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Stress in Leipziger Szene-Clubs – „Das Problem heißt immer: Alkohol und Männer“

Nach Conne-Island-Vorstoß Stress in Leipziger Szene-Clubs – „Das Problem heißt immer: Alkohol und Männer“

Nach dem Vorstoß des Conne Island bestätigen auch andere Leipziger Szene-Clubs, dass sie vermehrt mit Diebstählen, Belästigungen, Gewalt und daraus resultierendem Besucherschwund konfrontiert sind. Einen eindimensionalen Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation sehen sie jedoch nicht.

Seit jeher haben Taschendiebe in der Enge und Dunkelheit einer Diskothek leichtes Spiel.
 

Quelle: dpa

Leipzig.  Der rechte Mob klatscht hämisch Beifall, AfD und Co. fühlen sich bestätigt: Zwei Wochen, nachdem das Conne Island eingestand, dass Integration quasi von selbst ein zu naiver Plan war, titelt Bild-Online alarmistisch: „Polizei überfordert – Antanz-Alarm auf der KarLi.“ Der Kreuzer wiederum beklagt Kommunikationsverweigerung in der Szene gegenüber Presse und Öffentlichkeit, spricht von „vermintem Gelände“. Gleichzeitig deutet sich an, dass auch andere Leipziger Clubs Probleme haben mit Diebstählen, Belästigung, Gewalt und Besucherschwund. Die einen reden lieber nicht, die anderen schlagen hohe Wellen, die sich jedoch weit neben dem Kern des Problems brechen.

In der Tat sind nicht alle gesprächsbereit. Zwar wird die Lage offenbar intensiv im Netzwerk Livekomm, dem Verband Deutscher Musikspielstätten, besprochen, zwar erachten fast alle, mit denen man spricht, den Vorstoß des Conne Island für wichtig und bekunden Solidarität. Aber längst nicht jeder reagiert auf Gesprächsanfragen oder lässt sich namentlich zitieren. Der Grund liegt auf der Hand: Nichts schätzen die Leipziger Nachtleben-Arbeiter weniger, als sich von rechts bestätigt zu sehen. Jürgen Ackermann, Vorstand des Werk 2, bekennt: „Es ist das Problem des rechten Beifalls. Das ist eine Kette, die du nicht mehr beherrschst.“ Ist der Beifall da, unterstellen andere schnell, man habe ihn gesucht: „Der Rassismusvorwurf beschränkt den Handlungsspielraum“, berichtet ein anderer Clubbetreiber.

Nach dem Weckruf des Conne Island wollen einige reden, denn das Statement kann nur ein Anfang sein: „Vom Schweigen in dieser politisch hochbrisanten Thematik halte ich gar nichts“, damit würde das Feld nur „Deutungsmustern aus dem rechten Lager überlassen“, so Nato-Geschäftsführer Falk Elstermann. Diese Deutungsmuster sind meist recht eindimensional. Wer sich näher mit den Vorkommnissen beschäftigt, erhält schnell ein differenziertes Bild, bei dem am Ende zwar nicht alle Probleme gelöst, aber kaum ein rechtes Vorurteil übrig bleibt.

Anstarrer und Grapscher

„Auch bei uns sind in den vergangenen ein bis zwei Jahren die Besucherzahlen eingebrochen, es wird aber nicht schlimmer, inzwischen erholt es sich wieder“, verrät Katja Krause, Geschäftsführerin des Werk 2. Die Parallele zur gestiegenen Flüchtlingszahl im ähnlichen Zeitraum ist eher zufällig, hört man sich um, findet man, gerade in Leipzig, multiple Ursachen: Der Hype um die Stadt ebbt in stärkerem Maße ab, als dennoch neue Clubs öffnen, die Konkurrenz steigt. Das Feier- und Ausgehverhalten ändert sich, im Sommer verlegt es sich immer mehr auf die Straße – und die Sachsenbrücke.

Szenen lockern und vermischen sich, viele aber, die über Jahre ‚ihre’ Clubs mit immanenten Dress- und Verhaltenscodes hatten, kommen da nicht mehr mit. Jüngere haben weniger Stammclubs: „Vor zehn Jahren gab es noch Szenen, die gibt es heute so nicht mehr. Die Jugend ist viel gleichgeschalteter“, sagt Krause. Ja, auch der eine oder andere Migrant passt nicht in diese sich auflösende Kulturmilieu-Codierung, was ihm jedoch nicht anzulasten ist. Fehlverhalten allerdings schon, aber auch hier: differenziert.

