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Spinnereirundgang: 5000 Euro Spenden fließen an Flüchtlingsrat

20.000 Besucher Spinnereirundgang: 5000 Euro Spenden fließen an Flüchtlingsrat

Das Thema Flucht, es beschäftigt alle bei diesem Galerien-Rundgang in der Leipziger Baumwollspinnerei, auch wenn es an dem herrlichen Spätsommerwochenende natürlich zuallererst ums Flanieren und Kunstgenießen geht. Rund 20.000 Besucher, seien gekommen. 5000Euro an Spenden kamen zusammen.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Ich kann nicht denken bei geschlossenen Grenzen.“ Schwarz auf weiß, dezent und doch vehement ruft dieser Satz der Leipziger Autorin Heike Geißler zwischen der Galerie Jochen Hempel und einem neuen Gast nebenan: der Galerie Boeske & Hofland aus Amsterdam. Noch sind sie offen die Grenzen, und noch ist es frei, das Denken, während sich das seltsame Wort von der „Flüchtlingskrise“ breitmacht, mit München als einem der akuten Epizentren.

Das Thema, es beschäftigt irgendwie alle bei diesem Galerien-Rundgang in der Leipziger Baumwollspinnerei, auch wenn es an dem herrlichen Spätsommerwochenende natürlich zuallererst ums Flanieren und Diskutieren, ums Kunstgenießen und in der Masse Fließen geht. Rund 20.000 Besucher, schätzt Spinnerei-Geschäftsführer Bertram Schultze, seien gekommen.

Hier werden alle satt: Kulinarisch steht die Wahl zwischen Pflaumenknödeln, italienischer Küche und Burgern. Intellektuell geht es von hochkomplexer Hinterfragung unserer Existenz bis zu direkt in den Bauch zielender Überwältigung.

Künstler, Besucher und Galeristen sammeln Geld für Flüchtlinge

Die Baumwollspinnerei, einer der internationalsten Orte der Stadt, ein multikulturelles Labor mit Gästen aus aller Welt. „Die Kunst ist eine Migrantin, die sich frei bewegen können muss“, sagt ASPN-Galeristin Arne Linde. Schon deshalb sei es beim Vorbereitungstreffen zum Rundgang nicht die Frage gewesen, ob, sondern wie man etwas für die Flüchtlinge in Leipzig tun könne, sagt sie. Die Galerien und die Halle 14 spendeten und sammelten während des Rundgangs für den Leipziger Flüchtlingsrat. Insgesamt kamen so 5000 Euro zusammen.

Arne Linde selbst zeigt Kunst, die sich durchaus quer stellt, auch wenn Benjamin Appel seine auf kneipengestühlartigem Metallrohrgeflecht balancierende Gipskartonwand eigentlich hoch genug in den Raum gehängt hat. Um Grundrisse geht es bei ihm – im weiteren Sinne, wenn Rechtecke dickschichtig auf Leinwände aufgetragen werden; im engeren, wenn eine Wohnung als Projektion einer Erinnerung aufgerufen wird.

Tausende Menschen warfen am Samstag beim Herbstrundgang einen Blick in Ateliers und Galerien auf dem Gelände der Leipziger Spinnerei. (Bilder: André Kempner)

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Keine leichte Kost, wie vieles bei diesem Rundgang, bei dem man wohl Tage verbringen müsste, um nur eine Ahnung davon zu bekommen, wohin die Reisen gehen könnten. In die Philosophie Ludwig Wittgensteins etwa führen die Fotos von Georg Brückmann, die bei „The Grass is Greener“ zu sehen sind. Zu sehen sind Rekonstruktionen von Interieurs eines Hauses, das Wittgenstein für seine Schwester entworfen hat – mit im Internet gefundenen Abbildungen von Möbeln, Bildern, Utensilien. Nebenbei eine Absage an die dokumentarische Fotografie. Das nicht Sagbare wird zum nicht Zeigbaren. Und ein gewagtes Doppel mit Wolfram Ebersbachs grafisch-mystischen Stadt-Ansichten – etwa von Leipzigs Hauptbahnhof oder vom Gewandhaus.

