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Spielräume im Kopf

Konstruktive Diskussion: Kulturbürgermeisterin holt Freie Szene und Hochkultur an einen Tisch Spielräume im Kopf

Konstruktive Diskussion: Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke holt Vertreter von Freie Szene und der Leipziger Eigenbetriebe an einen Tisch in der Schauspiel-Residenz

Ein Treffen, das für Impulse sorgt: v. l. Jana Ressel, Falk Elstermann, Andreas Schulz, Anja Christin Winkler, Peter Korfmacher, Enrico Lübbe und Ulf Schirmer.

Quelle: Kempner

Leipzig. Es muss nicht immer Liebe sein. Nicht jede Kooperation kann so harmonisch laufen, wie Jürgen Zielinski die seinige mit dem Lofft erlebt. Der Intendant am Theater der Jungen Welt lobt die Projekte mit Dirk Förster und seinem Team von freien Theatermachern. „Eine gute Ehe“ nennt Zielinski das, „auch wenn es bald zur Trennung kommt“ – das Lofft wird aufs Spinnerei-Gelände ziehen. Eben dort, in der rappelvollen Schauspiel-Residenz, nahm am Dienstagabend die Reihe „Impuls Kulturpolitik“ ihren Anfang, der Vertreter der großen Häuser und der Freien Szene zusammenbrachte – moderiert von LVZ-Kulturchef Peter Korfmacher.

Bemerkenswert: Die Initiative ging nicht wie in der Vergangenheit von der Szene aus, sondern vom Kulturdezernat. Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, seit Juni im Amt, macht ihre Ankündigung wahr, den Dialog zwischen zwei Lagern voranzutreiben, die unterteilt sind in finanziell minderbemittelte Underdogs und üppig geförderte Leuchtturmwärter.

Dass das Bestreben um Zusammenarbeit nichts mit Bittstellerei der schwächer Geförderten, sondern mit gegenseitiger Befruchtung zu tun hat, zeigt die bewusste Wortwahl von René Reinhardt. „Wir haben der Oper geholfen“, formuliert der Chef der Schaubühne Lindenfels, als es um das mit der Oper im Juni gestemmte „Ligeti-Projekt“ mit Tänzern und Sängern in seinem alten Ballsaal geht – denn Opern-Intendant Ulf Schirmer fehlt für Arbeiten in kleinerem Rahmen seit der Schließung des Kellertheaters der entsprechende Raum.

Zwei schöne Beispiele funktionierender Kooperationen, doch sie treffen nicht den Kern. Falk Elstermann bringt es auf den Punkt, denn „hier arbeiten je zwei Institutionen zusammen“, bemerkt der Sprecher der Initiative Leipzig+Kultur. „Spannend wäre es, wenn ein freies Projekt sich an ein großes Haus andockt.“ Choreografin Jana Ressel weiß, dass es geht – sie hat bereits mit der Semperoper erfolgreich zusammengearbeitet.

Etwas leicht macht es sich Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe. Nach dem unglücklichen Versuch, die Freie Szene zu definieren („Die ist gegen das Etablierte und will bewusst ihren Status behalten“) verweist er darauf, dass sein Haus längst mit Freien arbeite und nennt die Gruppe Copy & Waste. Die allerdings sitzt in Berlin.

Für Einmietungen von Produktionen aus dem freischaffenden Bereich beispielsweise der regelmäßig anklopfenden Choreografin Heike Hennig fehlt laut Lübbe „schlicht die Möglichkeit, unsere Bühnen sind auf lange Sicht ausgebucht.“ Auch Schirmer sieht wenig Kapazitäten im Spielplan und in den räumlichen Gegebenheiten, wenn der große Opernsaal ausgelastet und das Kellertheater zumindest bis 2019 nicht bespielbar ist.

Immer wieder taucht an diesem Abend der Begriff „Spielräume“ auf, und er wird unterschiedlich interpretiert. Die in den Häusern sind laut Intendanten vergeben. Anders sehe es bei längerem Planungsvorlauf aus. Zielinski fordert, langfristig Lücken im Kalender für freie Projekte in den großen Häusern freizuhalten. Das sieht auch die Politik so: Die bis 2020 steigende finanzielle Förderung für Oper, Musikalische Komödie, Gewandhaus, Schauspiel, Theater der Jungen Welt und Musikschule wurde mit einem wichtigen Passus beschlossen, wie Annette Körner vom Bündnis 90/Die Grünen anmerkt: „Wir legen Wert darauf, dass die Häuser Projekte mit der Szene realisieren“, klärt die Kulturausschuss-Vorsitzende auf.

Die andere Art Spielraum, nämlich den im Kopf, benennt Anja Christin Winkler, in der Szene-Initiative zuständig für Darstellende Kunst: „Wir wollen inhaltliche Räume finden, Ideen entwickeln, die sowohl der Hoch- als auch der freien Kultur etwas bringen“. Schirmer wendet ein, dass das Abstellen einzelner Musiker wegen des tariflich fixierten Solisten-Zuschlags wesentlich teurer kommen kann als ein sinfonisches Engagement. Es gibt auch Umwege. Ein am Dienstag nicht genanntes Gegenbeispiel liefert das soziokulturelle Projekt „Der weiße Fleck – über das Eigene und das Fremde“ (8. und 9. Oktober): Gewandhaus-Cellist Nicolas Defranoux begleitet es – aus privatem Antrieb und nicht im Auftrag des Musiktempels, ergo mit individueller finanzieller Regelung. Was hier wie auch bei offiziöser Beteiligung schlicht Neugier auf ungewöhnliches Terrain und frische Konstellationen voraussetzt. Interesse und Signale sendet Andreas Schulz. „Voraussetzung ist, dass wir uns besser kennen“, findet der Gewandhaus-Direktor. „Die Freie Szene weiß zu wenig von uns und umgekehrt.“ Er schlägt gegenseitige Besuche vor, aus denen Ideen erwachsen können. Damit korrespondiert Elstermanns Anregung, eine Projektbörse ins Leben zu rufen: Kulturmacher stellen ihre Pläne vor, andere können sich einklinken.

Am Ende der Diskussion ist die Zahl der Optimisten gestiegen, im Großen und Ganzen ein Wille erkennbar. Es herrscht Konsens über die Notwendigkeit eines Austauschs, um Strukturen auf Potenzial für Gemeinsames abzuklopfen und das jeweils eigene Spektrum zu erweitern. Und: Die großen Betriebe der Stadt sind qua Passus in der Pflicht, die „Freien“ in ihre Spielpläne und die künstlerische Fantasie sprießen zu lassen.

Die Kulturbürgermeisterin hat sich eine Menge notiert. Mit Blick auf die noch zu beschließende Installation eines Kulturrats, der mitwirken könnte, bittet sie sich Zeit aus. Als sicher gilt: Jennicke wird das Thema im Auge behalten, denn neue Verknüpfungen halten die Kulturstadt Leipzig lebendig. Man muss sich ja nicht immer gleich verlieben.

Von Mark Daniel

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