Krauses Erfahrung ist, dass deutsche Männer keineswegs netter sind, aber sie hätten in ihrer Feierroutine gelernt, bestimmte Dinge anders zu verpacken. Das oft bemängelte Anstarren durch „Südländer“, manchmal gepaart mit voreiligen, überschwänglichen Komplimenten ist für die betroffenen Frauen ohne Zweifel belastend, jedoch in vielen Fällen weniger aufdringlich gemeint, als es ankommt. Das darf keine Entschuldigung sein, aber eine mögliche Arbeitsgrundlage, mit dem Problem umzugehen, bevor es zu ahndungswerten Delikten kommt. Gesellt sich zu einigen Starrenden ein betrunkener Grapscher, scheint das Bild perfekt, obwohl es sich vom Junggesellenabschied mitunter kaum unterscheidet.

Positiver Rassismus

So sehr es in erster Linie um den Schutz potenzieller Opfer gehen muss, so wenig hilft hier das Pauschalurteil „Kulturkreisprägung“ weder entschuldigend noch vorverurteilend. Hieße es doch, Zentral- und Nordafrika, Westasien und Südosteuropa als einen vom freien Westen verschiedenen Kulturkreis anzusehen, in dem Belästigung normal wäre. Auch aus der doch sehr speziellen samstäglichen Diskosituation eine gesamt­gesellschaftliche Vorurteilsbestätigung abzuleiten, ist töricht.

„Eine Gruppe von unbegleiteten jungen Männern und günstiger Zugang zum Alkohol: Das geht immer schief“, meint Security-Fachmann Markus Wittpenn, und Ackermann ergänzt: „Egal, ob UMAs oder Klassenfahrt“ – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder adoleszente Schüler. Schon das Conne Island verzichtete bewusst auf eine Verifizierung des Flüchtlingsstatus’ und gewährte einen Vertrauensvorschuss. Andere Clubs gingen noch weiter und gaben offenbar sogar alkoholische Freigetränke aus. Der Effekt ist offensichtlich: Entsprechende Leute kamen überproportional und waren schneller enthemmt. Bei Flüchtlingen mag hinzukommen, dass in solchen Momenten die Last der täglichen Unwägbarkeiten einer Massenunterkunft abfällt. Unterzieht man gleichzeitig zahlende Gäste dem üblichen rigiden Einlassprozedere, wundert es nicht, wenn ein Teil fortan wegbleibt: „Das Problem tritt immer auf, wenn man unterschiedliche Standards ansetzt“, so Wittpenn. Positiver Rassismus heißt dieses meist gut gemeinte Phänomen, das derlei hausgemachte Probleme hervorbringt, die jedoch lösbar sind, wie das Conne Island lehrt.

Weder Krause noch Wittpenn können darüber hinaus eine Steigerung der Vorfälle bei Clubs in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften beobachten, die Kriminalitätsstatistik bestätigt das. Im Gegenteil: Beide betonen, dass man mit „echten Geflüchteten“ zu 98 Prozent positive Erfahrungen gemacht hat, diese meist gesitteter sind als andere Gäste. An weltoffener Einstellung und aktiver Willkommenspolitik dreht daher keiner, nachjustiert wird bestenfalls an potenzieller Naivität: „Wir müssen über die engen Schranken der Political Correctness – wer definiert die eigentlich? – hinweg die tatsächlich vorhandenen Probleme bei der Integration angehen und lösen. Das wird immer einer guten Balance zwischen rechtsstaatlichen Maßnahmen, kommunikativer Begleitung und gemeinsamem Lernen bedürfen“, meint Elstermann. Kurz: Integration ist keine Einbahnstraße, sondern ein Weg mit Kurven und mitunter einzelnen Abzweigungen, die zu Sackgassen führen können. Schon Merkels „Wir schaffen das“ war nie der naive Selbstläufer, als der er gern kolportiert wird, oder wie Ackermann sagt: „Wenn zehn Prozent der Deutschen Arschlöcher sind, warum soll es bei anderen Nationen anders sein?“

„Wer sich scheiße benimmt, fliegt raus“

Ist man aber erstmal „besorgt“, zählt keine Statistik, sondern nur das Gefühl: „Jeder Vorfall mit Migranten wird anders wahrgenommen als die vielen allabendlichen Disko-Schlägereien und Diebstähle, die es schon immer gab“, so Ackermann.