Nur auf den ersten Blick einfacher macht es die Maerzgalerie, die in der Dreier-Schau „Ink“ Tusche und Tinte feiert – mit den feinen fiktiven Globen des Chinesen Qiu Zhijie, wimmelnden halb abstrakten, halb konkreten Großformaten des Niederländers Nik Christensen und Wanda Stolles kleinen Abstraktionen sowie aufwendig aus Holz gebogenen Papier-Anmutungen.

Frage nach der Identität in Halle 14

In Halle 14 dreht es sich wie üblich ums große Ganze, um die Frage, wie heute Identitäten konstruiert werden – im permanenten Ist- und Sollabgleich, unter der Dauerfeuer von Selbst- und Fremdbewertungen. Wo bleibt da Freiheit? Und welche Rolle hat der Künstler im kapitalistischen Optimierungs-System? „Kontrollmodus Feedback“ heißt die Schau mit Arbeiten von elf Künstlern aus neun Ländern, pointiert und sinnlich zusammengestellt von Michael Arzt und der Italienerin Elena Agudio, der künstlerischen Leiterin der „Association of Neuroesthetics“. Zu sehen ist etwa ein Video von Rod Dickinsons vierstündigem Nachspiel des Milgram-Experiments, das Autoritätshörigkeit bedrückend erlebbar werden lässt. Satch Hoyt hat 20 Mikrofone kreisförmig in den Raum gehängt. Wer den Ring betritt, wird Teil einer Klanginstallation mit Rückkopplungseffekten, die durch die große Halle geistern. Stockdunkel ist es in Ivana Frankes Raum, bis Kreise und Linien sichtbar werden, die sich bei Bewegung verändern. Eine traumhafte Reise ins All unserer Vorstellungen.

Ein faszinierender Rundgang im Rundgang ist auch die bemerkenswerte ZERO-Ausstellung mit Otto Pienes ästhetischen Explosionen, Heinz Macks ruhigen Farb-Meditationen und Günther Ueckers Nagel-Spiralen. Insgesamt rund 60 Arbeiten aus der Kunstsammlung der Deutsche Bahn Stiftung sind zu sehen. Eine Stunde Null mit zahlreichen weiteren Künstlern im Dialog mit den drei ZEROlogen.

Ja, es geht auch sinnlich und direkt zu bei diesem Rundgang, gewissermaßen von Null auf die Zwölf: Bei Kleindienst pumpen Julius Hofmann und Michael Kirkham den Raum voll mit Sexpuppen-Ästhetik und diversen Klischee-Ladungen. Oversexed und underloved – der Titel „Ekstatische Einsamkeit“ deutet es an. Josef Filipp zeigt das große Wahnwitz-Theater des Alexander König. Und bei Eigen+Art hat Stella Hamberg im Vergleich zu früheren Arbeiten fast leichte Skulpturen auf Arbeitsböcke oder den Boden gelegt. Es sind schwarz patinierte Bronzeplastiken, denen man den Arbeitsprozess ansieht – mit Fingerspuren und Rissen. Figuren, die aus jeder Perspektive anders anmuten. Ein Hai reißt sein Maul auf, ein paar Meter weiter liegt ein Kopf. Woanders scheint alles zu verfließen, bewegend und unheimlich – zwischen Pflanze, Tier und Mensch. Adlerflügel gehen in Schlangen über, von hinten sieht das Ganze aus wie ein Baumstrunk. „Die Grenzen sind aufgebrochen, es gibt sie nicht mehr. Die Dinge können ihre Form nicht halten,“ sagt Galerist Gerd Harry Lybke über Hambergs Kunst. „Und das gilt doch gerade auch für die ganze Welt.“

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