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Symposium: Walser und Thierse über "Künste im doppelten Deutschland"

Symposium: Walser und Thierse über "Künste im doppelten Deutschland"

Wenn von Lenkung und Zensur der kulturellen Produktion und Rezeption in Deutschland die Rede ist, scheint es zunächst nur um die DDR zu gehen. Die beiden deutschen Staaten in den Jahren der Teilung in dieser Beziehung zu vergleichen, ist jedoch Anliegen des ersten gemeinsamen Symposiums der sächsischen Akademien der Künste und der Wissenschaften.

Schriftsteller trifft Politiker, Sozialisation West auf Sozialisation Ost: Martin Walser (l.) und Wolfgang Thierse im Alten Rathaus.

Quelle: André Kempner

In zwei Tagen kann das Thema nur angerissen werden. Dass es dafür höchste Zeit ist, zeigte schon der Auftakt der Leipziger Veranstaltung.

 

 

"Von deinem Schiff hast du mir nachts nackte Weiber gezeigt, da habe ich Volkslieder dagegengegeigt" sang Gerhard Gundermann in grober Vereinfachung, die einem Liederschreiber erlaubt ist, 1995 über den Krieg, den wir uns gegenseitig vor die Füße gelegt haben, also über die Sichtweise der Deutschen (Ost) und der Deutschen (West) aufeinander. In der Wahrnehmung scheint man auch knapp zwei Jahrzehnte später noch nicht sonderlich viel weiter gekommen zu sein.

Um Gundermann, der eine eigene IM-Vergangenheit hat, doch auch von Zensur ein Lied hätte singen können, ging es nicht bei Wolfgang Thierses Eröffnungsrede. Da fielen größere, aber auch nicht ganz unumstrittene Namen wie Heiner Müller oder Wolfgang Mattheuer. Der heutige Vizepräsident des Bundestages war in seiner Doppelfunktion als langjähriger Spitzenpolitiker im vereinten Deutschland wie auch als Aktiver der Kulturszene, unter anderem als Mitautor der Drehbücher mehrerer Defa-Filme, eine Idealbesetzung für den Auftakt des Symposiums "Autonomie und Lenkung. Die Künste im doppelten Deutschland".

Wie nicht anders zu erwarten, reicherte er seinen Vortrag im leider kaum halb gefüllten Saal des Alten Rathauses mit persönlichen Erinnerungen an. Vor allem aber plädierte er dafür, dass Ost- und Westdeutsche - nicht allein in der Kulturszene - sich endlich oder nochmals ihre Lebensgeschichten erzählen und dabei auch zuhören sollen, um vom Zerrbild der strahlenden Sieger auf der einen, der verhuschten Mäuse auf der anderen Seite wegzukommen. So eigenartig das im Jahr 23 nach der Einigung klingen mag, so berechtigt ist die Ermahnung offenbar.

Wolfgang Thierse (69) bezeichnete sich zwar als politisches Weltkind, er ist aber in der DDR sozialisiert worden. Also erzählte er über diese spezifische Sichtweise auf die Kunst oder die Künste, die im Bündel Thema des Symposiums sind. Da ging es beispielsweise um die unsägliche Weimarer Ausstellung zur DDR-Kunst von 1999 und auch um die vieles wiedergutmachende Schau von 2012 am gleichen Standort, aber selbstverständlich auch um das Erdbeben, welches 1976 die Ausbürgerung Biermanns auslöste. Und es ging eben um das wohl herausragende Exempel deutsch-deutscher Nichtverständigung, das drastische Umschlagen des Verhaltens gegenüber Christa Wolf vor und nach 1990, die Demontage einer vormaligen Ikone für beide Lager. Auch als Thierse auf die Westkunst einging, standen dabei die aus der DDR Weggegangenen von Baselitz bis Stelzmann im Mittelpunkt. Ein kongenialer Redner aus dem Westen war für diese Eröffnungsveranstaltung nicht eingeplant.

Das eigentliche Symposium im Zeitgeschichtlichen Forum untergliedert sich in die vier Panele "Zensur und Selbstzensur", "Staatskunst und Systemkritik", "Zeitkritik und Utopie" sowie "Medien und Manipulation". Beim ersten Panel am gestrigen Vormittag war das Podium geografisch durchaus ausgewogen besetzt. Günther Heydemann als erster Referent versuchte allerdings einen Vergleich der Zensur im NS-Regime und der DDR. Für ihn als Direktor des Dresdener Instituts für Totalitarismusforschung ist das naheliegend. York-Gothart Mix, Professor in Marburg, ging im zweiten Vortrag zumindest theoretisierend auf die "informelle Zensur" in der alten Bundesrepublik ein.

Martin Walser, weltbekannter Literat vom Bodensee, zog mit seiner Eloquenz die folgende Diskussion mit Elogen auf den Leipziger Autor Gert Neumann und seinen Roman "Elf Uhr", der 1981 in Frankfurt am Main erschien, an sich. Der höfliche Moderator Peter Gülke konnte da schwer gegenhalten. So interessant die weiteren Beiträge auch waren, so ging es doch hauptsächlich darum, wie in der DDR die Künste mehr oder weniger erfolgreich "auf Linie" gebracht wurden, mit dem Nebeneffekt, dass Bücher, Theaterstücke oder Gemälde sowohl von Seiten der Obrigkeit wie auch vom begierigen Publikum eine Intensität der Aufmerksamkeit und Interpretation erfuhren, von denen Künstler unter liberalen Bedingungen nur träumen können.

Der Musikwissenschaftler Helmut Loos kam letztlich doch auf das Phänomen zu sprechen, das Walser kurz als Diktat des Zeitgeistes angerissen hatte. Die "unbarmherzige Autonomieästhetik" mit der Beweihräucherung von abstrakter Malerei und atonaler Musik als bequeme Flucht vor einer vertieften Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Nationalsozialismus habe auch in der alten BRD Züge einer inoffiziellen Zensur angenommen, die Biografien zerstören konnte. Vom "Zeitgeist" der70er zur politischen Korrektheit von heute ist es ein kurzer Weg. So werden sich Ost- und Westdeutsche hoffentlich nicht nur am Lagerfeuer zu Songs von Gerhard Gundermann und Reinhard Mey weiterhin ihre Lebenswege erklären, sondern gemeinsam eine Sensibilität für die jetzige Dialektik von Autonomie und Lenkung entwickeln.

 

 

Heute im Zeitgeschichtlichen Forum, Grimmaische Straße 6: 9-13 Uhr: Zeitkritik und Utopie, 15-19 Uhr: Medien und Manipulation; freier Eintritt

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2013

Jens Kassner

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