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Strawinskys „Sacre“ mit dem Neuen

Andris Nelsons im Entdeckerkonzert Strawinskys „Sacre“ mit dem Neuen

2018 beerbt Andris Nelsons Riccardo Chailly. Am Mittwochabend hatte er im Entdeckerkonzert des Gewandhausorchesters seinen ersten Auftritt als designierter Gewandhauskapellmeister mit seinem künftigen Orchester

Andris Nelsons bei der Arbeit.

Quelle: Kempner

Leipzig. Eigentlich geht es im Entdeckerkonzert um Strawinskys Jahrhundertwerk „Le Sacre du Printemps“, am 28. Mai 1913, am Samstag also vor 103 Jahren, mit gewaltigem Skandal in Paris uraufgeführt. Und tatsächlich gelingt es Steffen Schleiermacher in seiner so Kenntnis- wie Anekdoten-reichen, dabei witzigen und angemessen subversiven Moderation, dem Publikum diesen Urknall der Moderne näherzubringen. Ganz ohne besserwisserisches Geporkel in der Partitur, sondern eher, indem er emotional Blick und Ohren schärft für die unverbrauchte Neuigkeit dieser auch schon wieder ziemlich alten Partitur. Ein wunderbares Format – und die Frage drängt sich auf, warum dies eigentlich das einstweilen letzte Konzert seiner Art gewesen sein soll.

Dennoch: Die meisten im gut gefüllten Saal wollen wohl nicht den „Sacre“ entdecken, sondern den 37-jährigen Andris Nelsons, den kommenden Gewandhauskapellmeister, der in dieser und der nächsten Woche erstmals seit der Vertragsunterzeichnung im September am Pult seines künftigen Orchesters steht.

Zunächst einmal entdecken sie, dass sich am Pult des Gewandhausorchesters ein Stil-Wandel abzeichnet. Auf die mittlerweile zum Unnahbaren tendierende Maestro-Grandezza des 63-jährigen Riccardo Chailly, der sich in drei Wochen wohl endgültig aus Leipzig verabschiedet, folgt eine jungenhafte Musizier- und Mitteilungswut, deren Unbefangenheit sofort für sich einnimmt. Wie Nelsons sich da mit kraftvollem Bariton und charmantem Trümmerdeutsch seine „Sacre“-Begeisterung von der Seele plappert, das bleibt zwar im Wortlaut auf weiten Strecken unverständlich. Aber spätestens wenn seine mäandernden Ausführungen in die Diagnose münden, der Sacre sei „praktisch verruckt“, weiß man, was er meint. Weil man es spürt. Weil man es hört.

Dieser „Sacre“ ist anders als der, den Riccardo Chailly – bei seinem ersten Auftritt als designierter Gewandhauskapellmeister übrigens – im September 2002 an gleicher Stelle dirigierte. Während Chailly damals die diabolische Kraft des Werks aus kristalliner Präzision gewann, klingt er bei Nelsons dunkler, archaischer, mystischer – ohne weniger präzise zu sein.

Dabei zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele: Beide Dirigenten setzen bei diesem Schreckensstück ihrer Zunft nicht auf die angeberische Taktwechsel-Gymnastik vieler, sondern schlagen eher große Einheiten, häkeln nicht komplexe Rhythmen nach, sondern setzen mit der Rechten nur die Impulse, die nötig sind, um das Ballettmusik-Schlachtschiff auf Kurs zu halten, und kümmern sich mit der Linken mit beredter Hingabe um Balance und Klang – darum also, dass aus den vielen Tönen aus dem heidnischen Russland Musik werde.

Nelsons hat in den Jahren, in denen er sich an die Weltspitze der Pult-Könner dirigierte, seinen schlagtechnischen Aufwand deutlich zurückgefahren und ist dabei zu einer enorm suggestiven Virtuosität gelangt. Ein solches Entdeckerkonzert ermöglicht einen tiefen Blick in seine Werkstatt. Denn es präsentiert ja am Vorabend der Generalprobe nicht das Ergebnis, sondern den Weg dorthin. Und es zeigt, dass Nelsons anders arbeitet als Chailly. Er lässt sich erst einmal anbieten, was das Orchester anzubieten hat, und formt dieses Angebot dann akribisch aus.

Insofern bleibt es spanend, was aus diesem „Sacre“ in den beiden Großen Concerten wird.

Von Peter Korfmacher

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