann "Wir werden uns wiedersehen" von 2009: "Der Mond und der Schlaf und die Einsamkeit wissen über uns Bescheid."

Nach zwei Konzertstunden offenbart Plewka in der Pose eines Gekreuzigten den silbrigen Ganzkörperanzug, der sich unterm Ringelpulli verbirgt. Doch keine Sorge, der Mann, der zu Beginn die Sonne auf die Bühne geholt hat, hält sich jetzt nicht fürs Zentrum des Universums. Das Lied spielt in der Welt der Träume und handelt von einem "Traumfenster", in dem noch Licht brennt. Mag der Sommer verrinnen, jetzt geht er schwimmen, singt Plewka, "am Ufer der Nacht".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.08.2014

Mathias Wöbking

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