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Soundtrack fürs Leben: "SOS" von Tamara Danz und Silly

Soundtrack fürs Leben: "SOS" von Tamara Danz und Silly

Es ist immer mindestens einer. Ein Song, der für ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Erfahrung steht. Ein Soundtrack, der einen lebenslang begleitet. Wir fragen Protagonisten aus der Leipziger Kultur-Szene nach ihrem persönlichen, prägenden Song.

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Sie hatte Stimme, Seele, Mut: Frontfrau Tamara Danz (1952-1996) im März 1994 beim Silly-Konzert im Anker.

Quelle: André Kempner

Heute erinnert sich Kulturredakteurin Janina Fleischer an Sillys "SOS" .

1988 war ein gutes Jahr. Da kam die Pankow-Langspielplatte "Aufruhr in den Augen" in die Läden, und wir glaubten unseren Zensoren nicht zu trauen: "Das selbe Land zu lange geseh'n/ Die selbe Sprache zu lange gehört/ zu lange gewartet/ zu lange gehofft/ zu lange die alten Männer verehrt", hieß es da im Lied "Langeweile". Eine Sensation! Das Album stand im Kinderzimmer neben Citys "Casablanca", einer Lizenzausgabe mit Ausschnitten aus Händels "Messiah", dirigiert von John Eliot Gardiner, Theodorakis' "Canto Generale". Die Hannes-Wader-Schallplatte mit seinem "Trotz alledem" muss von meinen Eltern gewesen sein, denn 1978 richtete sich mein Widerstand vor allem gegen Horterzieherinnen. Doch die Texte ließen sich ja lange und immer auch ein bisschen anders hören und deuten. Darin hatten wir Übung.

Auch 1983 war ein gutes Jahr. Da gab's zur Jugendweihe gratis die Illusion, der Bevormundung zu entwachsen. Und Sillys "Mont Klamott" kam in die Läden. Und wir gingen in die Läden, täglich. Täglich ins Centrum-Warenhaus am Berliner Ostbahnhof. "Haben sie was Neues reinbekommen?" Irgendwann hat es geklappt. Mit den Jahren mischten wir die Kassetten unserer Eltern mit den eigenen: Manfred Krug, Maria Farantouri, Gundermann ... Und Zeca Afonso. Dessen "Grândola, Vila Morena" fanden wir dann 1996 in einem Lissabonner Eck-Laden auch auf CD.

Im Winter '89 war an CDs noch nicht zu denken, schon gar nicht an einen Besuch in einem Lissabonner Eck-Laden. Dennoch war es ein gutes Jahr. Im Februar erschien "Februar", Sillys letztes Album in der DDR, das drittletzte mit Sängerin Tamara Danz. "Hurensöhne" (1993) und "Paradies" (1996) sollten noch folgen und dann ein immer wiederkehrender Phantomschmerz.

Was damals oft fehlte - Tamara Danz hatte es: Stimme, Seele, Mut. "Februar" fiel in die Zeit der Agonie und begleitete in den Herbst der Euphorie. "SOS" war und ist mein Lied:

"Wir bezwingen Ozeane/ mit'm gebrauchten Narrenschiff/ Über uns lacht die goldne Fahne/ unter uns ein schwarzes Riff."

Auf die Texte, dieser stammt von Danz und Gundermann, kam es ja an in jenen Jahren. Sie waren der Mantel, aus dessen Taschen Bestätigung, Emotionen, Zusammenhalt lugten. Wegen der Kompositionen jedenfalls wurde keine Platte verboten.

"Lasst die Bordkapelle spielen/ einen Walzer mit Gefühlen/ fresst und sauft und sauft und fresst."

Wer den Refrain mal mitgebrüllt hat bei einem Konzert oder in der Dorfdisko, der weiß, wie sich Freiheit anfühlen kann: wie Wut, geteilt durch viele.

"Immer noch stampft die Dampfmaschine/ volle Kraft voraus/ Immer noch gibt uns die Kantine/ kostenloses Essen aus."

Im Juli 1996 ist Tamara Danz gestorben. "Kumbaya, my Lord" sang Angelika Weiz auf dem Friedhof Münchehofe. Die Bandmitglieder trugen den Sarg. Wir standen am Grab und heulten. Später hörten wir wieder "Asyl im Paradies", "Schlohweißer Tag", "Verlorne Kinder", "SOS" ...

"Immer noch brennt bis früh um vier/ in der Heizerkajüte Licht/ Immer noch haben wir den Schlüssel /von der Waffenkammer nicht."

Inzwischen sind Silly mit neuer Sängerin wieder auf Tour, mit alten und neuen Titeln. Vor ein paar Jahren, auf dem Brauereifest in Krostitz, standen wir da mit unseren Bierbechern, zogen an unseren Zigaretten, hörten Anna Loos "SOS" singen und bliesen verloren den Rauch in die Nacht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.08.2013

Janina Fleischer

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