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Stroboskop und Studentenfutter: ein ausgelassenes Leipziger Tocotronic-Konzert

Conne Island Stroboskop und Studentenfutter: ein ausgelassenes Leipziger Tocotronic-Konzert

Natürlich könnten Tocotronic in Leipzig größere Säle füllen, natürlich haben sie das auch schon getan. Natürlich kehren sie aber immer wieder am liebsten ins Conne Island zurück – so auch am Donnerstag, und zwar für ein heftig gefeiertes Konzert.

Eine von beiden Seiten liebgewonnene Liaison: Tocotronic (von links: Rick McPhail, Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller) und das Conne-Island-Publikum (davor)

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Für zwei mit Bindungsschwierigkeiten ist diese Liebe eine sehr stabile: Zum einen das Conne Island, seit 25 Jahren Hort der unangepassten Lebenskultur und Skepsis gegenüber System und Konformität. Zum anderen Tocotronic, diese über 20 Jahre Kultur gewordene Jugendwut, denen nach wie vor Begriffe wie Heimat und Tradition höchst suspekt sind: Immer wieder kommen sie liebend gern zusammen, so auch am Donnerstag.

Die Vorzeigestudenten der Hamburger Schule steuern im Rahmen ihrer „Pädagogisch Wertlos“-Tour neben Leipzig nur vier weitere Clubs an, die der Band „besonders am Herzen liegen“. So unpassend es also klingt: Tocotronic haben im Conne Island eine Heimat gefunden, die stets ausverkauften Konzerte haben Tradition.

Denen, die der Liaison beiwohnen können, empfiehlt die Club-Homepage kulturbedingt Rotwein anstelle des „ganzen Mate-Bier-Wasser-Scheiß“. Aber im konzertbedingten Plastikbecher schmeckt nun einmal die gute alte Gerstenschorle besser, Dirk von Lowtzows Samtstimme hin, kulturelle Credibilität her.

Auffällig wenige Emoticons

Mit einem für ein Rockkonzert selten hohen Brillenaufkommen, getragen von einer bunten Akademikermischung vom unteren Semester bis zum Oberstudienrat, füllt sich der Saal. Die zu erspähenden Whats-App-Dialoge in vereinzelt aufblitzenden Smartphonedisplays sind auffällig emojiarm und textlastig. Die Stimmung jedoch steht keinem Rockkonzert-Anspruch nach. Nach kurzem Intro öffnet sich die Backstage-Tür: Erhobene Faust, Verbeugung, Jackett sauber auf dem Verstärker abgelegt und los geht’s. Dass von Lowtzow seine Band nicht vorstellen muss, steht außer Frage, weswegen ein erster gemeinsamer Lacher die Gewohnheitsbegrüßung „Hallo Leipzig, wir sind die Gruppe Tocotronic“ unterbricht.

Sie sehen aus wie immer, nur älter und zum Teil trendaffin bärtiger, selbst das Unschuldsgesicht von Bassist Jan Müller hat inzwischen leicht markante Linien in seine Jungenglätte bekommen.

Kein Pogokreis, nein, eine Pogosaal

Man ist sich einig, fühlt sich wohl, ausgerechnet zu „Ich will für dich nüchtern bleiben“ ziehen Haschischwolken im Saal auf. Das Publikum nimmt von Lowtzow jede Liedzeile lautstark ab, gern auch vorweg. Tocotronic rocken dazu auf der Bühne, so leidenschaftlich es die Kopfbremse ihres Diskursrocks hergibt, und zeigen angesichts des ausgelassenen Publikums dermaßen ehrliche Freude, dass einem der ausgetretene Begriff „authentisch“ aus dem Kopf purzeln mag.

Neben neuen, oft intellektuell-verkopften Titeln, gibt sich die Band alle Mühe, ihr vor mittlerweile 17 Jahren aufgestelltes Postulat „Let there be Rock“ zu erfüllen. Spätestens mit ihrer 1995er Prophezeiung „Digital ist besser“ bildet sich kein Pogokreis, nein, ein Pogosaal, schweißtreibend, aber brillenkompatibel. Für das Publikum sind in der Folge dann auch schon Stücke mittleren Tempos Futter genug, um euphorisch auszurasten, in Hemd und Pullunder Crowdsurfende findet man wohl nur bei Tocotronic.

Zur ekstatischen Unterstützung wird sowohl bei schnelleren Nummern als auch bei alptraumhaft atmosphärischen Gitarrenflächen kräftig mit Stroboskop geschossen. Möglicherweise war am Freitag die Uni (Muskel-)Kater-bedingt ein wenig leerer als sonst. Aber wie heißt es bei Tocotronic so treffend: Pure Vernunft darf niemals siegen!

Von Karsten Kriesel

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