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Süße Melancholie: Max Raabe solo im Gewandhaus

Perfekte Inszenierung Süße Melancholie: Max Raabe solo im Gewandhaus

Diesmal ohne das Palast-Orchester: Am Donnerstag war der wunderbare Max Raabe nur mit Klavierbegleitung im Leipziger Gewandhaus. Und es fehlte nichts.

Max Raabe
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig.  Ein Konzert mit Max Raabe ist immer eine Zeitreise. Nostalgie scheut er nicht, der gebürtige Westfale und langjährige Wahl-Berliner. Die Inszenierung ist perfekt: schwarzer Flügel, schwarzer Frack, zwei Spots und ein Mikrophon wie aus einem alten Musicalfilm. Die Begeisterung seines Stammpublikums ist ihm sicher. Die allermeisten im Saal waren freilich noch lange nicht geboren, als die Lieder en vogue waren, die Raabe singt, jene deutschsprachigen Schlager der Zwischenkriegszeit. Das durchaus zahlreich erschienene Publikum ist nämlich mehrheitlich mittleren Alters. Ob es Fans unter 30 nicht gibt oder ob sie sich den Eintritt nicht leisten wollen, sei dahingestellt.

Max Raabe begeistert durch Reduktion: Ebenso konzentriert wie sein Repertoire wirkt auch sein formelles, fast steifes Auftreten – natürlich Teil der Inszenierung – und die knappen Ansagen. Umso mehr schlagen die wenigen wohlplatzierten Pointen ein. Diskretion und Noblesse zeichnet auch seinen musikalischen Partner aus: Christoph Israel begleitet am Klavier höchst gekonnt und bringt mit genau abgestuften Akzenten das Beste an Raabes Gesang zum Vorschein. Auch gemeinsames zweistimmiges Pfeifen mit dem Sänger zählt zu seinen Aufgaben.

Viel ist über Max Raabes Gesangsstil gesagt worden, der sich an Vorbildern aus der Entstehungszeit seiner Lieder orientiert, inzwischen aber selbst auch schon an unserem Bild von dieser Zeit mitgezeichnet hat. Geschickt weiß der Sänger die Stärken und Schwächen seines Baritons zu nutzen, die warm-sonore Tiefe wie die fragile, stets im Falsett genommene Höhe. Charakteristisch sind der näselnde Klang und das altmodische Rollen der R-Laute. Zum Stil der Lieder passend und genau kalkuliert ist es, wenn Raabe immer wieder in erzählerischem Ton zu Sprechen beginnt, hin wieder auch pfeift oder summt.

Worin aber liegt die Faszination? Max Raabe gehört zu den wenigen, die mit Hingabe und Stil dieses wunderbare Repertoire pflegen, aus jener goldenen Zeit, als es einmal eine anspruchsvolle, witzige, elegante Unterhaltungsmusik in deutscher Sprache gab ... Nein, dem Reflex des „Früher war alles besser“ ist zu misstrauen, ganz grundsätzlich, doch schlecht war die leichte Musik der Weimarer Republik gewiss nicht. Man staunt bisweilen über die musikalischen, mehr noch aber über die textlichen Pointen. Manches ist anrührend, manches sehr witzig und erstaunlich frivol. Dabei kann auch die Kunst der Auslassung zum Tragen kommen, wenn etwa Raabe die rhetorische Frage „Weißt du, was du kannst“ beim zweiten Auftreten mit einem vielsagenden Pfeifen beantwortet, wo beim ersten Mal noch die unschuldige Antwort kam: „mich am Nachmittag besuchen“. Schon die Titel verraten, wo die Reise mit Raabe hingeht: „Mein Herz ist ein Salon für schöne Frauen“, prahlt er, fordert „Sag nicht du zu mir, wenn meine Frau dabei ist“ und fleht „Carmen, hab Erbarmen, ich bin müde“. Immer wieder hört man im Saal lustvolle Seufzer des Wiederkennens – wenn Raabe zum Beispiel „Ein Lied geht um die Welt“ anstimmt.

So bekommt ein Konzert von Max Raabe noch eine ganz andere Note: Es ist ein Blick in eine goldene, untergegangene Zeit. Denn nach der Blüte kam der Terror. Nahezu alle der Künstler, die Raabe mit seinen Ansagen so peinlich genau würdigt, mussten 1933 emigrieren: Walter Jurmann, Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender und andere mehr. Schön, dass sie in Max Raabe einen leidenschaftlichen Interpreten haben. Wer diese zwei Stunden im Gewandhaus verbracht hat, hat viel gelacht, von süßer Melancholie gekostet, vielleicht auch mal innerlich mitgesummt – kurz: einen herrlichen Abend verbracht.

Von Benedikt Leßmann

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