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Suche nach dem „Sächsischen Wort des Jahres hat begonnen“

„Das Dialektwissen wird geringer“ Suche nach dem „Sächsischen Wort des Jahres hat begonnen“

Es war mal "Blaadsch", davor war es "Gelumbe". Beim "Sächsischen Wort des Jahres" wird nach dem schönsten, bedrohtesten und belibetesten sächsischen Wörtern gesucht. Ein Interview mit Sprachforscherin Evelyn Koch.

Galionsfigur des Sächsischen: Ilse Bähnert alias Tom Pauls. Seine Ilse-Bähnert-Stiftung ist federführend bei der Suche nach dem „Sächsischen Wort des Jahres.“

Quelle: André Kempner

Leipzig. Zwischen Leipzigern, Chemnitzern und Dresdner gibt es kaum noch Unterschiede im Dialekt. Erzgebirgler, Oberlausitzer und Vogtländer dagegen sprechen nach wie vor dialektnah. Das sagt Evelyn Koch, bis Herbst Sprach- und Sprechwissenschaftlerin an der TU Dresden. Ihre Erkenntnisse beruhen auf Pilotstudien, von denen sie nach ihrer Pensionierung noch einige betreut. Forschungen zum gesamten sächsischen Sprachraum gibt es jedoch seit 50 Jahren nicht. Dafür startet die Ilse-Bähnert-Stiftung mit der „Leipziger Volkszeitung“ und MDR Sachsen bereits zum zehnten Mal die Suche nach den sächsischen Wörtern des Jahres.

Sprechen alle Sachsen Sächsisch?

Sächsisch wird nicht nur in Sachsen gesprochen und nicht in ganz Sachsen wird Sächsisch gesprochen.

Wo sprechen Menschen hauptsächlich Sächsisch?

Kerngebiet der sächsischen Sprache ist der Raum Leipzig-Dresden-Chemnitz. Gleichzeitig wird auch die Sprache bis Wittenberg und Jessen oder Halle, wie auch die in Altenburg als Sächsisch bezeichnet. Die Abgrenzung gegenüber den brandenburgischen und thüringischen Mundarten ist fließend. Im Vogtland und Westerzgebirge sind neben dem sächsischen Einfluss noch ursprüngliche mainfränkische, im südlichen Vogtland auch nordbairische Prägungen vorhanden.

Die Sachsen bekommen derzeit mal wieder attestiert, dass ihr Verhalten, sagen wir es höflich, merkwürdig sei. Als schlechter Ausdruck gilt unter anderem der angeblich besonders ausgeprägte Dialekt. Gleichzeitig behaupten Linguisten, die sächsische Mundart sei ausgestorben. Wie geht denn das zusammen?

Gar nicht. In Sachsen verhält es sich mit dem Dialekt nicht anders als in Bayern, Schwaben oder im Rheinland. Wie in anderen Gegenden Deutschlands auch ist die Regionalität zurückgegangen, aber nicht verschwunden.

Was heißt das?

Das heißt, die meisten Menschen verhalten sich überwiegend zweisprachig, im Privaten sprechen sie mehr dialektnah, vermögen es aber zugleich, in offiziellen Situationen dem hochdeutschen Standard nahe zu kommen. Wir verfügen heute in der Regel alle über ein Repertoire von unterschiedlichen Sprechweisen und Sprechlagen.

Existieren Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Im Großraum Dresden-Leipzig-Chemnitz wird der Dialekt immer weniger genutzt und gleicht sich mehr und mehr an. Sprachliche Unterschiede sind kaum noch auszumachen, mitunter fast nur noch in der Sprachmelodie. Die Differenzen zwischen diesen Räumen verringern sich, Dialektologen sprechen deshalb von einer überregionalen Ausgleichssprache.

Und wie verhält es sich in den ländlichen Räumen?

In den Kleinräumen wie im Vogtland oder dem Westerzgebirge ist das Dialektwissen größer, und Unterschiede in der Sprechweise sind viel deutlicher hörbar, außerdem unterscheiden sich hier die Dialekte gegenüber dem Großraum Dresden-Leipzig-Chemnitz. Auf Teile der Lausitz mag das ebenso zutreffen, aber das habe ich nicht erforscht.

Was sind die Ursachen dieser unterschiedlichen Dialektanwendung?

