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Studentische Innenarchitektur: AnnenMayKantereit im Haus Auensee

Konzert Studentische Innenarchitektur: AnnenMayKantereit im Haus Auensee

Wie angeknipst, von jetzt auf gleich, ist es losgegangen: Die Musik rumpelt, die Fans jubeln. Das Kölner Quartett AnnenMayKantereit hat am Sonntagabend das erste von zwei ausverkauften Konzerten im Leipziger Haus Auensee gegeben.

Christopher Annen, Henning May, Severin Kantereit (verdeckt) und Bassist Malte Huck (von links) im Haus Auensee.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Wege werden ja bekanntlich kürzer, wenn man sie mehrfach geht. Das gilt jedoch nicht für jenen von der Georg-Schumann-Straße zum Haus Auensee, das dank AnnenMayKantereit am Sonntag ausverkauf war und es am Montag erneut ist. Man muss eigentlich nur die Linkelstraße runter, die sich durch immer kleiner werdende Häuser schlängelt. Irgendwann ist dann die Stadt zu Ende und das Haus Auensee in Sicht. Doch jedes Mal, wenn man hier langgeht, taucht eine weitere Kurve in diesem S-Kurvengeflecht auf! Vermutlich driften hier zwei Kontinentalplatten immer weiter auseinander.

Kurz nach neun schreit das Publikum am Sonntag AnnenMayKantereit auf die Bühne. Die Smartphones sind schon auf Kamera gestellt. Unvermittelter kann ein Konzert nicht beginnen: „Wohin du gehst“ rumpelt von jetzt auf gleich los. Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug springen gemeinsam ins kalte Wasser. Es klingt so, wie wenn die CD schon läuft, der Verstärker aber noch drei Sekunden braucht, um zu erwachen. Schwer zu beschreiben. Statt sich darüber zu wundern, schreit der ganze Saal – ebenfalls wie angeknipst – ab der ersten Silbe inbrünstigst den kompletten Text mit. Wahnsinn.

Das Schlagzeug klingt nach Straßenbandkoffersound, der Bass grummelt entsprechend. Zur Akustikgitarre spielt Christopher Annen die Mundharmonika am Halsgestell. Henning May singt dazu, wobei, was heißt schon „singt“ bei ihm, er krächzt und kratzt, schreit und brüllt die Songs. Das Publikum brüllt ihm nach, füllt zudem jede seiner Pausen mit Gekreische. Man braucht an diesem Abend Ohrenstöpsel, aber nicht wegen der Band. Die stellt schon im zweiten Song die zentralen Gedanken ihres Parteiprogramms vor: „Mach’ dir keine Sorgen / Du machst dir unnötig Sorgen / Es geht mir gut / Es geht mir eigentlich immer gut.“ Und diese Partei hält sich an ihr Programm!

Natürlich ist das harmlos und naiv

Dann wechselt Henning May ans Piano und singt von seinem neuen Zimmer in der WG mit Schlagzeuger Severin Kantereit. Damit eröffnet er den zweiten Topos der Songs: studentische Innenarchitektur. Es wimmelt in den Liedern nur so vor gemeinsamen Altbauwohnungen, Hochbetten und schlafenden Mitbewohnern im Nebenzimmer. Folglich werden die Gedanken in der WG mit dem Klingelschild AnnenMayKantereit dominiert von amourösen und alkoholischen (Miss-)Erfolgsgeschichten.

Natürlich ist das harmlos und naiv, vorwerfen müsste man das aber wohl eher der Generation als der Band, die Ergebnis dieser ist. Warum sollten Zwanzigjährige nicht Themen von Zwanzigjährigen verhandeln? Andererseits: Man kann das im Jahr 2017 auch wie Isolation Berlin oder Trümmer tun. Nur kommen dann halt (fast) keine Leute. Zu den harmlosen AnnenMayKantereit kann man eben seinen Fjällrävenrucksack und die Mutti mitnehmen.

Ein Lied, das größer ist als die Band, die es spielt

In den Liebesliedern des Konzerts rechnet man eigentlich jeden Moment damit, dass die Band Klaus Lages „1000 und 1 Nacht (Tausendmal berührt)“ anstimmt oder Matthias Reims „Verdammt, ich lieb dich“. Tut sie nicht. Fröhlich gecovert wird trotzdem: von „Sunny“ bis „Come Together“. Es klingt dann immer ein bisschen, als ob eine Spring­steen-Dire-Straits-Coverband die Lieder spielt. Insbesondere „Sunny“ verliert so jegliche Leichtigkeit, wird übers Reibeisen Richtung „House Of The Rising Sun“ gezogen. Kann man schon mal machen. Mays Stimme funktioniert ziemlich gut mit den englischen Texten, auch mit dem eigenen Song „James“ vorgeführt, für den Trompeter Ferdinand Schwarz erstmals auf die Bühne kommt, der immer wieder während des Konzerts eine Prise Element of Crime in die gute Laune bläst.

In „Du bist überall (aber nicht hier bei mir)“ beschwert sich die Band über die heutzutage omnipräsenten Handyfilmer auf jedem Konzert: „Es ist kein schönes Gefühl, bei ’nem Liebeslied die ganze Zeit mit einem Handy gefilmt zu werden / Den Scheiß guckst du dir eh nie wieder an.“ Das Publikum applaudiert und freut sich und filmt erst ein Lied später weiter.

Zum Abschluss gibt es „Oft gefragt“, ein wirklich schönes Lied eines Sohns
für seinen Vater, ein Lied, das größer ist als eine Band, die es noch sehr lange spielen wird. Das Publikum jubelt so laut, dass die Jungs von AnnenMayKantereit es noch hören würden, wenn sie schon mit Kopfhörern im Nightliner auf der A4 wären.

Von Benjamin Heine

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