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Sprechende Schönheit jenseits der Zeitläufte

Alan Gilbert dirigiert Mahler und Hillborg im Großen Concert Sprechende Schönheit jenseits der Zeitläufte

Gustav Mahlers erste Sinfonie und das zweite Violinkonzert Anders Hillborgs standen auf dem Programm der Großen Concerte dieser Woche. Alan Gilbert dirigierte das Leipziger Gewandhausorchester, Lisa Batiashvili spielte den Solo-Part.

Leipzig. So viel Jubel war lange nicht in und nach einem Großen Concert im Gewandhaus. Und noch länger war er nicht so berechtigt wie in dieser Woche. Denn was Alan Gilbert, der amtierende Lieblings-Gastdirigent beim Gewandhausorchester, ebendieses und die georgische Geigerin Lisa Batiashvili da herausholen aus der deutschen Erstaufführung von Andreas Hillborgs (Jahrgang 1954) zweitem Violinkonzert und Gustav Mahles erster Sinfonie, beweist, dass es auch in einer Saison ohne Chef wenig Anlass gibt, sich ums älteste bürgerliche Orchester der Welt zu sorgen.

Mit einer Einschränkung: Es wird wieder mehr geklappert am Augustusplatz. In tolerablen Grenzen zwar und noch so, dass der jeweilige Mann am Pult gegenzusteuern vermag. Aber die Präzision, die Herbert und Blomstedt und Riccardo Chailly in 20 Jahren harter Arbeit kurzgeschlossen haben mit dem Eigenklang des Gewandhausorchesters, ist zu kostbar, als dass sie zum Opfer selbstzufriedener Unachtsamkeit werden sollte.

Sei es, wie es sei – auch Gilbert fängt seine Schäfchen am Donnerstagabend zu Beginn von Mahlers Erster schnell wieder ein, grundiert den vom ersten Streicherflirren an elektrisierenden Klang mit angemessener Akribie und bringt dann mit souveräner Könnerschaft das Beste zweier Welten zusammen: die geheimnisvollen Ockertöne des Leipziger mit den scharfen Kontrasten eines Mahler aus New Yorker.

Diese Aufführungen stehen im Zeichen einer doppelten historischen Verpflichtung: In Leipzig entstanden, während Mahler an der Oper in zweiter Reihe hinter Arthur Nikisch als Kapellmeister unter Vertrag stand, weite Teile der Ersten. Und als Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker ist Alan Gilbert seit 2009 Amtsnachfolger des Komponisten, der als Dirigent ein Weltstar war, und diesem US-Orchester von 1908 bis 1911 vorstand.

Die multiplen Klangwelten Mahlers scheinen Gilbert folglich in den Genen zu liegen. In traumwandlerischer Sicherheit und auswendig dirigierend zwingt er die so unterschiedlichen Klangwelten dieser Sinfonie zu einer Großform zusammen, ohne sich auch nur in einem Augenblick dem Verdacht philharmonischen Gleichmacherei auszusetzen. Trennschärfe und Fluss, Logik und Sinnlichkeit, Spontaneität und Planung, Emotion und Intelligenz finden da zusammen zu einem sinfonischen Strom, der vom ersten Ton an den Hörer an die Gurgel packt, die Seele streichelt, das Herz und den Bauch.

Genau dies gelingt ihm ohne Abstriche auch bei Hillborgs zweitem Violinkonzert. Die strukturellen Parallelen zu Mahler sind bei genauerem Hinhören dicker als zunächst vermutet. Denn auch Hillborg gelingt das Kunststück, Material aus allen denkbaren stilistischen und historischen Winkeln der Musik ganz natürlich zusammenwachsen zu lassen. Da fallen Streicher-Girlanden aus dem ewigen Schnee herab in einen Moll-Akkord, der sich wie ein Eisfilm aufs Zugfenster zwischen den Zuhörer und die dahinter vorbeigleitenden Floskeln aus scheinbar Bekanntem schiebt. Rätselhaft melancholisch klingen die ruhigen Passagen dieses Werkes wie aus einer besseren Zeit herüber – immer wieder durchbrochen von motorischen Attacken, denen gleichwohl alles Aggressive abgeht.

Eingebettet in diese klingende Licht-Installation, die sich einen feuchten Kehricht schert um das, was die Gralshüter musikalischer Moderne für schicklich halten, tastet sich Lisa Batiashvili mit ihrer Guarneri von so simplen wie suggestiven Dreiklangs-Erkundungen ausgehend in ein feingewirktes Gespinst der Linien und Arabesken, der Melodiefetzen und zu kaum greifbar vorüberhuschenden Kaskaden vor. Sanft singend bleibt dabei ihr Ton, subtil und sinnlich.

Bisweilen wird sie vom Orchester überdeckt, doch meist gilt: Hillborgs Partitur ist so sauber und gekonnt gebaut, dass Gilbert am Pult nicht viel tun muss, um diese sehr neue Musik auch im Gewandhausorchester rund um Konzertmeister Frank Michael Erben zu beseelen. Virtuos ist dieses Violinkonzert, unerhört aufregend – und es geht auf in einer unmittelbar sprechenden Schönheit jenseits der Zeitläufte, die selbst im Gewandhaus modernes Zeugs sicher zum Publikum trägt: Folgerichtig kennt schon zur Pause die Begeisterung für Solistin und Komponist, für Orchester und Dirigent kaum Grenzen, wofür Batiashvili sich mit einer furiosen Folklore-Petitesse ihres Landsmanns Aleksi Matschawariani (1913–1995) bedankt.

Von Peter Korfmacher

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