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Steven Wilson im Interview: "Musik verkommt zum Hintergrundrauschen“

Progrock Steven Wilson im Interview: "Musik verkommt zum Hintergrundrauschen“

Er wurde viermal für einen Grammy nominiert und gilt als Erneuerer des Prog-Rock: Steven Wilson. Das letzte Soloalbum des Londoner Multiinstrumentalisten stieg bis auf Platz drei der Media Control Charts. Wir trafen Wilson in Berlin und sprachen mit ihm über seine Helden und seine aktuelle Platte.

Mag starke Bilder in der sichtbaren wie in der hörbaren Kunst: Steven Wilson.

Quelle: Ben Meadows

Leipzig. Er wurde viermal für einen Grammy nominiert und gilt als Erneuerer des Prog-Rock: Steven Wilson. Das letzte Soloalbum des Londoner Multiinstrumentalisten stieg bis auf Platz drei der Media Control Charts. Wir trafen Wilson in Berlin und sprach mit ihm über seine Helden und seine aktuelle Platte „Hand. Cannot. Erase“. Am 20. Januar gastiert er in Leipzigs Haus Auensee.

LVZ: Sie gelten als Erneuerer des Prog-Rock. War es auch diesmal Ihr erklärtes Ziel, musikalisches Neuland zu betreten?

Steven Wilson: Ich denke, ja. Zumindest bilde ich mir ein, dass ich mich mit jedem neuen Projekt auch ein bisschen auf unbekanntes Terrain begebe. Auf diese Weise bleibt es auch für mich interessant. Das Album „Hand. Cannot. Erase.“ war sowohl musikalisch als auch konzeptuell eine völlig neue Herausforderung.

Weshalb?

Das Album erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus ihrer eigenen Perspektive. Allein das ist eine Herausforderung für jemanden wie mich, der eindeutig keine Frau ist. Die Musik und der Gesang sollten irgendwie feminin wirken. Ich ließ eine Schauspielerin im Studio einen Text sprechen. Last but not least holte ich einen Jungen-Chor ins Studio, für den ich eigens die Musik geschrieben habe.

Erzählen Sie eine wahre Geschichte?

Ja. Vor vier Jahren sah ich den Dokumentarfilm „Dreams Of A Life“ über eine junge Frau namens Joyce Carol Vincent. Sie starb 2003 in ihrem Londoner Apartment, ihre Leiche wurde jedoch erst drei Jahre später entdeckt. Das allein ist schon außergewöhnlich. Joyce Vincent war keine einsame alte Dame, sondern sie war jung, attraktiv, intelligent und hatte Freunde und Familie. Sie galt sogar als Überflieger. Aus irgendeinem Grund wurde sie aber drei Jahre lang von niemandem vermisst. Wie konnte das möglich sein? Ihr Schicksal hat mich sehr berührt. Als ich 2014 mit der Arbeit an einer neuen Platte begann, ertappte ich mich dabei, wie ich plötzlich Songs aus der Perspektive einer jungen Frau schrieb. Diese fiktionale Figur ist an Joyce Vincent angelehnt.

Wie entwickelte sich Ihre Idee mit der Zeit weiter?

Aus der Idee wurde mit der Zeit eine Geschichte, die sich mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, im 21. Jahrhundert im Herzen einer Weltmetropole zu leben. Sie geht um Einsamkeit, Isolation, familiäre Beziehungen, sexuelle Beziehungen, Internet, soziale Netzwerke. Ich bin der Meinung, sie müssten eigentlich anti-soziale Netzwerke genannt werden. Sie verbinden Menschen nicht, sondern sie trennen sie. Am Ende ist es eine faszinierende, gruselige Geschichte geworden über eine Frau, die sich selbst aus dieser Welt löscht.

Und dafür haben Sie extra gruselige Musik geschrieben?

Wilson: Meine Musik klang schon immer ziemlich dunkel und unheimlich. Mich interessieren besonders die melancholischen Aspekte der Kunst. Was andere als bedrückend empfinden, ist für mich erhebend. Kunst, die sich mit Traurigkeit, Isolation und Einsamkeit befasst, hilft uns dabei zu verstehen, dass wir nicht allein sind und dass wir alle dieselben Gefühle haben. Jeder kennt das Gefühl, jemanden zu verlieren oder in einer Beziehung zu leben, die nicht funktioniert. Das sind die positiven Aspekte der Kunst.

Wie gut kennen Sie Ihre kreativen Stimmungen?

Überhaupt nicht. Es kann passieren, dass ich zwei Wochen lang im Studio hocke und nichts Vernünftiges dabei herauskommt. Warum, weiß ich nicht. Und am 23. Tag fällt mir plötzlich ein genialer Song ein.

Musik dient immer mehr dazu, den Alltag wie eine Klangtapete akustisch aufzuhellen. Nur konsequent, dass sie meist sehr oberflächlich konsumiert wird. Frustriert Sie das?

Bedauerlicherweise bin ich Teil der Musikindustrie der Zeit, in der ich lebe. Wäre ich 20 Jahre früher geboren und würde meine Platten in den 1970ern machen, wäre das die perfekte Zeit für mich. Im 21. Jahrhundert Musiker zu sein, ist schwierig. Ich frage mich ständig, wie man Menschen dazu kriegen kann, sich überhaupt tiefergehend mit Musik zu beschäftigen. Es hat noch nie so viel Musik gegeben wie heute, aber sie verkommt mehr und mehr zu einem Hintergrundrauschen.

Hat Ihre Art von Musik eine Zukunft?

Ja. Es wird immer Leute geben, die mehr wollen. Größere Trends erzeugen immer eine Gegenbewegung. Die Nachfrage nach audiophilen Aufnahmen im 5.1 Surround Sound zieht an, auch Vinyl ist wieder im Kommen. Wenn solche Märkte wachsen, dann gibt es auch eine Zukunft für meine Musik.

Ihr letztes Soloalbum stieg bis auf Platz drei in den deutschen Charts. Wie erklären Sie sich das?

Zuerst einmal arbeite ich sehr hart. Wenn du nur laut genug schreist, wird dich schon jemand erhören. Außerdem hat sich das musikalische Klima zu meinen Gunsten entwickelt. Noch vor zehn Jahren hat sich niemand für Prog-Rock interessiert. Inzwischen mussten aber die Majors feststellen, dass die einzigen Künstler, die kontinuierlich Platten verkaufen, die klassischen Rockbands wie Led Zeppelin, Black Sabbath und die Beatles sind. Einerseits ist meine Musik nicht leicht, auf der anderen ist sie sehr melodisch. Ich sehe mich nicht als Avantgardist, was ich mache, ist immer noch ziemlich zugänglich. Zu meinen Konzerten kommen Heavy-Metal-Typen, alte Hippies in Pink-Floyd-T-Shirts und Kids in Radiohead-T-Shirts.

Interview: Olaf Neumann

20. Januar, Haus Auensee, Karten 0800 2181050 und an den üblichen Verkaufsstellen.

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