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Strippenzieher im wahrsten Sinne: Jean-Pierre Larroche in Leipzig

Westflügel-Gastspiel Strippenzieher im wahrsten Sinne: Jean-Pierre Larroche in Leipzig

Lange hat der Lindenfels Westflügel vergeblich auf einen Besuch der Figurentheater-Koryphäe Jean-Pierre Larroche gewartet. Nun ist der Franzose nach seinem ersten Gastspiel dort vor anderthalb Jahren schon wieder hier. Diesmal führt er seinen wunderbar absurden Dauerbrenner „A Distances“ auf.

Jean-Pierre Larroche und Jerémie Garry im Lindenfels Westflügel.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Neu ist es nicht, das Stück, aber zu altern scheint es auch nicht. Im Gegenteil. Seit 2002 tourt Jean-Pierre Larroche mit „A Distances“ durch die Welt. Am Donnerstag war und Freitag ist der französische Objekttheatermacher, bildende Künstler und Initiator von Les Ateliers du spectacle mit der Inszenierung zu Gast im West­flügel.

Die Wirkmacht des Absurden und der Einbildungskraft. Die Mechanik der Suggestion. Die Struktur, nach der ein Geheimnis funktioniert. Und die dünnen, fast unsichtbaren Fäden, die hier wie Nervenstränge Ursache-und-Wirkung-Abfolgen durch den Bühnenraum kabeln. Einen, der aussieht wie das wüste Experimentierkabinett eines kabbalistischen Erfinders, von dem man selbst nicht genau sagen könnte, ob – und wenn ja, bis wohin – er noch Mensch (also Schöpfer) oder schon Maschine (also Schöpfung) ist.

„A Distances“ ist ein 80-minütiges Stück, das aus sieben kleinen Stücken besteht. Ein Puzzle szenischer Miniaturen und fragmentarischer Exkursionen, die mit Überschriften wie „Der Lauf der Dinge beim Sprechen“, „Es gibt keine Köder oder Ursache“ und „Tagebuchauszüge von Paul Valery“ überschrieben sind. Im Hintergrund, maskiert oder im Halbdunkel geschützt, bleibt Larroche lange der sich verbergende Zeremonienmeister, der seine Schöpfungen vorführt. Der Strippenzieher im wahrsten Sinne, der mit kleinen Handbewegungen über räumliche Distanzen hinweg all die im Bühnenraum verteilten, mal besser, mal schlechter definierbaren Objekte in dramatische Interaktionen versetzt.

Dinge krachen zusammen, ein Minifeuerwerk verpufft

Da quert gefährlich wacklig ein Stock die Spielfläche, vollführen abstrakte Skulpturen eckige Tanzbewegungen, gibt es eine Material- oder besser eine Objektschlacht auf einer Puppenbühne. Dinge krachen zusammen oder verfügen sich, Zahnräder schnurren, ein Minifeuerwerk verpufft. Larroche malt mit zwei Pinseln zugleich ein traumverzerrtes Selbstbildnis und fügt dem bis dato nonverbalen Geschehen noch einen Part aus Shakespeares „King Lear“ hinzu.

Jenen kurzen, berührenden Monolog intonierend, den der alte Narr von König reuevoll zu seiner Tochter Cordelia spricht. Dieses „We two alone will sing like birds“, das Larroche danach zerpflückt und gleichermaßen neu verfügt, in einem Objekt-Wortsilben-Hickhack- Spiel, das zu verstehen allerdings die Beherrschung des Französischen über Grundkenntnisse hinaus voraussetzt.

Aber selbst, wenn einen diesbezüglich die Bildungslücke im Dunkel tappen lässt, fügt sich das dennoch in dieses ohnehin nur schwer durchschaubare, dafür umso faszinierendere absurdistische Pataphysik-Kabinett (auf Jean-Pierre Brisset wird dezidiert verwiesen). Und wer nichtsdestotrotz Erhellung sucht, dem helfen vielleicht die Valéry-Reflexionen zum Funktionswesen dessen, was ein Geheimnis definiert, die im Finalteil der Inszenierung auch (gottlob) in Deutsch vorgetragen werden. In einer großartigen Szene, die dieses ganze „A Distance“-Theater noch einmal verdichtet und illustriert. Und das, ohne es zu entzaubern.

„A Distances“ erneut am Freitag, 20 Uhr; davor (18 Uhr): „Einstein trifft Picasso und geht mit ihm ins Kino“ – Vortrag von Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer

Samstag und Sonntag, je 16 Uhr, im Lindenfels Westflügel (Hähnelstraße 27): Theater Ozelot mit „Mutige Prinzessin Glücklos“, ab 7 Jahre, Eintritt 12/8 Euro

Von Steffen Georgi

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