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Stefan Ebeling über Theater in Pleißenburg-Kasematten: „Dostojewski ist irre aktuell“

Premiere Stefan Ebeling über Theater in Pleißenburg-Kasematten: „Dostojewski ist irre aktuell“

Theater-Interessierte lernen beim neuen Projekt „Der Großinquisitor“ der Gruppe TheaterschaffT einen selten besuchten Ort kennen: Stefan Ebelings Inszenierung des Kapitels aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski spielt in den Kasematten unterhalb des Neuen Rathauses Leipzig – in den letzten Überresten der 1897 abgerissenen Pleißenburg.

Regisseur Stefan Ebeling (Mitte) mit Jesus-Darstellerin Karoline Günst und Horst Warning, der den Großinquisitor spielt, in den Pleißenburg-Kasematten.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Vor der Premiere am Samstag sprachen wir mit dem 48-jährigen Regisseur über das ungewöhnliche Projekt.

Ob nun „Krieg und Frieden“ vor dem Völkerschlachtdenkmal oder der Theaterspaziergang „Kein Schaf bis Eutritzsch“ – Sie nutzen den Leipziger Raum gern als Kulisse für Inszenierungen. Weshalb?

Ich mag es sehr, wenn Theater sich zu verschiedenen Orten in Beziehung setzt. Orte, die man vielleicht gar nicht mehr so wahrnimmt oder die durch Theater einen neuen Kontext bekommen.

Nun also Dostojewski in den Kasematten unter dem Neuen Rathaus – wie ist das Projekt entstanden?

Durch einen Zufall. Ich saß im Rats­keller mit Kollegen, und plötzlich fiel das Stichwort Kasematten, die noch einen Stock darunter liegen – die Gewölbe der längst verschwundenen Pleißenburg. Das hat mich sofort elektrisiert. Zumal ich Dostojewskis faszinierenden Text „Der Großinquisitor“ schon länger im Kopf hatte. Da die Geschichte im Kerker spielt, liefern die Kasematten das perfekte historische Ambiente. Also wurde ich aktiv und habe bei den Ämtern nachgefragt.

Mit welchen Mitteln machen Sie das Kapitel aus einem Roman Dostojewskis zum Theaterstück?

Zunächst mussten wir bearbeiten und streichen, denn es gibt auch viel Ausführlichkeit in dem Text. Auf der Bühne findet eine spannende Auseinandersetzung zwischen dem zurückgekehrten Jesus und dem Großinquisitor statt. Dazu gibt es eine Eröffnungsszene draußen, vor dem Abstieg unter Tage.

Jesus kehrt auf die Erde zurück, gespielt von Karoline Günst – eine Frau in der Rolle des Messias als Beitrag zur Gender-Diskussion?

Diese Diskussion finde ich immer spannend! Der Hauptgrund aber ist: Für mich steht Jesus für eine weibliche Energie. Im Grunde finde ich Jesus unspielbar, weil er als Gott eine Abstraktion ist. Mich interessiert eher der Mensch, und der könnte auch eine Frau sein, die ist aus meiner Sicht die bessere Besetzung.

Wie kam es zur Besetzung mit dem 83-jährigen Horst Warning als Großinquisitor?

Er ist übrigens 58 Jahre älter als Karoline, ein spannender Kontrast! Ich habe schon mal vor sechs Jahren mit ihm gearbeitet. Ein ewig neugieriger Schauspieler, ein Geschenk, eine Vision für mich selbst: Er weiß, wie es geht, ist aber auch bereit, es nicht zu wissen. Und sich mit deutlich jüngeren aufs Glatteis zu begeben. Als sich das Projekt konkretisierte, musste ich sofort an ihn denken. Die Frage an ihn, ob er mitmacht, hatte ich kaum ausgesprochen, als er schon Ja sagte.

Wird die Geschichte im 16. Jahrhundert wie bei Dostojewski oder in der Gegenwart spielen?

Die Verabredung ist schon, dass alles im 16. Jahrhundert stattfindet. Doch Karoline alias Jesus spielt das Ganze von heute aus, aus dem Blickwinkel einer jungen Frau im Jahr 2017. Eine scharfe Trennung gibt es da bei uns ohnehin nie, es ist alles Theater und der Text Dostojewskis ist irre aktuell – eine Bestandsaufnahme unserer Welt, wie sie ist. Es geht um Politik und dann weniger um Glaube als um Transzendenz überhaupt.

Inszenieren Sie die Wiederkehr des Messias als frommen Wunsch, oder ist das eine zynische Pointe, weil eh nichts anderes mehr hilft?

Ich bin schon überzeugt, dass wir das mit dem Leben hier unten selber hinkriegen müssen. Doch das Gedankenspiel „Was wäre, wenn Jesus wiederkäme“ ist sehr spannend. Daran kann man sich herrlich abarbeiten. Und übrigens: Ist es sicher, dass er nicht wiederkommt? Jemand hat mal gesagt: Die Atheisten müssten erst mal beweisen, dass es Gott nicht gibt.

Sie versprechen Tiefe wie auch Komik. Wie balancieren Sie das aus?

Vorsichtig gesagt: Dostojewski ist zuständig dafür, dass die Komik die Tiefe nicht überdeckt (lacht). Aber es gibt auch ganz starke Situationen zwischen der jungen Frau und dem alten Mann im Verhältnis zu dem Stoff – auch in der Frage, wie man Theater spielen sollte. Das ist stellenweise sehr flapsig und amüsant.

Gibt es eine Lösung für das Überwinden des Übels der Welt?

Es gibt in dem Stück zwei große Konzepte, die sich gegenüberstehen, die aber unvereinbar scheinen. Mehr will ich nicht verraten.

Was ganz Pragmatisches: Wie kalt ist es da unten?

Deutlich frischer als oben, aber wir halten für jeden Zuschauer eine wärmende Decke parat.

„Der Großinquisitor“ - Premiere am 17. Juni, 20 Uhr; weitere Termine 18. Juni (18 Uhr) sowie 21. bis 24. Juni (je 20 Uhr). Treffpunkt: Petersstraße, Ecke zur Schlossgasse; Karten unter www.theaterschafft.de, www.tixforgigs.com und im Culton (0341 141618).
Von 28. bis 30. Juni, je 18 Uhr, in Wittenberg, Amphitheater hinterm Lutherhaus.

Von Mark Daniel

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