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Spinnerei-Rundgang: Schwere Wahl, hohe Beteiligung

Spinnerei-Rundgang: Schwere Wahl, hohe Beteiligung

Für das sensuelle Aufnahmevermögen eines Normalbürgers war das zurückliegende Wochenende grenzwertig. Nicht nur Spinnerei und Tapetenwerk boten eine Vielzahl von Ausstellungen, manche nur temporär für den Rundgang, auch an anderen Orten der Stadt waren die Wahlmöglichkeiten breit gefächert.

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Neo Rauch (l.) und Galerist Gerd Harry Lybke (Eigen+Art) vor Rauchs Gemälde "Speertanz". Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) besichtigte die Ausstellung.

Quelle: dpa

Qualitativ war der Herbstrundgang einer der stärksten seit langem.

 Berlin wird malerisch. "Painting forever" ist der Slogan der gerade beendeten Art Week. In Leipzig, wo noch das schlichte deutsche Wort Rundgang als Überschrift für die geballte Kunstpräsentation dient, kann man über diese Neuentdeckung der Hauptstädter müde lächeln. Dieses Rennen erinnert an den cleveren Igel, der dem sich abhetzenden Hasen mitteilt, schon da zu sein. Tatsächlich tragen mehrere Leipziger Galerien mit einer Doppelstrategie zur Entwicklungshilfe für die Berliner bei, haben sich schon lange am sandigen Ende der Furche platziert.

 Punktuelle Allergien berücksichtigend muss dennoch immer wieder nachgefragt werden, ob denn Leipzig tatsächlich so eine Hochburg der Malerei ist und bleibt. Bei diesem Herbstrundgang fällt die Antwort ziemlich leicht. Nicht nur, weil sich bei Eigen+Art Ballungen von Besuchern vor dem Eingang und den Gemälden bildeten. Neo Rauch ist offensichtlich unangefochten die Nummer eins der ortsansässigen Künstler. Diese erste Galerieausstellung seit sieben Jahren in Leipzig wäre zum Zwecke der Absatzsteigerung eigentlich verzichtbar. Glaubt man den Gerüchten, gibt es Wartelisten für noch nicht existente Bilder.

 Von solch einem Bekanntheitsgrad ist Alexander König, der 2011 sein Diplom an der HGB bei Annette Schröter machte, noch ein Stück entfernt. Galerist Josef Filipp zeigt nun einige seiner heftigen Malereien, in denen nackte Körper mit der Umgebung verschmelzen.

 Im Laden für Nichts treffen Gegensätze aufeinander: Comicartiges von Philip Grözinger, Auratisches von Axel Geis. In der Galerie ASPN schließlich demonstriert LVZ-Kunstpreisträger Jochen Plogsties, dass bei heutiger Malerei der konzeptuelle Gedanke wichtiger sein kann als die Bildfindung. Diese entlehnt er alten Meistern ebenso wie simplen Einladungskarten neueren Datums, um aus den Vorlagen Eigenes zu machen.

 Etwas Besonderes ist Estace als derzeit einzige Filiale einer ausländischen Galerie im Spinnereigelände. Auch sie bringt Malerei, recht traditionell angelegt von der Französin Barbara Navi, deutlich eigenwilliger von Stephen Peirce. Der Brite stellt in fotorealistischer Manier organisch wirkende Fantasiegebilde dar, fast greifbar und unergründlich zugleich. Der Pariser Régis Estace ist froh, einen zusätzlichen Raum hinter dem Fahrradladen Rotor gefunden zu haben. "Ich hatte von Anfang an vor, hier zu bleiben. Doch der kleine Raum mit der Wendeltreppe wird nur für ein Jahr an Gäste vergeben." Warum aber Leipzig? "Berlin heißt: viele Galerien, wenig Geld. Leipzig hat eine angenehme Größe, und mein Profil passt hier gut dazu."

 Doch die kritische Frage nach der Malerei-Metropole Leipzig wird, völlig logisch, durch mehrere Ausstellungen vorläufig abschlägig beschieden. Die karge Konzeptkunst von Anna Vovan bei B2 ist dabei eher eine Außenseiterposition. Doch gleich drei Galerien zeigen Fotografie. In der von ihm gewohnten aufwändigen Perfektion inszeniert Steffen Junghans in der Maerzgalerie simple Gegenstände und seltsam gekleidete Menschen in theatralischer Ausleuchtung. Zwischen Konvention und Experiment sind die Aktfotos von Nadin Maria Rüfenacht in der Galerie Kleindienst. Ihre Modelle haben Tiermasken aufgesetzt und sind auf Stühle gestiegen. Eher dokumentarisch angelegt sind die Blow-Ups von Andreas Schulze bei Jochen Hempel, die er in amerikanischen Städten geschossen hat und in unprätentiöser Form an die Wände klebt.

 Einer der Künstler dieses Herbstrundganges hat sich auf einen selbst errichteten Hochsitz aus Sperrmüll gesetzt, sein Manifest verlesend. Es ist Helge Hommes bei Queen Anne. Das die Aktion auslösende Problem nennt er "Die Große Dekorative": "... eine Haltung, die zu einseitig an der ästhetischen Oberfläche hängt, hat heute gerade wieder Hochkonjunktur und wird von breiter Masse geschätzt." Die zuhörende Masse vernimmt es und geht weiter, um ästhetische Oberflächen zu sehen.

 Diese findet man beispielsweise in der Werkschauhalle, wo 14 internationale Galerien von hiesigen eingeladen wurden, sich vorzustellen. Es sieht etwas nach Kunstmesse aus, wie die Vertreter der Institutionen in dem disparaten Gefüge sitzen, jederzeit offen für verkaufsanbahnende Gespräche.

 Auf sympathische Weise anarchischer wirkt die Gruppenschau "Hello;-)". Sieben holländische und eine spanische Galerie präsentierten sich nur am Rundgang-Wochenende mit beachtlichem Aufwand. Auch wenn die vielen Rauminstallationen ein kleines bisschen Rummelplatz-Flair erzeugten, waren doch interessante Entdeckungen möglich, beispielsweise die mobilen Drahtplastiken Ralf Westerhofs. Und zwei Etagen tiefer in Halle 14 dreht sich alles um Essen und Nahrung, aber mit dem für diese Einrichtung typischen kritischen Blickwinkel.

 Auch wenn die Spinnerei zweifellos der Drehpunkt der Leipziger Kunstwelt ist, rotierte in den letzten Tagen eine Menge rundherum. Malte Masemann bei Naehring und Titus Schade im Kunstraum Ortloff etwa - noch zwei einheimische Maler, während Lu Potemka eine Frauenbrigade antreten ließ. Im Tapetenwerk war wie gewohnt anspruchsvolle Druckgrafik zu sehen, daneben etwas Plastik, ein Verbands-Potpourri vom Bund Bildender Künstler Leipzig und Völkerschlacht-Mummenschanz. Zudem ging die "Supershow" der HGB zu Ende, eröffneten im Laufe der Woche Galerie für Zeitgenössische Kunst, Kunsthalle der Sparkasse und Klingerforum neue Ausstellungen. Eine Leipzig Art Week also, nur nennt es keiner so. Und "Painting forever" darüber zu schreiben, wäre kaum die halbe Wahrheit.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.09.2013

Jens Kassner

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