Die großen Städte gelten als Schmelztiegel, unterliegen mehr Spracheinflüssen von außen und die Fluktuation der Bevölkerung ist viel größer. Das äußert sich in einer geringeren Dialektalität. Im Gegensatz dazu weist beispielsweise das Vogtland als abgegrenzte administrative Einheit und als Kulturraum eine gewisse Eigenständigkeit auf. In kleinen Orten ist die Identität stärker ausgeprägt, was sich auch in der Beibehaltung von dialektalen Formen äußert. Das war allerdings schon immer so und ist kein Novum.

Hat sich die bisher bekannte historische Gliederung des Sächsischen in bis zu 21 Sprachräume damit erledigt?

Das klingt hart, aber tatsächlich hat sie sich das stark nivelliert. Heutige Dialektkarten gehen auf die Ergebnisse einer Fragebogenaktion vom Ende des 19. Jahrhunderts sowie auf Untersuchungen aus den 1920er- bis 1960er-Jahren zurück. Das scheint mir veraltet. Neuere Wahrnehmungsstudien zeigen, dass in Sachsen noch mindestens fünf große Sprachräume unterschieden werden können: Dresdnerisch, Leipzigerisch, Vogtländisch, Lausitzisch, Erzgebirgisch. Dazwischen liegen kleine Unterschiede in der Melodie, der Aussprache und in spezifisch lokal verwendeten Vokabeln.

Wie hat sich denn der Dialekt in den vergangenen 25 Jahren geändert?

Das wissen wir nicht. Es gibt dazu keine größeren Untersuchungen, nur einzelne Pilotprojekte, beispielsweise zum Vogtland, zum Westerzgebirge und zu Dresden.

In den vergangenen 25 Jahren wurde dem sächsischen Dialekt in bundesweiten Umfragen immer wieder bescheinigt, er sei der schlimmste unter den deutschen Dialekten – und der Freistaat Sachsen hat keine Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Sprache zu erforschen?

Sächsisch ist keine Ausnahme unter den Dialekten. Die Außenseiterrolle ergibt sich aus der ständigen Stigmatisierung. Fakten und wissenschaftliche Analysen könnten Vorurteilen begegnen. In Sachsen gab es jedoch seit über 50 Jahren kein gefördertes Forschungsprojekt zur Erfassung der Sprachsituation in den einzelnen Gebieten des Landes. Lediglich in größeren bundesweiten Projekten wurden randständig Daten aus dem obersächsischen Raum mit erhoben. Dringend erforderlich wäre eine Erfassung der aktuellen Sprachsituation aller wesentlichen Sprachlandschaften in Sachsen und eine darauf basierende Neubearbeitung der Monographie „Sächsische Mundartenkunde“ von Becker/Bergmann aus dem Jahr 1969.

Gibt es dennoch erkennbare Tendenzen?

Ich sehe, dass die Generation der um die 70- bis 80-Jährigen nach wie vor in den kleineren Räumen wie dem Vogtland Dialekt spricht, dass aber die Generation der 40- bis 50-Jährigen das viel weniger tut, jedoch deren Kinder, die heute 20- bis 30-Jährigen sich des Dialektes wieder annehmen. Jene, die in der Region verblieben sind, identifizieren sich stark mit ihr und das drückt sich auch in ihrer Sprache aus.

Und gibt es einen deutschlandweiten Trend?

Ja, das Dialektwissen wird geringer, was sich darin zeigt, dass die Vokabeln aus den Dialekten immer mehr abnehmen. Auch spezifisch sächsische Wörter verschwinden, deshalb ist es gut, das sie mit der Aktion „Sächsisches Wort des Jahres“ gesammelt und damit gerettet werden. Und dann gibt es noch etwas Verblüffendes, das vom Saarland und dem Rheinland quer durch die ganze Mitte Deutschlands bis nach Sachsen reicht: Die CH- und SCH-Laute werden verwechselt beziehungsweise wird das SCH als CH gesprochen. Das können sie beispielsweise gut vom SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, Chulz, hören. Der Sachse, Thüringer aber auch die Menschen im gesamten westmitteldeutschen Raum haben Schwierigkeiten mit den Zischlauten. Das ist ein Sprachwandelphänomen, das sich nicht aus bekannten historischen Lautprozessen erklären lässt, aber es ist so.

Interview: Peter Ufer

Wortgesuche

Für die Aktion „Sächsisches Wort des Jahres“ sammelt die Jury wieder sächsische Wörter. Senden Sie ihre Favoriten per Email an: kultur@lvz.de, Betreff: „Sächsisches Wort des Jahres“; Zur Leipziger Lachmesse findet zum 10. Jubiläum des „Sächsischen Wort des Jahres“ eine Sachsen-Gala am Sonntag, dem 15. Oktober 2017, 11 Uhr, im Haus Leipzig statt.

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