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Spektakel der Effekte: Kiss in der Arena Leipzig

Glam-Hardrock vor 8000 Zuschauern Spektakel der Effekte: Kiss in der Arena Leipzig

Flammen züngeln und Funken sprühen, es kracht, donnert und blitzt, und irgendwann sabbert Gene Simmons Kunstblut. Kiss waren am Donnerstagabend in der Leipziger Arena - und mit ihnen 8000 Fans.

Kiss in der Arena Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Warum besucht man 2015 noch ein Kiss-Konzert? Die Show einer Band, die sich gefühlt kurz nach Erfindung des Rades gründete. 1973, als Helmut Kohl CDU-Chef und Willi Stoph DDR-Staatsratsvorsitzender wurde. Da gab‘s noch nicht mal Raider, geschweige denn Twix. Nichts als olle Kamellen. Warum, kann man sich fragen lassen, steht man am Donnerstagabend eigentlich in der Arena Leipzig neben rund 8000 anderen Menschen, um durchgereiften US-Rockern bei einem absurden Theater zuzusehen, das vor zwei Generationen als cool galt?

Inhaltliche Schwere jedenfalls kann‘s nicht sein. Bei Kiss zählt nicht die Botschaft, sondern die Knackigkeit des Refrains und der Riff an der richtigen Stelle. Wie stets eröffnet Paul Stanley auch diesen Abend mit einem Versprechen, das den Titel des 1996er Live-Albums trägt: „You Wanted The Best – You Got The Best!" Nun ja. Das verspricht ein 63-Jähriger, der bei „I Was Made For Loving You" den Gesang weitgehend einstellen muss und auch bei anderen Stücken („Love Gun" zum Beispiel) arge vokale Probleme offenbart.

Lange Zunge und Plateauschuhe: In der Leipziger Arena haben am Donnerstag Kiss mit tausenden Fans gerockt.

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Warum geht man zu Kiss, obwohl der Ablauf des Abends vorhersehbar ist? Alte Männer tragen glitzernde Kostüme spazieren; Paul Stanley grätscht und streckt sich auf Plateauschuhen in Rocker-Pose, schwebt kurz vor Schluss am Stahlseil durch die Halle, Tommy Thayers schießt Salven aus der Gitarre. Flammen züngeln und Funken sprühen, es kracht, donnert und blitzt, Bilder laufen über LED-Wände, und irgendwann sabbert Gene Simmons wieder Kunstblut. Der Mann übrigens, der behauptet, die Hardrock-Pommesgabel erfunden zu haben. Die Fachwelt schwört: Der Urheber heißt Ronnie James Dio (Black Sabbath, Rainbow).

Und ist all das, was hier gerade abgeht, irgendetwas mehr als eine Karikatur des Rockgeschäfts, das Eingeständnis von purer Schlichtheit? Zumal „I Was Made For Loving You" als schamlose Anbiederung ans damals aufkommende Disco-Gerumpel verpönt ist. In ihrem Nostalgie-Rausch schaffen es die Herren, außer „Hell Or Hallelujah" kein weiteres Stück des jüngsten Studioalbums „Monsters" in die Show zu packen. Seltsam.

Warum also geht man zu Kiss? Aus all den Gründen, die scheinbar dagegen sprechen: Gerade weil die Amis das Musikbiz nicht mehr ernst nehmen – und sich schon gar nicht. Gerade weil die Verlässlichkeit einer bekannten Show-Dramaturgie etwas sehr Schönes sein kann. Weil ihr Faible für Parodie diese Band vor wahrer Peinlichkeit schützt. Weil es an einem Abend wie diesem wurscht ist, ob sich Simmons, Dio oder doch ein Sägewerker die Pommesgabel ausgedacht hat. Weil Fans lieber die alten Dinger statt einer Handvoll neuer Stücke hören wollen, die keiner mitsingt. Rock, Aus, Basta.

Nicht zu vergessen die Herrlichkeit der Nostalgie. Vier Horrorshowmaster mit Unmengen Farbe in den Gesichtern helfen beim Aufstoßen der Tür ins Jugendzimmer, in dem wir eine WG mit unseren Träumen und Ängsten führten, umgeben von krachendem Hardrock, der uns abgrenzte von den schmalzigen Poppern, die zu Kajagoogoo oder Wham zappelten.

Ach ja, der Verzicht auf Exegese: Kiss lehren uns, wie viel Spaß eine 90-minütige Fahrt in der Geisterbahn des Rock‘n‘Roll machen kann. Also her mit dem roten Sirup, dem Saiten-Geholze und der Pyromania. Bei „War Machine" sondert Simmons Feuer ab und schwebt Richtung Hallendecke, zum Bass-Alleingang besudelt er sich. Und wie bei der letzten Tour vor fünf Jahren saust Stanley dank Stahlseil über die Köpfe der Menge hinweg und landet auf einer silbernen Drehbühne, diesmal zu „Love Gun". „Crazy, Crazy Nights" – welch eine verrückte Nacht. Eine Zirkus-Vorstellung, ein Spektakel der Effekte, ein lustvoller Biss auf Knallbonbons, obwohl die Songauswahl schon besser gewesen ist: „Do You Love Me" wirkt saftlos, und „God Gave Rock‘n‘Roll To You" wird vermisst.

Einen guten Vorgeschmack übrigens lieferten schon The Dead Daisies als Support – hier arbeiten Mitglieder von Thin Lizzy, Whitesnake (Marco Mendoza) oder Guns N‘ Roses (Dizzy Reed, Richard Fortus). Doch nichts kommt an das aufkeimende Gefühl heran, wenn der Vorhang fällt und diese herrlich unterhaltsame Übertreibung ihren Lauf nimmt, beginnend mit „Detroit Rock City", endend mit „Rock and Roll All Nite". Nicht nur vor zwei Generationen saucool, sondern immer noch. Deshalb geht man zu Kiss.

Mark Daniel

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