Ja, die gefürchteten „Antänzer“ sind überwiegend Nordafrikaner und gehören in rechten Argumentationsmustern zum Paradebeispiel für gescheiterte Integration. Beim Stichwort „Köln“ denkt keiner mehr an Eishockey oder den Dom. Aber natürlich ist nicht jeder Nordafrikaner ein Antänzer. Und nicht einmal im erwähnten alarmistischen Bild-Artikel ist von einem generellen Migranten- oder Flüchtlingsproblem die Rede, vielmehr von einem festen Täterkreis. Wenige, dafür gut organisierte Kriminelle treiben in der KarLi ihr Unwesen. Eine pauschale Verurteilungsbrücke zu ziehen, käme daher keiner der momentan betroffenen Lokalitäten in den Sinn. Man zieht ja wegen Pegida auch keinen Zaun um ganz Dresden.

Geklaut wird freilich. Gerade samstagabends, gerade in Clubs: „Diebstähle gibt es schon ewig, das jetzt auf die Flüchtlinge zu schieben, ist mir zu einfach und schlichtweg falsch“, so Markus Wittpenn. Er muss es wissen: Seine Teams der Movement Security stehen seit mehr als acht Jahren an zahlreichen Türen, man ist in der Leipziger Clubszene bestens vernetzt. Besonders sensibel reagieren sie auf Diskriminierungen und Belästigungen, unabhängig von Herkunft und Aussehen: „Wir haben da nie einen Unterschied gemacht: Wer sich scheiße benimmt, fliegt raus.“

Diese einfache wie klare Linie scheint ein zentraler Punkt zur Lösung des Problems zu sein, mit dem unter anderem das Conne Island zu kämpfen hat. Wo Besuchern mehr Zeit gestattet werden muss, sich an neue Situationen zu gewöhnen – Stichwort vorauseilender Antirassismus – sollten ein Haus und seine Security klar agieren. Wittpenn ist strikt gegen Vorverurteilung oder Selektion am Einlass: „Das Rausfliegen muss man sich verdienen.“ Oder wie Ackermann es ausdrückt: „Arschlöcher werden konsequent als Arschlöcher behandelt.“ Auch ruft man sich schon mal untereinander an, wenn gerade in einem Club wer rausgeflogen ist und weiterziehen will.

Über Crystal spricht fast niemand

Hat ein Club für seine Tanzveranstaltungen aber gar kein Sicherheitspersonal, haben Täter leichtes Spiel. Die Moritzbastei kennt das Problem, allerdings trat es gut ein Jahr vor den steigenden Flüchtlingszahlen auf. Als die MB als Reaktion auf Rassismusvorwürfe am Einlass (die sich als unbegründet erwiesen) ihre Kon­trollen lockerte, gab es eine Zeitlang merklich Probleme mit Antanz-Banden. Seit 2015 finden bei allen Gästen Ausweiskontrollen statt. Die Türsteher sind geschult, man versucht von vornherein Konflikte zu vermeiden: Auffällig angetrunkene oder größere Männergruppen werden nicht in die Disko gelassen, egal ob Fußballfans oder Junggesellenabschiede, egal ob augenscheinlich deutsch oder nicht. Gleichzeitig geben Gespräche mit dem Antidiskriminierungsbüro der Uni Orientierung, Vorverurteilungen an der Tür zu vermeiden. Die Lage ist im Griff, Vorfälle sind selten.

Eine Kombination bleibt, die fortwährend für Stress sorgt: „Das Problem heißt immer: Alkohol und Männer“, sagt Ackermann, das lässt sich auf keine Gruppe oder Nation eingrenzen. Mit Sorge bemerkt Wittpenn im Disko-Alltag: „Die gesamte Kriminalität und Gewaltbereitschaft ist gestiegen, gerade auch unter Deutschen.“ Krause ergänzt: „Man merkt diese Verrohung. Ein Mikrokosmos-Denken, wo jeder sich selbst der Nächste ist.“ Neben Gewalt ist auch Belästigung bei weitem kein von Migranten gepachtetes Fehlverhalten: „Das größere Problem ist immer noch, wie deutsche Männer mit Frauen umgehen.“

Für eine weitere dringende Fokusverlagerung spricht sich Wittpenn aus: „Leipzig hat ein großes Problem mit Drogen, besonders Crystal.“ Darüber spreche fast niemand. Die Crystal-Gangs, heißt es, sind fast ausschließlich deutsch.

Von Karsten Kriesel

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