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Synchronschwimmen im Flecktarn - "Wolokolamsker Chaussee I-V" im Schauspiel

Synchronschwimmen im Flecktarn - "Wolokolamsker Chaussee I-V" im Schauspiel

Über die gesamte Bühne gezogen, Boden, Rück- und Seitenwände. Sechs Schauspieler im gleichen Muster, wie Chamäleons der Umgebung abgepaust, lösen mit ihrem Auftritt die Schwarz-Weiß-Videoprojektion von marschierenden Soldaten ab.

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Gar nicht so harmlos, wie sie aussehen: Monchichis erklären auf der Hinterbühne des Schauspiels auch gleich noch den Kapitalismus für beendet.

Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel

Flecktarn. Und bringen chorisch die ersten Textzeilen aus Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee I-V" zum Klingen, das am Freitagabend auf der ausverkauften Hinterbühne im Schauspiel Leipziger Premiere feierte.

Müllers Text und mit ihm die Neuinszenierung von Philipp Preuss setzt das Publikum vor den Toren Moskaus aus. Es ist Krieg. Ein russisches Bataillon im Meer der Wehrmachtspanzer. Verzweifelter Abwehrkampf. Es geht um Angst, Gewissenskonflikte, den Wendepunkt der Historie. Psychologie löst sich auf in Geschichte. Preuss montiert ein wenig um, setzt den dritten Teil vor den zweiten. Was durchaus Sinn ergibt, den Blick auf die Kausalitäten schärft. Auf die sogenannte Pfadabhängigkeit. Wenn sich später, in der DDR des Jahres 1953, Abteilungsleiter und Stellvertreter gegenüber sitzen, dann stehen beide auch für Systeme, die sie geprägt haben. Dann wird die Begegnung in dieser Form und die Entscheidung des Konflikts erst möglich durch den Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.

Preuss arrangiert die Szene im Büro als Furz-Duell, als sei die Tonspur aus Louis de Funès' "Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe" hinterlegt. Weil die Standpunkte nur noch heiße Luft sind aus heutiger Sicht? Weil die Mechanismen der Machtspiele persifliert werden? Preuss und sein Team provozieren viele kleine Fragezeichen. Es erschließt sich nicht jede Idee. Warum etwa das Gespräch mit live eingesprochenem Hall-Effekt verfremdet wird. Warum sich aus der schlüssig ineinander verschachtelten Choreografie aus Hitler-Gruß und Kommunisten-Faust ein Gebilde aus liegenden Schauspielern entwickelt, dessen gleichzeitige Videoprojektion aussieht wie das Bild der Deckenkamera beim Synchronschwimmen. Die Ästhetik, die Preuss und Ramallah Aubrecht (Bühne und Kostüme) entwickeln, mag bisweilen in Richtung gefälligen Selbstzwecks driften. Aber dagegen spricht wenig, weil die Wirkung des Textes nicht vom Ornament erdrückt wird. In der chorischen Aufteilung des Müller-Texts offenbart sich allerdings, dass nicht alle Schauspieler den Text, vorsichtig gesagt, mit gleicher Intensität vermitteln.

Irgendwann werden die Schauspieler zu Statisten. Der Text kommt vom Band, ein Tondokument, gesprochen von Heiner Müller selbst vor kleinem Publikum, immer wieder unterbrochen von Gelächter. Auch Müller lacht, als lege er die Farce unter seiner poetischen Sprache frei. Preuss scheint es als Einladung zur eigenen, kühnen Schlusspointe zu nutzen. "Wolokolamsker Chaussee", das hieß es schon im November 1989, als das Stück ebenfalls im Schauspiel aufgeführt wurde, habe binnen Wochen an Aktualität verloren. Preuss' Antwort 25 Jahre später auf die Frage nach der Aktualität: Er spannt den Bogen weit, auf Müllers Analysen der 80er sattelt er gegenwärtigen Pop-Diskurs, dem noch die Ironie der 90er eingeschrieben ist. So landet die Inszenierung über einen Tocotronic-Song beim Monchichi. Sechs Monchichis mit grotesk großen Köpfen beerdigen die Vergangenheit mit DDR-Witzen. Und entwickeln aus ungeschickter Tapsigkeit unerwartete Vehemenz: Vom Kapitalismus befreien sie uns auch noch. Das Konsumversprechen wird wütend zurück in die Plastiktüten gestopft. Während auf der Bühne, passendes Bild für die Debatte um die Bundeswehr, dem aufblasbaren Panzer sichtbar die Luft ausgeht.

Weitere Aufführungen: 17. und 26. Okt., 6. und 14. Nov., 7. Dez., 24. Jan., 8. Feb., 15. März, 19.30 Uhr; Kartentelefon: 0341 1268168

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.10.2014

Riess,Dimo

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