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Spontanität ist überbewertet: Enttäuschendes zweites „Blind Date“ im Lofft

Tanz-Impro-Reihe Spontanität ist überbewertet: Enttäuschendes zweites „Blind Date“ im Lofft

Ahnungslosigkeit als Kunstimpuls. Spontanität statt Struktur. Überraschung statt Planung. Am Samstag gab es im Lofft eine neue Runde der dortigen Blind-Date-Reihe. Und einmal mehr konnte man nur staunen, wie begeistert das Leipziger Publikum dieses Format der Tanz-Impro-Show goutiert. Muss hier irgendwie doch voll die Sponti-Stadt sein.

Ihr anfängliches Fremdeln macht Hoffnung, doch bald übernimmt die Höflichkeit: Ildikó Toth, Aliashka Hilsum und Matthias Muche (von links) im Lofft.

Quelle: Sophie Stephan

Leipzig. Auch, wenn gerade das Hotel Astoria eher das Gegenteil glauben lässt. Dämmert es doch seit Ewigkeiten in einer Dornröschen-Schlaf-Agonie vor sich hin, inmitten des Verkehrs am Hauptbahnhof. Oder auch – wer weiß das schon, wo das Ding letztlich „in Wirklichkeit“ steht – in irgendeiner Ödnis des US-Südwestens.

Die dann ihrerseits nämlich im Lofft zum Blind-Date-Beginn für die Länge eines seltsamen Telefonats atmosphärisch aufersteht, wenn Stepptänzer Sebastian Weber in einer Mischung aus Astoria-Hotel-Boy und abgehalftertem Conférencier nach Erklärungen dafür sucht, warum der Wassertank auf dem Flachdach leer ist. Was ein hübsches Intro auch deshalb ist, weil in perfektem Timing, gleichsam als ironischer Kommentar einer Dramaturgie von höherer Stelle, der Wolkenbruch über Leipzig niedergeht und aufs Theaterdach trommelt.

Herrlich spontan! Schöne Überraschung, hätte man besser nicht planen können. Es ist der gelungenste Moment des Abends. In dem bald darauf der Kölner Posaunist Matthias Muche die Tänzerinnen Ildikó Toth und Aliashka Hilsum, allesamt „Hotelgäste“, die hier zum ersten Mal aufeinandertreffen, in Bewegung, in Interaktionen zu setzen versucht.

Die Künstler sind einfach zu höflich

Das mit den Bewegungen nun, das funktioniert natürlich. Muche stückelt spröde Töne des frei Improvisierten, zu denen die zwei Tänzerinnen dann frei improvisieren eben. Und während Toth, unter anderem bis zu deren letztjährigen Auflösung Mitglied in der Forsythe Company, eher eine Form tänzerischer Introspektion liefert, gibt Hilsum, die auch Erfahrungen als Sängerin und Eiskunstläuferin vorweisen kann, von Anfang an die zupackend Exaltierte. Dem Umstand, dass sie dabei ins „unschuldigere“ Weiß gekleidet ist, während Toth in Schwarz auf der Bühne agiert, mag man dabei zwar gern die Dimension eines farb­dramaturgischen Effektes zusprechen, spannender aber macht das die Sache auch nicht.

Nicht, dass bei diesem Blind Date keine Momente der Verdichtung entstehen. Wie es auch für eine Weile seinen Reiz hat, diese zwei tänzerischen Bewegungsarten in ihrer doch recht starken Unterschiedlichkeit, in ihrem dezidierten Nebenher zu beobachten. Interessant ist dabei anfänglich auch ein auf der Bühne unterschwellig spürbares, insistierend intuitives Sperren, gegen den Zwang zur Kompatibilität, zur dialogischen Interaktion. Ein „Fremdeln“, das Muches Musik suggestiver Sprödigkeit, fern aller einladenden Harmonie, noch forciert.

Und man hofft genau deshalb kurz, dieses Blind Date könne sich reiben und wachsen an der Spannung einer Verweigerung zu eben genau dieser Zusammenführung. Nur sind die Agierenden dafür zu höflich. Man nähert sich halt doch an, lernt sich kennen über das kultivierte Repertoire gesetzter Konversation, das hier zwar ein tänzerisch-musikalisches ist und gelegentliche Skurrilität nicht scheut, aber letztlich doch nicht anders funktioniert als beim Geplapper von Zufallsbekanntschaften am Hotelbuffet. Woran auch ein Auftritt Stefan Ebelings als kauziger Typ vom Room-Service nichts ändert. Was in Ordnung geht. Denn man muss es einfach wieder mal sagen: Spontanität ist überbewertet.

Nächstes „Blind Date“ im Lofft (Lindenauer Markt 21) am 15. September, 20 Uhr, Karten für 15/10 Euro: 0341 35595510

Von Steffen Georgi

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