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Statt des Gemetzels

Statt des Gemetzels

"Ach, Europa!", seufzen Juri Andruchowytsch, Geert Mak, Martin Pollack und Karl Schlögel beim 17. Literarischen Herbst. Und sind am Ende der Diskussion im Schauspielhaus dann doch optimistisch.

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Podiumsdiskussion mit Martin Pollack, Juri Andruchowytsch, Karl Schlögel, Geert Mak und Moderator Thomas Bille (v.l.).

Quelle: André Kempner

Leipzig. So richtig runden will sich der Abend nicht. Das liegt am Zeitkorsett des MDR-Radiomitschnitts und am Thema. Im Rahmen des 17. Leipziger literarischen Herbstes stand am Mittwochabend im Schauspielhaus die Völkerschlacht vor 200 Jahren zur Debatte und Europa heute - als "Kontinent zwischen Untergang und Wiedergeburt". Auf dem Podium saßen vier Autoren, die in den zurückliegenden Jahren mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurden: Juri Andruchowytsch (2006), Geert Mak (2008), Karl Schlögel (2009) und Martin Pollack (2011), am Klavier Stephan König.

Moderator Thomas Bille schickt der ersten Gesprächsrunde voraus, dass es nichts zu feiern gebe angesichts der 100.000 Toten auf den Feldern der Völkerschlacht. Auch wenn die Auseinandersetzung damit, mit Ästhetik und Instrumentalisierung des Völkerschlachtdenk- mals angenehmer Kontrapunkt sind zur Verharmlosung des Gemetzels durch Kostümfeste und Kriegsspiele, halten sich die Diskutanten zu lange damit auf.

Der Titel der Veranstaltung, "Ach, Europa!", geht auf einen Seufzer Hans Magnus Enzensbergers zurück, den er 1987 aus sieben Essays destillierte, für die er sich in Italien, Polen oder Portugal umgesehen hatte. Damals war Europa vor und hinter dem Eisernen Vorhang eher eine Idee. Heute scheint es eine Realität ohne Idee zu sein. Herauszufinden, wie die Intellektuellen darüber denken und welche Relevanz das überhaupt hat, ist diese Runde zusammengekommen.

Martin Pollack, Kurator des Leipziger Buchmessen-Schwerpunkts "Tranzyt" für Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus, wohnt im Burgenland, einer Region in Österreich, die bis 1922 zu Ungarn gehörte. "Es wurden alle Wurzeln abgeschnitten, alles Ungarische entfernt", erzählt er. Inzwischen aber gebe es eine Gegenbewegung, die "zum Teil von Intellektuellen in Gang gesetzt wurde": dass man "wieder Ungarisch lernt, sich mit der Geschichte beschäftigt, sich wieder auf die Region besinnt". Wenn die "territorialen Grenzen entwertet werden, spielen die Regionen wieder eine Rolle", stimmt Karl Schlögel zu.

Der Niederländer Geert Mak sah 2012 in seinem Buch "Was, wenn Europa scheitert" das, was wir gerade erleben, nicht als gewöhnliche Krise, sondern einen "Übergang in eine andere historische Phase, eine Krise, die die Grundlagen unserer westlichen Gesellschaft berührt". Er hält die Intellektuellen darum heute für "sehr, sehr wichtig", weil sich "etwas ändern muss in Europa". Das spielt an auf Einwanderungspolitik, das Problem einer Renationalisierung oder auch die Verschiebung der Grenzen nach Osten. Der Ukrainer Juri Andruchowytsch will erst dann von einer echten Erweiterung sprechen, "wenn Belarus oder Moldawien Mitglieder der Gemeinschaft" werden. "Europa braucht diese Herausforderung", sagt er. "Und wir brauchen Europa, um uns vom russischen Einfluss zu befreien."

Das Interesse aneinander sei "auf jeden Fall" gewachsen, findet Osteuropa-Spezialist Karl Schlögel. Allerdings wachse es vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet, zu bedenken gibt er die "kriminelle Intelligenz des organisierten Business", die offizielle Kultur aber sei zögerlich. Ein Umstand, dem Schauspielintendant Enrico Lübbe entgegenwirkt, in dem die Aufnahme seines Hauses in die European Theatre Convention anstrebt, wie er in seinem Grußwort bekanntgibt. Das wird Schlögel gefallen, der als Optimist des Abends fordert: "Wenn wir nicht über Dinge reden, die schön und gut sind, können wir einpacken."

MDR Figaro überträgt das Lesecafé am 10. Oktober 16.05 Uhr; die Wiederholung ist am 22. Oktober um 22.05 Uhr zu hören.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.10.2013

Janina Fleischer

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